Pressemitteilungen 2002

Eine schallende Ohrfeige für bürgerschaftliches Engagement

Finanzminister setzt falsches Signal

»Die Vorschläge des Bundesfinanzministers, die Steuervergünstigungen für Unternehmensspenden für kulturelle und andere gemeinnützige Zwecke zu streichen, sind ein Skandal. Selten zuvor sind die hehren Worte und löblichen Initiativen der Bundesregierung – auch des Bundeskanzlers – und des Bundestags so schnell blamiert worden«, erklärte die Kulturpolitische Gesellschaft. Weniger als zehn Monate seien vergangen seit dem Ende des »Internationalen Jahres der Freiwilligenarbeit« und erst vor wenigen Wochen habe die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zum Thema »Bürgerschaftliches Engagement« ihren Abschlussbericht dem Parlament vorgelegt.

»Man kann nicht jahrelang für mehr Engagement der Bürger und der Unternehmen werben, um dann mit einem Federstrich das gewonnene Interesse und die aktivierte Spendenbereitschaft zunichte zu machen. Auf diese Weise ist kein Vertrauen zu gewinnen«, erläuterte dazu Verbandspräsident Dr. Oliver Scheytt. Gerade angesichts schrumpfender Staatsfinanzen sei es fatal, auf steuerliche Anreize zu verzichten, um privates Geld für Kunst und Kultur zu mobilisieren.

Es stehe zu befürchten, dass gerade kleinere Einrichtungen unter diesen Verzicht zu leiden hätten und sich dann wiederum an die Städte und Gemeinden wenden müssten, um einen Ausgleich zu erhalten. Diese seien jedoch schon jetzt über die Maßen belastet. »Wir messen die Bundesregierung an ihren Versprechen. Im Koalitionsvertrag heißt es: ›Kulturpolitik ist mit dem Engagement der Zivilgesellschaft aufs Engste verbunden.‹ Wenn dieser Satz Bestand haben soll, muss die Abzugsfähigkeit von Unternehmensspenden für gemeinnützige Zwecke erhalten bleiben.«, ergänzte Scheytt. Die Kulturpolitische Gesellschaft, der bundesweit ca. 1400 KulturpolitikerInnen und an Kulturpolitik interessierte Menschen angehören, hat im vergangenen Jahr ihr Jahrbuch Kulturpolitik zum Thema »Bürgerschaftliches Engagement« herausgegeben.

Bonn, 25.10.02

Kurs halten

Bundeskulturpolitik auf dem richtigen Weg

»Die Kulturpolitik des Bundes hat in den vergangenen Jahren an Profil und Gestaltungskraft gewonnen. Jetzt kommt es darauf an, die begonnene Arbeit fortzusetzen und mit neuen inhaltlichen Akzenten zu versehen.« Dies erklärte die Kulturpolitische Gesellschaft anlässlich der Stabübergabe im Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien von Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin an Dr. Christina Weiss am 22. Oktober.

Fortschritte sieht der Verband vor allem in den veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen für das künstlerische Schaffen und das Stiftungsrecht. Hervorzuheben seien aber auch die Erfolge bei der Hauptstadtkulturförderung, der Gründung der Bundeskulturstiftung, des Holocaust-Denkmals usw.»Die Berufung von Michael Naumann und Julian Nida-Rümelin als erste Kulturstaatsminister waren ein Glücksfall für die Kulturpolitik«, sagte dazu der Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, der Essener Kulturdezernent Dr. Oliver Scheytt. »Sie haben es verstanden, der Kulturpolitik des Bundes Konzeption, Transparenz und Gewicht zu verschaffen. Der scheidende Kulturstaatsminister hinterlässt ein geordnetes Feld mit richtungsweisenden Perspektiven für die Zukunft.«

