Pressemitteilungen 2009

Kulturpolitische Gesellschaft mit neuem Vorstand

Präsident Oliver Scheytt wiedergewählt

Die Mitgliederversammlung der Kulturpolitischen Gesellschaft hat am Samstag, dem 14. November, im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn einen neuen Vorstand gewählt. Dabei wurde der Geschäftsführer der RUHR.2010 GmbH (Essen), Prof. Dr. Oliver Scheytt, in seinem Amt als Verbandspräsident bestätigt. In den zwanzigköpfigen Vorstand neu gewählt wurden u.a. der Parlamentarische Staatsekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Hans-Joachim Otto (FDP), sowie die Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien des Deutschen Bundestags Prof. Monika Grütters (CDU) und der Bundestagsabgeordnete Siegmund Ehrmann (SPD).

In einer kulturpolitischen Erklärung „Kulturpolitik trotz Krise. Was ist zu tun?“ nahm die Mitgliederversammlung zu den drohenden Kürzungen der Kulturausgaben in den Städten und Gemeinden Stellung und forderte eine bessere gesetzliche Absicherung dieser wichtigen Aufgaben. Oliver Scheytt erklärte dazu: »Es darf nicht sein, dass die Kultur über Gebühr zur Ader gelassen wird, weil den Kommunen das Geld ausgeht. Kulturförderung ist Verfassungsauftrag der Länder und Pflichtaufgabe der Städte und keine Verschiebemasse in Sparzeiten. Kunst und Kultur bereichern die Lebensqualität unserer Städte. Kulturelle Bildung sowie die Kultur- und Kreativwirtschaft tragen entscheidend zur Zukunftsfähigkeit unseres Gemeinwesens bei. Deshalb kämpfen wir für den Erhalt und die Weiterentwicklung der kulturellen Infrastruktur.«

Die Kulturpolitische Gesellschaft ist eine bundesweite Vereinigung. Sie wurde im Jahr 1976 gegründet und hat mittlerweile über 1.400 Mitglieder aus allen Bereichen der Kultur und der Kulturpolitik. Sie unterhält das vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geförderte Institut für Kulturpolitik und gibt die Kulturpolitische Fachzeitschrift »Kulturpolitische Mitteilungen« heraus.

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Bonn, 14. November 2009

Kulturpolitik trotz Krise – Was ist zu tun?

Erklärung

anlässlich der 15. Ordentlichen Mitgliederversammlung am 14. November 2009 in Bonn

Gefährdung der kulturellen Infrastruktur

Die Vielfalt und Qualität der öffentlichen und privaten kulturellen Infrastruktur in Deutschland ist durch die Auswirkungen der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise bedroht. Bedingt durch Steuerausfälle und steigende Belastungen stehen immer mehr Kommunen vor dem Problem, ihre laufenden kulturellen Aufgaben nicht mehr im gewohnten Umfang und in ausreichender Qualität wahrnehmen und finanzieren zu können. Erschwerend kommt hinzu, dass finanziell angeschlagene Kommunen von den Aufsichtsbehörden zu Einschnitten in die vermeintlich »freiwilligen«, gesetzlich nicht gesicherten Aufgaben aufgefordert werden. Solche Einsparungen führen häufig zu irreparablen Schäden in der kulturellen Infrastruktur. Museen ohne Ausstellungen und ohne Sammlungspflege, Theater ohne neue Inszenierungen, Bibliotheken ohne neue Bücher und eine freie Kulturszene ohne Projektmittel werden schnell nutzlos. Zahlreiche Einrichtungen arbeiten und wirtschaften schon jetzt am Rande ihrer Leistungsfähigkeit, teilweise unter prekären Bedingungen, manche sind aktuell von der Insolvenz bedroht. Weitere überproportionale Kürzungen sind zu befürchten, die nicht nur eine Reduzierung des Kulturangebotes, sondern die Schließung ganzer Einrichtungen zur Konsequenz haben können. Mäzene und Sponsoren reduzieren angesichts der Finanzkrise ihr Engagement, so dass Drittmittel wegfallen und eine Kompensation der öffentlichen Sparmaßnahmen auf diesem Weg nicht zu erreichen ist.

