Regionalgruppe Thüringen

Aktuell

»Kommerzielle Kunstvermittlung – Innovation in deren Distribution«

Die »Thüringer Debatten zur Kulturpolitik« waren bisher ein Ort vor allem für die strukturellen Fragen und damit Themen, die im speziellen den öffentlichen Kultursektor besonders adressierten. Gefragt wurde eher, was Kunst und Kultur ermöglicht, nicht wie sie letztlich vermittelt werden. So ist es nur folgerichtig, dass in der Erfurter Kleinen Synagoge am 4. September die Diskussion hin zur Marktdimension von Kunst, speziell den Sekundärmärkten wie Kunsthandel und Auktionssystem, geöffnet wurde. Dass dies als pointierter Einblick gelingen konnte, war vor allem dem hochkarätigen Gast Dirk Boll, Präsident von Christie's EMERI, zu verdanken, der sich dann auch des Problems annahm, wie Kunst kommerziell vermittelt werden könne (siehe auch seinen Beitrag, der im zweiten Band der Reihe »Aktuelle Beiträge zur Kulturpolitik« erscheinen soll).

Blick in den Veranstaltungsraum in Erfurt

 

Dabei kristallisierten sich auch in der späteren Diskussion mehrere wesentliche Problemfelder heraus. Zum einen konstatierte Boll eine enorme Beschleunigung auf den Märkten, die dazu führe, dass Marktmoden sich in immer schnelleren Zyklen abwechseln und junge Künstler viel früher horrende Preise – auch auf dem Galeriemarkt als Primärmarkt – erzielen, wobei auch die Rollen der Akteure auf dem Primär- wie Sekundärmarkt sich immer weiter verflüssigen. Kunst selber könne nicht vom Auktionator im eigentlichen Sinne vermittelt werden, Galeristen seien weiterhin wichtige Vorposten. Gleichzeitig beobachte er eine Entwicklung, bei der die Herkunft und die Geschichte eines auktionierten Werks wichtiger werden als das Kunstwerk selbst. Dies folge einer Vermittlungslogik, bei der unterschiedliche Luxusmärkte, zu denen der Auktionsmarkt freilich gehört, immer weiter miteinander verschmelzen – weshalb es für einige Käufergruppen (und damit auch Auktionatoren) nicht problematisch sei, zum Bild auch die passende Handtasche oder das passende Automobil zu ersteigern, vor allem wenn sie auch noch von einem berühmten Vorbesitzer stammen.

 

Gerade neue Käufergruppen seien es zudem, die nicht nur neue Preisdimensionen, sondern auch neue Moden und Hypes auf den Märkten kreieren, was zu einer durchaus wünschenswerten Ablösung der Hegemonie des Weißen Mannes und der von ihm vertretenen sogenannten NATO-Kunst führe und damit europäische Institutionen nicht ganz unberührt lasse. Boll und das Erfurter Publikum trieb deshalb vor allem die Frage um, welche Rolle (west-)europäische Museen heute noch beim Ankauf von Kunst spielen können. Große Ankäufe in Westeuropa seien heute lediglich noch durch das Engagement privater Mäzene für Museen möglich, anders in den USA, wo neben dem Ankauf auch schon immer der Verkauf von Kunst Teil des Museumsbetriebs ist und damit finanzielle Mittel auch aus den Sammlungen selbst akquiriert werden. Boll plädierte für eine Öffnung des europäischen Museumsbetriebs dahingehend, dass auch das Verkaufen von Kunst ein Thema für Museen werden müsse.

Carsten Wernicke

   

PS: Am 23. Oktober 2017 findet die nächste Veranstaltung zum Thema »Eckpunkte für ein Kulturgesetz in Thüringen – Innovation durch legislatives Handeln?« ab 18:00 Uhr in der Kleinen Synagoge in Erfurt statt. Eine Diskussion über die ersten parlamentarischen Gedanken zum Kulturgesetz mit Katja Mitteldorf, MdL, Kulturpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag.

   

Portrait

Die Landesgruppe Thüringen gehört mit knapp 20 Mitgliedern gleichfalls zu den kleinen Regionalverbänden der Kulturpolitischen Gesellschaft. Ein geographisches Zentrum war lange Zeit Weimar, wo Steffen Höhne von der dortigen Hochschule für Musik die Aktivitäten koordinierte. Daneben hat sich in Erfurt ein weiteres Standbein der Regionalarbeit gebildet, zumal die Landeshauptstadt Dienstsitz des Vize-Präsidenten Tobias J. Knoblich ist. Seit Mitte 2013 wirkt dort die »Thüringer Debatte zur Kulturpolitik«, die jeweils ausgesuchte Themen wie den »Kulturinfarkt«, »Migration«, »Ehrenamt« oder »Stiftungen« aufgreift, aber auch aktuelle Entwicklungen der Landeskulturpolitik erörtert.

Organisatorisch betreut und inhaltlich vorbereitet von Sylvie Knoblich, der neuen Sprecherin der KuPoGe-Landesgruppe, ist der Veranstaltungsort Alte Synagoge in Erfurt zu einem zentralen kulturpolitischen Diskursort geworden, der immer öfter auch Nicht-KuPoGe-Mitglieder anspricht. Die Attraktivität des Angebots liegt auch darin begründet, dass mit der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen ein Sponsor gefunden wurde, der die kulturpolitische Veranstaltungsreihe regelmäßig unterstützt. Gegenwärtig laufen die Planungen für 2016, die wiederum ein breites Themenspektrum abdecken sollen, ohne den Bezug zur Landes- und kommunalen Kulturpolitik aus den Augen zu verlieren.

 

Kontakt

Sylvie Knoblich • Sorbenweg 13 • 99099 Erfurt • T 0179/7552784 • Erfurterdebatte@gmx.de

Michael Flohr • Nonnenrain 2 • 99096 Erfurt • T 01577/5362285 • michael.flohr@posteo.de

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