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Für die neue Kulturstaatsministerin Christina Weiss sieht Scheytt dennoch große Aufgaben. »Wir müssen in der Frage der Systematisierung der Kulturkompetenzen weiter kommen. Gerade angesichts der Finanzknappheit brauchen wir eine enge Abstimmung von Bund, Ländern und Kommunen in der Kulturförderung. Dazu gehört auch eine Verständigung darüber, wie wir der Falle entgehen, dass die Kulturbauten immer mehr Geld binden, so dass die Programme nicht mehr finanziert werden können.« Sorge bereite ihm auch die kulturelle Bildung an den Schulen und in den Kultureinrichtungen. »Wenn Kultur- und Bildungspolitik hier nachlassen und nicht viel stärker in Kulturvermittlung und Kreativitätsförderung investieren, fehlen die Grundlagen, auf denen wir in Zukunft aufbauen können.« Es sei erfreulich, dass mit Christina Weiss eine Kulturstaatsministerin ernannt worden sei, der diese Fragen am Herzen lägen. Sie verfüge auch über die Erfahrung und Beharrlichkeit, die kulturpolitisch verantwortlichen Akteure zu einer gemeinsamen Verständigung darüber zu bewegen, dass der kulturellen Bildung mehr Beachtung geschenkt wird.

Erfreut zeigte sich Scheytt darüber, dass der Ressortzuschnitt der neuen Kulturstaatsministerin weiterhin die Verantwortung für die Medien enthalte, weil gerade hier mit dem Deutsche-Welle-Gesetz und dem Filmförderungsgesetz Schwerpunkte lägen, die jetzt angegangen werden müssten. Auch die Ankündigung in der Koalitionsvereinbarung, eine Enquete-Kommission im Deutschen Bundestag für »Kultur in Deutschland« einzurichten, sei positiv zu werten. »Es ist dringend notwendig«, sagte der Essener Kulturdezernent, »dass auch der Bund sich Gedanken darüber macht, wie die Kommunen ihrer Kulturverantwortung in Zukunft nachkommen sollen und wie es um die soziale Lage der Künstlerinnen und Künstler bestellt ist. Dies ist eine Frage von gesamtstaatlichem Belang und sollte einer systematischen Erörterung im Deutschen Bundestag Wert sein.«

Bonn, den 22.10.02

Kompetenzen des Bundes in der Kulturpolitik bei Christina Weiss bündeln!

Dr. Oliver Scheytt, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, begrüßt die Berufung von Christina Weiss als neue Kulturministerin. »Sie ist eine der kompetentesten Persönlichkeiten der Kulturpolitik in Deutschland.« Mit ihrer Berufung sollte eine noch stärkere Bündelung der kulturpolitischen Kompetenzen auf Bundesebene einhergehen, fordert die Kulturpolitische Gesellschaft.

Handlungsbedarf sieht sie u.a. im Verhältnis von innerstaatlicher und auswärtiger Kulturpolitik. Angesichts der medialen Vermittlung kultureller Werke und Inhalte im Weltmaßstab und angesichts der durch Zuwanderung und EU-Erweiterung steigenden Ansprüche an die interkulturelle Verständigung im eigenen Land sei die Trennung von Innen- und Außenkulturpolitik immer weniger plausibel. Deshalb plädiert Scheytt für eine programmatische und institutionelle Verzahnung dieser Bereiche.

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Selbst wenn die auswärtige Kulturpolitik organisatorisch beim Auswärtigen Amt verbleibe, sei zu bedenken, die Staatsministerin mit der Außenvertretung und der Koordination der Aktivitäten innerhalb der Bundesregierung zu betrauen.

An die Parteien der Koalitionsgespräche, die am Mittwoch das Kulturkapitel verhandeln, richtete Scheytt die Forderung, Strukturen zu schaffen, die eine effektivere Koordinierung der Kulturpolitik des Bundes gewährleisten. Dies entspräche auch der Bedeutung, die das Amt in der vergangenen Legislaturperiode gewonnen habe. Bundeskulturpolitik sei weit mehr als Kulturpolitik in der und für die Hauptstadt Berlin!