Alte Disparitäten – neue kulturelle Interessen

Kulturpolitik steht angesichts der sozialen und demografischen Entwicklung sowie der durch Digitalisierung und Medialisierung veränderten kulturellen Angebotsstrukturen und Wahrnehmungsmuster vor großen Herausforderungen. Gerade in strukturschwachen, durch Abwanderung und Überalterung gekennzeichneten ländlichen Regionen, insbesondere im Osten Deutschlands, aber auch in den Problemregionen der Ballungsgebiete, kumulieren die Effekte sozialer Armut und schwacher kommunaler Finanzkraft. Dies führt dazu, dass gerade dort, wo Kulturvermittlung gestärkt werden sollte, um Teilhabegerechtigkeit herzustellen, die erforderlichen Mittel fehlen. Es droht ein Prozess der sozialen und kulturellen Spaltung. Der Kreis kultureller Intensivnutzer wird kleiner und sozial homogener, während die durch Arbeitslosigkeit und Marginalisierung betroffenen Bevölkerungsgruppen immer weniger Zugangsoptionen haben oder wahrnehmen. Das Menschenrecht auf kulturelle Teilhabe und das Verfassungsgebot der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse werden dadurch beeinträchtigt. Hinzu kommt, dass vor allem die jüngere Generation, die mit dem Angebot der neuen digitalen Medien aufgewachsen ist, neue kulturelle Orientierungen und Interessen ausbildet, die in der Kulturpolitik noch nicht ihren Niederschlag gefunden haben.

Kulturpolitik braucht handlungsfähige Kommunen

Die Länder und Kommunen haben in Deutschland einen gesetzlich festgelegten Kulturauftrag. Er ist in allen Landes- und Kommunalverfassungen enthalten. Die Kulturförderung liegt vor allem in der Hand der Städte und Gemeinden. Sie sind die Garanten für Reichtum, Vielfalt und Qualität unserer kulturellen Landschaft. Deshalb darf der kommunale Kulturauftrag nicht unter einen permanenten und radikalen Finanzierungsvorbehalt gestellt werden. Wenn weitere finanzielle Belastungen der Kommunen deren Gestaltungsfreiheit im Kulturbe2 reich auf Null reduzieren, kann der Verfassungsauftrag nicht mehr erfüllt werden. Alle Ebenen unseres Staates und alle politisch Verantwortlichen haben dafür Sorge zu tragen, dass die Kommunen ihren Kulturauftrag ausfüllen können. Folgende Maßnahmen können dabei behilflich sein und sollten ernsthaft geprüft werden:

Kulturpolitik muss wirkungsvolle Reformen anstoßen

Eine auskömmliche und verlässliche Finanzierung öffentlicher Kulturaufgaben durch Bund, Länder und Kommunen ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Zukunftsfähigkeit der kulturellen Infrastruktur. Aufgrund des immens gewachsenen Freizeitund Medienangebotes und der veränderten kulturellen Interessen in der Gesellschaft wird sich die Nachfragesituation für kulturelle Einrichtungen und Angebote in den nächsten beiden Jahrzehnten tiefgreifend verändern. Darauf wird sich die Kulturpolitik durch eine offensive Strategie zur Erweiterung des Kulturpublikums sowie zum Umbau und zur Weiterentwicklung der kulturellen Infrastruktur einstellen müssen, damit nicht »Hülle ohne Fülle« das Ergebnis sein wird.

Ziel muss es sein, für mehr Teilhabegerechtigkeit zu sorgen. Dies bedeutet: Vorrang für kulturelle Bildung, um die Kulturkompetenz jedes Einzelnen zu stärken. Die Entwicklung von Angebotsformaten, die der veränderten Sozialstruktur Rechnung tragen, und eine soziale Eintrittspreisgestaltung sind unverzichtbar, um den Zugang für möglichst viele Menschen zu ermöglichen. Neue Konzepte der Kulturvermittlung und der Besucherorientierung müssen zu Standardprogrammen aller Kultureinrichtungen werden. Ein Bundesförderfonds für interkulturelle Projekte (s. dazu auch den Vorschlag der Enquete-Kommission »Kultur in Deutschland «), ist auf Bundesebene einzurichten, um die »Kultur der Anerkennung« an Beispielen konkret werden zu lassen.

Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik.