Die Kulturpolitische Gesellschaft ist eine bundesweite Vereinigung von 1.500 KulturpolitikerInnen und an Kulturpolitik interessierten Menschen. Mit Fragen der Bundeskulturpolitik hat sie sich in der aktuellen Ausgabe der Kulturpolitischen Mitteilungen beschäftigt, die als Fachzeitschrift für Kulturpolitik vierteljährlich erscheint.

Pressemitteilung (Link)

Bonn, den 08.10.02

Pressemitteilung anlässlich der Mitgliederversammlung der Kulturpolitischen Gesellschaft am 4. Oktober in Leipzig

Kulturelle Bildung ganztags anbieten!

Milliardenprogramm der Koalition für Ganztagsbetreuung an Schulen muss kulturelle Bildung stärken – Bund soll Länder mit Programm binden

Die Kulturpolitische Gesellschaft sieht im Ausbau der Ganztagsbetreuung, die in den Koalitionsverhandlungen vereinbart wurde, eine große Chance, die kulturelle Bildung zu stärken. Präsident Dr. Oliver Scheytt erklärte dazu anlässlich einer bundesweiten Mitgliederversammlung in Leipzig: »Wir brauchen in den Schulen eine Verknüpfung von Wissensvermittlung und Kreativität. Im Ganztagsangebot ergeben sich dafür hervorragende Möglichkeiten vor allem auch in der Zusammenarbeit zwischen Schulen, Kultureinrichtungen und freien Trägern der kulturellen Jugendbildung.

Kulturelle Bildung muss zum festen Bestandteil der Ganztagsbetreuung werden. Dann bekommen Kinder mehr Chancen, ihre kreativen Fähigkeiten zu entwickeln. Der Lehrermangel in Kunst und Musik ist schon jetzt ein Problem, das von den Bundesländern dringend behoben werden muss. Schon in der PISA-Debatte standen die Defizite der kognitiven Wissensvermittlung allzu sehr im Mittelpunkt. Dabei ist auch die kulturelle Bildung ein Fundament der Allgemeinbildung.«

Die Kulturpolitische Gesellschaft befürchtet, dass die jetzt von der Koalition verabredeten zusätzlichen Finanzmittel nur für Technik wie Küchen und Computer eingesetzt werden, nicht aber auch für Kreativräume. Für die kulturelle Bildung bräuchten die Schulen jedoch unbedingt Musikinstrumente, Tanz-, Theater-, Kunst- und Bewegungsräume mit entsprechender Ausstattung.

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Dazu Scheytt weiter:

»Investitionen in Ganztagsbetreuung sind letztlich erst dann sinnvoll, wenn qualifiziertes Personal vorhanden ist. Ganztagsbetreuung erfordert nicht unbedingt mehr Lehrer, es können auch Künstler, Musiker, Tänzer oder Schauspieler mit pädagogischen Fähigkeiten eingesetzt werden. Weitere noch ungenutzte Potenziale sehe ich in der Kooperation der Schulen mit den Kultureinrichtungen vor Ort nach dem Motto ›Schulen ans kulturelle Netz‹.«

Die Kulturpolitische Gesellschaft fordert die neue Bundesregierung auf, die kulturelle Bildung mit diesen Intentionen als festes Element in Konzeption und Programm der Ganztagsbetreuung zu verankern, damit die Bundesländer bei der Umsetzung daran gebunden sind. Nur dann werde es ein flächendeckendes Angebot geben, das kulturelle Bildung für alle sicherstelle.

Leipzig, den 4. Oktober 2002

Kultur als Element der Allgemeinbildung stärken

Der Vorstand der Kulturpolitischen Gesellschaft hat auf seiner Sitzung am 09.09.02 in Berlin die Situation der kulturellen Bildung in Deutschland diskutiert und gefordert, Kultur als Element der Allgemeinbildung zu stärken. Er warnt davor, nach der Veröffentlichung der PISA-Studie die bildungspolitische Debatte allzu sehr auf kognitive Kompetenz und Fragen der Wissensvermittlung zu reduzieren. Schule habe vielmehr auch einen Kulturauftrag, der durch außerschulische Angebote der kulturellen Bildung nicht ersetzt werden könne.

»Wir brauchen eine möglichst frühe und aktive Auseinandersetzung mit allen denkbaren Formen der Kunst und des künstlerischen Ausdrucks«, erklärte dazu der Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, der Essener Schul- und Kulturdezernent Dr. Oliver Scheytt. Deshalb sei es notwendig, bereits in den Kindergärten mit einer qualifizierten Kreativitätserziehung zu beginnen und das Angebot an kultureller Bildung in den allgemeinbildenden Schulen auszubauen.

»Kulturelle Bildung«, so Scheytt weiter »bedarf in Zukunft einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen kommunalen Kultureinrichtungen und -trägern sowie den Schulen. Dafür ist ein ›neues Denken‹ der Kultur-, Schul- und Jugendpolitikerinnen und -politiker erforderlich. Kulturelle Bildung muss herauskommen aus dem Dauerstadium von Modellversuchen und Modellprojekten. Die vielen Experimente waren wichtig, aber jetzt brauchen wir die Kontinuität der Arbeit in Institutionen und ein qualifiziertes und motiviertes pädagogisches Personal. Die Modelle müssen in Serien gehen.«

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Die Kulturpolitische Gesellschaft setzt sich dafür ein, die strikte Trennung von Schule, Jugendhilfe und Kultur zugunsten integraler Ansätze zu überwinden. Kulturelle Bildung müsse auf alle Sparten ausgedehnt werden. Ansatzpunkte sieht sie dafür in der aktuellen Diskussion um Ganztagesangebote. Die finanziellen Mittel, die jetzt dafür bereitgestellt würden (4 Milliarden Euro allein vom Bund) bedeuteten eine einmalige Chance, das Element »Kulturelle Bildung« nachhaltig zu stärken. Durch die Verknüpfung der Schulen mit den kommunalen Kultureinrichtungen im Sinne von »Schulen ans kulturelle Netz« könnten vor Ort – durch Bundes- und Landesförderung flankiert – zahlreiche bisher noch nicht genutzte Potenziale ausgeschöpft werden.

Pressemitteilung (Link)

Bonn/Berlin, den 9.9.2002

KuPoGe-Kulturpreis 2002 an Cranach Stiftung

Der Vorstand der Kulturpolitischen Gesellschaft hat auf seiner letzten Sitzung einstimmig beschlossen, den diesjährigen Kulturpreis des Verbandes an die Cranach Stiftung Wittenberg zu vergeben. Er würdigt damit das beispielhafte Engagement, das die Verantwortlichen vor Ort bei der Restaurierung und kulturellen Wiederbelebung der Cranach Höfe in Wittenberg an den Tag gelegt haben.

»Insbesondere die Malschule in der Cranach-Werkstatt erscheint uns in ihrer sparten- und generationenübergreifenden Arbeit dem Vorläufer und historischen Erbe Lucas Cranachs verpflichtet, künstlerische Projekte in ihrer Entstehung mitzuverfolgen und auch selbst an künstlerischen Prozesses teilzunehmen«, heißt es dazu in der Preisbegründung.

Traditionsgemäß wird der Kulturpreis der Kulturpolitischen Gesellschaft in einer Feierstunde an den Preisträger übergeben. Er ist mit 1.000 Euro dotiert, hat darüber hinaus aber erhebliche öffentlichkeitswirksame Bedeutung. Als Zeichen der kulturpolitischen Anerkennung für exemplarische Kulturarbeit vor Ort besitzt er bundesweites Renommee.