An diesem Anspruch werden wir die Kulturpolitik von Bund, Ländern und Kommunen auch in Zukunft messen. Die Kulturpolitik muss sich wie alle anderen Politikbereiche auf die wirtschaftlich schwieriger gewordene Situation einstellen. Statt übereilter Schließungen von Kultureinrichtungen ist ein sinnvoll geplanter Umbau der kulturellen Infrastruktur voranzutreiben, damit sie für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet ist. Kunst und Kultur dürfen nicht wirtschaftlichen Zwecken untergeordnet werden.

Wir erwarten von den politisch Verantwortlichen, dass sie den Ernst der Lage erkennen, in der sich viele Kultureinrichtungen befinden, und mit Besonnenheit und Sachverstand die Weichen für die Zukunft stellen. Dazu gehört auch, dass Angebote der kulturellen Bildung gesichert werden und Einsparungen im Kulturbereich nicht einseitig zu Lasten der Freien Kulturszene sowie der Sozio- und Breitenkultur gehen dürfen.

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Bonn, 14. November 2009

Gehört Rock ins Museum?

Experten tagen zu einer Pop-Bilanz des Jahrzehnts

In Mannheim kommen junge Musiker und Kulturtheoretiker zusammen

Mindestens zweimal in diesem Jahr wurde die deutsche Öffentlichkeit von Nachrichten aus dem Bereich Pop aufgeschreckt: Der Mega-Star Michael Jackson starb und die weltgrößte Messe der Branche, die PopKomm, wur-de in Berlin aus wirtschaftlichen Gründen abgesetzt.

Kommen Rock und Pop in die Jahre? Zwei Fragen ergaben sich aus dem Tod und der befürchteten Pleite: Wird ein ehemals lebendiges Genre allmählich museumsreif? Und: Haben Musiker eine Zukunft?

Die Kulturpolitische Gesellschaft nimmt sich solcher Themen seit 1979 an. Alle zehn Jahre wird Bilanz gezogen. Der Politikwissenschaftler Rainer Jogschies, in den Siebzigern selber Gitarrist einer Rockband, hat die bisherigen drei Tagungen mit konzipiert: »Ebenso wie die Stile ändern sich die Szenen. Ob nun Punk oder DSDS – der Traum, von und mit Musik leben zu können, ist ungebrochen. Aber die Rahmenbedingungen ändern sich krass.« Zum vierten Mal werden sich daher – am 21. November 2009 – Experten zusammensetzen, um zu diskutieren, ob Popmusik ein Ausbildungsberuf wird, Ausdruck einer besonderen Jugendkultur bleibt oder schlicht Ausstellungsstück wird.

Die 4. Kulturpolitische Pop-Dekadentagung findet – nach Würzburg, Düsseldorf und Hamburg – diesmal in Mannheim im Rahmen des Kongresses „ZukunftPop“ der Popakademie Mannheim statt.

Norbert Sievers, Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft: „Wir haben die Zusammenarbeit mit der Pop-Akademie Baden-Württemberg gesucht, weil sie als erste Universität in diesem Bereich Theorie und Praxis beispielhaft verknüpft. Ihr Zukunftskongress ist der richtige Rahmen auch Kulturpolitiker und -verwalter für die kommenden Jahre vorzubereiten auf wegweisende Entscheidungen.“

Ob eine vielfach geforderte „Radioquote“ für Deutschrock, ob Förderung der wegen der Raubkopien stöhnenden Plattenfirmen oder wie die unabhängigen kleinen Labels und Vertriebe gestärkt werden – Jogschies sieht viele existenzielle Themen, bleibt jedoch gelassen: „Die Stärke unseres kulturpolitischen Ansatzes ist der längere Atem – wir hecheln nicht Trends nach.“

Deshalb wird die Oldenburger Musikprofessorin Susanne Binas-Preisendörfer auf der Tagung zunächst die Vor- und Nachteile der staatlichen Popförderung in vierzig Jahren DDR und BRD beleuchten. Der Hamburger Dozent Roger Behrens wird dem Mythos des Rebellischen nachspüren. Sein Mainzer Publizistenkollege Martin Büsser wird sich der neueren „Geschichte“ der Popmusik in der Bundesrepublik annehmen. Schließlich wird Alexander Endreß, Studiengangsmanager Musikbusiness in Mannheim, die Perspektiven und Zukunftschancen skizzieren.