Bonn, im Juni 2002

Wer Engagement fordert, muss Kompetenz fördern

Kulturpolitische Gesellschaft e.V. untersucht Qualifizierungsbedarf des politischen Ehrenamts

Um das ehrenamtliche Engagement als politisch gestaltende Kraft auf kommunaler Ebene zu stärken, fordert die Kulturpolitische Gesellschaft in einem Schreiben an die Innenminister der Länder mehr öffentliche Unterstützung für Qualifizierungsmaßnahmen. »Es kann nicht sein«, so ihr Präsident und Essener Kulturdezernent Dr. Oliver Scheytt anlässlich der Abschlusstagung zum Projekt »Kulturpolitik als Ehrenamt« in Berlin, »dass von den ehrenamtlichen Politikern immer mehr Verantwortung erwartet wird, ohne Ihnen die Möglichkeit zu geben, sich ausreichend dazu zu befähigen. Die Komplexität der zu behandelnden Fragen, der Zeitdruck und der durch finanzielle Engpässe erzeugte Handlungsdruck im Kulturbereich erfordert unvoreingenommene Meinungsbildung und rationale Entscheidungsfindung.« Dafür sei eine große kulturpolitische Kompetenz der beteiligten Akteure die Voraussetzung.

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Das Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft hat sich zweieinhalb Jahre mit der Rolle der Ehrenamtlichen KulturpolitikerInnen in den Kommunen beschäftigt. Unterstützt wurde das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Der Parlamentarische Staatssekretär Wolf-Michael Catenhusen erklärte dazu: »Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat sich zur Förderung von Projekten zum Thema Politik-Reform, neue Steuerungsmodelle und Freiwilligenarbeit auf der kommunalen Ebene entschlossen, weil die Entwicklung und Erprobung von Qualifizierungsformen zu den Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Reformprozess gehören. Darin sehe ich durchaus ein erhebliches Bundesinteresse, das es rechtfertigt, die Kulturpolitische Gesellschaft in ihrem Bemühen um diese praxisorientierten Themen zu unterstützen.«

Die Ergebnisse des Projektes »Kulturpolitik als Ehrenamt« und die Abschlusstagung »Zwischen Ehre und Amt«, die in Kooperation mit dem Deutschen Städtetag stattfand, wurden dokumentiert und werden in einigen Wochen als Dokumentation erhältlich sein. Einzelne Beiträge sind auf der Internetseite www.kupoge.de zu finden.

Pressemitteilung (Link)

Bonn, 2. Mai 2002

Berlin kein Vorbild

Kulturpolitische Gesellschaft kritisiert Kürzungen im Kulturetat der Bundeshauptstadt

Der Vorstand der Kulturpolitischen Gesellschaft hat die rigiden Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung im Kulturbereich des Landes Berlin kritisiert, weil davon insbesondere Kunst- und Kulturprojekte in der jungen innovativen Kulturszene und in der kulturellen Jugendbildung betroffen seien. In einer Erklärung dazu heißt es:

»Die missglückten Schnellschüsse der letzten Wochen haben bereits zu einem ernsten Vertrauensverlust der Kultur- und Bildungspolitik geführt. Ohne Vertrauen und Verlässlichkeit lassen sich jedoch keine kulturpolitischen Perspektiven entwickeln.

Wir geben zu bedenken, dass die Kürzungen, die in vielen Fällen nicht nur auf Reduzierung, sondern auf die Schließung von potenten Einrichtungen hinauslaufen, den Nachwuchs und das innovative Zukunftspotential der Kunst und Kultur ernsthaft beschädigen. Gerade diese Einrichtungen und Projekte haben in den letzten Jahren ihre Fähigkeit bewiesen, Komplementärmittel aus öffentlichen und privaten Quellen zu akquirieren. Diese Mittel können nicht mehr gewonnen werden, wenn aufgrund der Kürzungen die notwendigen Eigenbeteiligungen nicht mehr aufgebracht werden können.

Im Koalitionsvertrag zwischen SPD und PDS ist festgeschrieben worden, in eben diesen Bereichen – Kultur und Bildung – als Zukunftskerne für Berlin nicht zu sparen. Wir fordern den Senat auf, diese wichtige Erkenntnis nicht zu vergessen und Kultur und Bildung in ihrer Bedeutung als Zukunftsinvestitionen ernst zu nehmen.«

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Die Kulturpolitische Gesellschaft ist eine bundesweite Vereinigung von 1400 Mitgliedern aus den Bereichen der Kulturpolitik und Kulturarbeit, die sich seit 25 Jahren für die Verwirklichung des »Bürgerrechts Kultur« einsetzt. Ihr Präsident ist der Essener Kulturdezernent Dr. Oliver Scheytt.

Bonn, im Mai 2002

Musik – Markt – Politik

Öffentliche Musikförderung neu begründen

Das Musikleben hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Jenseits des traditionellen Klassik-Kanons hat sich die Musiklandschaft vor allem durch die Begegnung mit anderen Musiken dieser Welt derart verändert, dass die in der öffentlichen Kulturförderung immer noch unterschiedliche Bewertung von »U«- und »E«-Kultur immer fragwürdiger wird. Die sogenannte Popularmusik ist nicht mehr allein ein Phänomen der Jugendkultur, sondern längst gesellschaftlich etabliert. Statt überkommene Polarisierungen aufrechtzuerhalten, geht es heute darum, der Vielfalt der Musikkulturen kulturpolitisch gerecht zu werden und neue Konzepte ihrer Förderung zu entwickeln.

Die Pluralität der Musikstile und insbesondere ihre Befruchtung im Kontext einer sich entwickelnden Weltmusik birgt als Medium interkultureller Verständigung ein großes Wirkungspotential. Die wachsende Beliebtheit der außereuropäischen ›world music‹ ist nicht nur ökonomisch, sondern vor allem kulturell zu werten. Kulturpolitik kann und muss diesen Prozess mit befördern. Besonders ist sie dort aufgerufen, wo es dem Markt nicht gelingt, neuen avantgardistischen Formen der Musikkultur Geltung zu verschaffen. Nach wie vor gilt der Grundsatz, dass Kulturpolitik fördern muss, was es (auf dem Markt) schwer hat sowie Qualität und Innovation verspricht. Vor allem zeitgenössische Kompositionen und Aufführungen brauchen eine gezielte Kunst- und Publikumsförderung.

Bildungs- und Kulturpolitik sind aufgefordert, alles zu tun, damit die Musik in der kulturellen Bildung und im Schulunterricht einen höheren Stellenwert bekommt. Die Angebote der Schulen und der Musikschulen sollten aufeinander abgestimmt werden und offen sein für das gesamte Spektrum des Musikschaffens in der heutigen Zeit. Nicht zuletzt die sogenannte Popularmusik und der Jazz sollten verstärkt in das Angebotsprofil aufgenommen werden.

Ein besonderes Augenmerk bei der Qualifikation der MusikerInnen sollte dem beruflichen Know How jenseits der ›klassischen‹ MusikerInnenkarrieren gewidmet sein. Schon heute werden weit mehr MusikerInnen ausgebildet als Arbeitsplätze in staatlich geförderten Einrichtungen vorhanden sind. Fragen des Kulturmanagements und der Selbstvermarktung müssen in Musikhochschulen noch mehr an Bedeutung gewinnen, damit sich die ausgebildeten MusikerInnen in der ausdifferenzierten Musikveranstalterlandschaft professionell orientieren können.