Die Ergebnisse werden nicht nur in einigen Fachzeitschriften nachzulesen sein (sowohl die Kulturpolitische Gesellschaft als auch die Pop-Akademie Mannheim planen Dokumentationen). Die Veranstalter hoffen auf handfeste Ergebnisse. Der Musikprofessor Udo Dahmen, künstlerischer Leiter der Pop-Akademie: „Wir bereiten einen weiteren Studiengang und eine neue Einrichtung vor, die bundesweite Bedeutung haben wird – darüber werden wir aber erst nach unseren Expertengesprächen informieren …“

Die Kulturpolitische Pop-Dekadentagung der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. wird unterstützt vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

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Bonn, 22. Oktober 2009

Geschichte braucht Zukunft

Neue Aufgaben der Kulturpolitik und der politischen Bildung

Erklärung zum fünften Kulturpolitischen Bundeskongress kultur.macht.geschichte – geschichte.macht.kultur am 11./12. Juni 2009 in Berlin

Das neue Interesse an Geschichte

Seit einiger Zeit ist ein neues Interesse an Geschichte in Politik, Medien und Gesellschaft zu beobachten. Geschichtsrelevante Jubiläen und runde Jahreszahlen sind häufig Anlass für öffentliches Erinnern und Gedenken. Historische Themen sind zunehmend Gegenstand aufwändig inszenierter Ausstellungen und Filme. Romane und interaktive Spiele mit geschichtlichen Inhalten und Bezügen erreichen ein Massenpublikum. Viele Bürgerinnen und Bürger engagieren sich in historischen Vereinen und Initiativen. Geschichte ist auf neue Weise zum festen Bestandteil der Alltagskultur und der Kulturindustrie geworden. Der Trend zur Gründung neuer Museen ist ungebrochen. Die Rekonstruktion von baulichen Zeugnissen der Stadt- und Industriegeschichte ist ein Attraktionsfaktor des Kulturtourismus. Zugleich hat das Interesse der Politik an historischen Themen und das Bedürfnis nach symbolischer Selbstvergewisserung insgesamt zugenommen.

Geschichtspolitik im gesellschaftlichen Wandel

Öffentliches Erinnern und Gedenken sowie die Vermittlung historischen Wissens sind Gegenstand der Kulturpolitik und der politischen Bildung. Deren Voraussetzungen haben sich verändert. Der europäische Einigungsprozess und die multikulturelle Bevölkerungsstruktur setzen die deutsche Geschichte und ihre traditionellen nationalen Erzählungen in einen erweiterten Bezugsrahmen und führen zu einer Pluralisierung der Geschichtsbilder. Der Wandel der Medienlandschaft relativiert die zentrale Bedeutung des schulischen Geschichtsunterrichts und der öffentlichen Institutionen der Geschichtsvermittlung. Die medial aufbereiteten Erzählungen konkurrieren zunehmend erfolgreich mit den klassischen Bildungsinstanzen in Bezug auf Bildung, Unterhaltung und Vermarktung. Globalisierung und Digitalisierung verändern die Wahrnehmung und Dokumentation historischer Entwicklungsprozesse. Der demografische Alterungsprozess der Gesellschaft verstärkt das Bedürfnis nach Orientierung in einer unübersichtlicher gewordenen Welt sowie nach Rückbesinnung auf selbst Erlebtes. Historische Erzählungen dienen dafür als Material.

Kulturpolitik ist Geschichtspolitik

Kulturpolitik und politische Bildung müssen sich dem neuen Interesse an Geschichte und den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen öffnen, Motive analysieren und eine zeitgemäße Erinnerungskultur entwickeln und befördern.

1. Der deutsche und europäische Einigungsprozess setzt ein neues historisches Bewusstsein voraus – Osteuropa eingeschlossen. Nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten gilt es, eine »Neu-Verortung« der deutschen Geschichte nach 1989 vorzunehmen, die Teil einer europäischen Erinnerungskultur ist. Für den Geschichtsunterricht wie für die Konzeptionen der Historischen Museen wird ein neues europaorientiertes Geschichtsbild zu entwickeln sein. Dabei müssen überkommene historische Erzählungen korrigiert werden. Die Kulturpolitik wie die von ihr geförderten Institutionen sind dafür mit verantwortlich.

2. In einer multikulturellen Gesellschaft sind die alten Bezugsrahmen geschichtlicher Themen in Frage gestellt. Es wird notwendig sein, gemeinsame Inhalte mit Blick auf die konfliktreiche historische Entwicklung zu finden. Es fehlen Studien über das kulturelle Gedächtnis in Einwanderungsgesellschaften ebenso wie Konzepte der »Gedächtnis- oder Erinnerungspolitik« für Einwanderungsgesellschaften, die sich von historischen Mythen lösen und neue Traditionen begründen

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3. Die fortschreitende Digitalisierung wirft grundsätzliche Fragen für alle gesellschaftlichen Bereiche auf. Sie beschleunigt und beeinflusst die Kommunikation der Menschen. Sie erleichtert den Zugriff auf Informationen und Archive und komprimiert und verändert die Speichermedien. Die Wahrnehmung der Zeitläufe verändert sich, ebenso der Diskurs über Geschichte wie unser Verständnis von Vergangenheit und historischer Entwicklung. Die Auseinandersetzung mit den Folgen der Digitalisierung wird zu einer zentralen Querschnittsaufgabe der Kulturpolitik.

Zukunft braucht Erinnerung: Erinnerung wird nur lebendig bleiben, wenn sie offen für neue Argumente und Deutungen der ihr zugrunde liegenden geschichtlichen Ereignisse, ihrer Symbole und Mythen ist und sich selbst verändern kann. Stellen sich Gedenken und Erinnerung nicht der Gegenwart, werden sie sie zur Folklore. Aufarbeitung des Vergangenen bedeutet deshalb in diesem reflexiven Sinne die andauernde Vergewisserung über die historischen Fakten wie über die Gründe ihrer möglichen Verdrängung. Politische und kulturelle Bildung sind dabei in besonderem Maße verpflichtet, ein politisches Bewusstsein zu fördern, das auf Demokratie, Toleranz und Pluralismus gründet.

Ohne Zukunft keine Geschichte

Die Themen Geschichte, Erinnerung und Gedächtnis müssen in Zukunft deshalb neu in den Fokus der Kulturpolitik rücken. Der emanzipatorische Impuls, aus der Geschichte zu lernen, wird dabei weiterhin ein zentraler Topos bleiben. Die Kenntnis historischer Prozesse fördert die Bereitschaft zu gesellschaftlichen Veränderungen. Der kultur- und geschichtspolitische Diskurs gewinnt seine Bedeutung aber nicht nur aus der Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern auch aus der Verantwortung für die Zukunft. Bedrohliche Zukunftsszenarien wie die Klimakatastrophe zeigen, dass die Natur nicht grenzenlos auszubeuten ist, dass der Mensch nur mit der Natur, nicht gegen sie überleben kann. Deshalb bedarf es einer Korrektur der historisch begründeten Fortschrittsbilder und des ökonomischen Wachstumsdenkens. Damit Perspektiven für die Zukunft entwickelt werden können, muss eine neue nachhaltige Geschichtstradition begründet werden. Wir brauchen nicht nur Bilder der Vergangenheit, sondern auch Erzählungen, die eine Vorstellung vom guten Leben in der Zukunft ermöglichen. Kulturpolitik und politische Bildung können dazu beitragen, dass solche Visionen entstehen.

Kulturpolitische Gesellschaft e.V. und Bundeszentrale für politische Bildung/bpb
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Berlin, 11. Juni 2009

kultur.macht.geschichte – 5. Kulturpolitischer Bundeskongress über »Kulturpolitik und kulturelles Gedächtnis«

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Bundestagspräsident Norbert Lammert eröffnet den fünften Kulturpolitischen Bundeskongress. Weitere Redner und Diskutanten an den Kongresstagen u.a.: Dieter Baretzko, Werner Durth, Karin Göring-Eckardt MdB, Lutz Hachmeister, Hans Walter Hütter, Volkhard Knigge, Pius Knüsel, Gottfried Korff, Lisa Kosok, Hans Ulrich Reck, Martin Sabrow, Thomas Sternberg MdL, Wolfgang Thierse MdB, Dorothee Wierling, Werner Sewing und Harald Welzer.

Mit einem Vortrag zum Thema »Zukunft braucht Erinnerung« eröffnet Bundestagspräsident Norbert Lammert am 11. Juni 2009 in Berlin den fünften Kulturpolitischen Bundeskongress zum Thema »Kulturpolitik und kulturelles Gedächtnis«.