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Musik ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor mit Zukunft. In Deutschland erzielte die Musikwirtschaft (Tonträgerfirmen, Musikinstrumentenhersteller und andere Bereiche) nach einer Recherche von Michael Söndermann für das Jahrbuch der Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft im Jahr 1999 Umsätze in Höhe von 5,7 Mrd. Euro. Musikförderung berührt damit kultur- und wirtschafts-politische Fragen gleichermaßen. Notwendig sind daher kombinatorische Förderprogramme, die musikpolitischen und kulturökonomischen Erfordernissen Rechnung tragen, indem sie z.B. die individuelle KünstlerInnenförderung um Maßnahmen der Strukturförderung ergänzen, die sich an den Produktions- und Vermittlungsbedingungen orientieren.

Die Kulturpolitische Gesellschaft e.V. ist eine bundesweite Vereinigung von über 1400 Mitgliedern, die mit Kulturpolitik professionell befasst sind. Mit Fragen der Musikwirtschaft beschäftigt sie sich im Rahmen des Internationalen Kongresses »Musik als Wirtschaft«, den sie am 22. April 2002 gemeinsam mit dem Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft durchführt. Unterstützt wird der ausgebuchte Kongress durch die Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien des Deutschen Bundestags, durch den Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien, dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und dem Senat von Berlin.

Bonn, 18. April 2002

30 Jahre Soziokulturelle Zentren: Erfolgsstory mit Zukunft

Eine »wahre Erfolgsstory« hat NRW-Kulturminister Michael Vesper den Soziokulturellen Zentren im bevölkerungsreichsten Bundesland bescheinigt. Dreißig Jahre nach der Gründung der ersten Einrichtung dieser Art (das K 14 in Oberhausen) verwies der Minister auf eine landesweit beieindruckende Bilanz: 65 Zentren erreichen danach 5 Millionen Menschen und bieten 13.000 Kulturveranstaltungen an. Damit seien sie ein »unverzichtbarer Bestandteil der kulturellen Grundversorgung«. An die Kommunen richtete er den Appell, sich offensiver zu den Zentren zu bekennen und für eine dauerhafte Absicherung der Personal- und Betriebskosten zu sorgen.

Die Kulturpolitische Gesellschaft und die Landesarbeitsgemeinschaft soziokultureller Zentren hatten zu einer Fachtagung in die Alte Feuerwache nach Köln eingeladen, um über die Zukunft dieser selbstverwalteten Kultureinrichtungen zu diskutieren. Sie soll auch Gegenstand einer vom Land finanzierten wissenschaftlichen Untersuchung in den kommenden Monaten sein. Erste Ergebnisse liegen bereits jetzt vor. Danach erreichen Soziokulturelle Zentren vor allem junge Menschen zwischen 15 und 40 Jahren. 57 % der Besucher/innen sind sogar unter 30 Jahren alt. »Das Vorurteil, bei der Soziokultur handele es sich um ein ›one-generation-project‹, ist damit widerlegt«, erklärten die Veranstalter. »Sie erreichen alle Altersgruppen und auch der Mitarbeiterstamm ist im Schnitt deutlich jünger als 40 Jahre.«

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Nach der ersten empirischen Bestandsaufnahme soll in den kommenden Monaten die »Zukunftsfähigkeit« der Soziokulturellen Zentren untersucht werden. Gelingt es ihnen, offen zu bleiben für neue kulturelle Ausdrucksformen und einen innergesellschaftlichen Kulturaustausch zu ermöglichen? Wie setzen sie ihren Anspruch um, Drehscheibe für verschiedene Gruppen und Netzwerke zu sein und dennoch mit einem eigenen Programm und Profil in der kulturellen Öffentlichkeit aufzutreten? Wie gelingt ihnen der Spagat zwischen den Anforderungen eines Wirtschaftsbetriebs und dem (Selbst-)Auftrag einer öffentlich geförderten Einrichtung? Im Oktober sollen die Ergebnisse vorliegen.

Weitere Informationen: KuPoGe, LAG

Bonn, 19. März 2002