Offensichtlich gibt es ein neues Interesse an Geschichte. Im aktuellen Jahr zeigt sich dies an den zahlreichen Jubiläen und Gedenkfeiern. Die Termine reichen von der Erinnerung an den Fall der Mauer vor zwanzig Jahren über die Gründung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1949 und das Geburtsjahr von Friedrich Schiller vor 250 Jahren bis hin zur Varusschlacht vor 2000 Jahren.

Keine Fachpolitik hat so viel mit Geschichte und Geschichtsvermittlung zu tun wie die Kulturpolitik. Historische Museen, Denkmäler und Gedenkstätten, Archive und Bibliotheken, Jubiläen und Gedenktage und die Pflege des kulturellen Erbes allgemein sind in der Regel hier ressortiert. Kulturpolitik prägt wesentlich die Geschichtspolitik. Derzeit ist sie mit zwei zentralen Herausforderungen konfrontiert:

Mit dem fortschreitenden Einigungsprozess Europas verbindet sich auch die die Verständigung über ein neues, europäisches Geschichtsbild. Zugleich wird die Frage immer drängender, wie das kulturelle Gedächtnis in Einwanderungsgesellschaften geprägt wird. Ist es gerade in Einwanderungsgesellschaften notwendig, sich von überkommenen Mythen zu lösen und eine nach vorne gerichtete Erzählung – eine Art europäischer »American Dream« – zu konstruieren?

Diesen und anderen Fragen wird der Bundeskongress in sieben Plenarsitzungen und zehn Foren nachgehen. Im Fokus steht dabei neben der Frage nach dem Interesse in der Geschichtspolitik (»Welche Erinnerung, wessen Geschichte?«) die »Perspektive Europa«, die Rolle der Erinnerung im Städtebau und zahlreiche Einzelaspekte vom Kulturtourismus über die Bedingungen kommunaler Geschichtsarbeit bis zur Rolle der Medien im Geschichtsdiskurs.

Prof. Dr. Oliver Scheytt, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft und Mitveranstalter des Bundeskongresses:

»Die systematische Reflexion von Geschichtspolitik hat sich in der deutschen Kulturpolitik. Deutschland noch lange nicht etabliert. Der verdienstvolle Bericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags zu ›Kultur in Deutschland‹ hat dieses Thema z.B. kaum behandelt. Wir wollen auch deutlich machen, dass der europäische Einigungsprozess ein europäisches Geschichtsbewusstsein voraussetzt. Gerade Deutschland trifft in dieser Frage eine historische Verantwortung.«

www.kultur-macht-geschichte.de

Bonn, den 12. Mai 2009

In Kultur investieren – Substanz erhalten

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Kulturpolitische Gesellschaft fordert Öffnung des Konjunkturpaketes

Anlässlich der Verabschiedung des 50-Milliarden-Konjunkturpaketes der Bundesregierung fordert die Kulturpolitische Gesellschaft, den Kulturbereich dabei nicht außer Acht zu lassen. So sinnvoll es sei, die öffentlichen Investitionen für Bildung, Soziales und Verkehr zu intensivieren, um der Wirtschaft Aufträge zu verschaffen und die Konjunktur zu beleben, so notwendig sei es auch, die kulturelle Infrastruktur zu modernisieren.

»Wir haben in den Kommunen einen riesigen Reparaturstau in den Theatern, Museen, Bibliotheken, Archiven, Musik- und Kunstschulen, Volkshochschulen sowie den Einrichtungen der kulturellen Bildung und Soziokultur, der dringend beseitigt werden muss. Notwendig sind deshalb Maßnahmen zur Substanzerhaltung mit den jetzt bereitgestellten Mitteln, um gerade auch den finanziell Not leidenden Städten und Gemeinden die Sanierung und Modernisierung der Kultureinrichtungen zu ermöglichen. Das gebaute kulturelle Erbe und die kulturelle Infrastruktur sind wichtige Standortfaktoren für unsere Städte, die sie im wirtschaftlichen Wettbewerb benötigen. Maßnahmen der Substanzerhaltung und Modernisierung sind Zukunftsinvestitionen in die Lebens- und Standortqualität der Städte, die die Konjunktur beleben und Arbeitsplätze sichern«, erklärte dazu der Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, der Essener Kulturdezernent Prof. Dr. Oliver Scheytt.

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Bonn, den 14. Januar 2009