{"id":1586,"date":"2026-09-02T16:14:37","date_gmt":"2026-09-02T14:14:37","guid":{"rendered":"https:\/\/kupoge.de\/blog\/?p=1586"},"modified":"2026-09-03T11:12:53","modified_gmt":"2026-09-03T09:12:53","slug":"jenseits-der-datenluecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kupoge.de\/blog\/2026\/09\/02\/jenseits-der-datenluecke\/","title":{"rendered":"Jenseits der Datenl\u00fccke"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-uagb-advanced-heading uagb-block-17bec8a7\"><h5 class=\"uagb-heading-text\">\u00dcber Wissenskulturen, digitale Ausschl\u00fcsse und die Sch\u00f6nheit der Komplexit\u00e4t<\/h5><\/div>\n\n\n\n<p>Vor einigen Jahren habe ich an dieser Stelle \u00fcber \u201eGestaltende Verantwortung\u201c geschrieben. Ausgangspunkt war damals eine Beobachtung, die mir noch immer zentral erscheint: Daten erz\u00e4hlen keine Geschichten von selbst. Welche Daten wir miteinander verbinden, wie wir sie darstellen, interpretieren und \u00fcbersetzen, beeinflusst, welche Gegenwart wir erkennen und welche Zukunft wir uns vorstellen k\u00f6nnen. Data Narration produziert wirkm\u00e4chtige Narrative.<\/p>\n\n\n\n<p>Seitdem hat sich die Frage f\u00fcr mich weiter verschoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich interessiert inzwischen mindestens ebenso sehr, was vor dieser Darstellung passiert. Was muss geschehen, damit etwas \u00fcberhaupt zu einem Datensatz werden kann? Welches Wissen l\u00e4sst sich erfassen, kategorisieren und berechnen und welches entzieht sich dieser Logik? Was geht verloren, wenn Zusammenh\u00e4nge in einzelne Variablen zerlegt werden? Und was bedeutet das f\u00fcr eine Gesellschaft, in der immer mehr Entscheidungen auf datenbasierten Modellen und K\u00fcnstlicher Intelligenz beruhen?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Fragen standen auch im Raum, als ich im Rahmen von KuDiNa\u00b3 gemeinsam mit Uta Atzpodien ein Gespr\u00e4ch mit Jens Heitjohann und Fabian Raith \u00fcber das Festival <em>Beyond Gravity<\/em> und dessen Schwerpunkt \u201eDecolonizing the Digital\u201c moderiert habe. Wir sprachen \u00fcber digitale Technologien und globale Machtverh\u00e4ltnisse, \u00fcber Bias und Data Voids, \u00fcber Ressourcen, Infrastrukturen und kuratorische Verantwortung.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe des Gespr\u00e4chs r\u00fcckte f\u00fcr mich aber eine andere Frage immer st\u00e4rker ins Zentrum: die nach unterschiedlichen Wissenskulturen. F\u00fcr mich liegt genau dort ein blinder Fleck vieler aktueller Debatten \u00fcber KI.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der blinde Fleck liegt nicht nur im Datensatz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir \u00fcber Ausschl\u00fcsse in digitalen Systemen sprechen, sprechen wir h\u00e4ufig \u00fcber fehlende oder verzerrte Daten. Wer kommt in einem Datensatz vor? Wer nicht? Welche Sprachen, K\u00f6rper, Lebensrealit\u00e4ten und Erfahrungen sind \u00fcberrepr\u00e4sentiert, welche kaum vorhanden?<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind notwendige Fragen. Aber m\u00f6glicherweise reicht die Frage \u201eWelche Daten fehlen?\u201c nicht weit genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn sie legt eine bestimmte Antwort bereits nahe: Wir brauchen mehr Daten. Mehr Perspektiven, mehr Sprachen, mehr unterschiedliche Erfahrungen. Wenn wir die L\u00fccken schlie\u00dfen, so die Hoffnung, werden Datensatz und Modell repr\u00e4sentativer und damit irgendwann auch gerechter.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber, wenn bestimmte Formen von Wissen nicht einfach fehlen, sondern sich ver\u00e4ndern, sobald sie datenf\u00f6rmig werden? Was, wenn das Problem nicht allein darin besteht, dass unser Datensatz zu klein oder einseitig ist, sondern auch darin, dass die Logik des Datensatzes selbst bestimmte Vorstellungen davon voraussetzt, was \u00fcberhaupt als Wissen gelten kann? Dann geht es nicht mehr nur um Repr\u00e4sentation. Dann geht es um Epistemologie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wissen ist mehr als Information<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Besonders deutlich wurde diese Frage in unserem Gespr\u00e4ch \u00fcber Angie Abdilla. Die palawa Kreativtechnologin und Professorin an der School of Cybernetics der Australian National University arbeitet mit indigenen Wissenssystemen als Ausgangspunkt f\u00fcr Technologieentwicklung. Mit <em>Old Ways, New<\/em> entwickelt sie unter anderem Country Centred Design und forscht zu Indigenous Protocols for AI und zu Technologie als kultureller Praxis.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei <em>Beyond Gravity<\/em> war Abdilla sowohl mit einem Vortrag als auch mit ihrer Installation \u201eMeditation on Country\u201c vertreten. Die Arbeit verbindet indigenes Wissen und westliche Astrophysik. Wissenschaftliche und kulturelle Datens\u00e4tze werden dabei mithilfe von Machine-Learning-Modellen zusammengef\u00fchrt, die durch kulturelle Programmierprotokolle trainiert wurden. Technologie erscheint hier gerade nicht als neutrales Werkzeug, sondern als kulturelle Praxis, eingebettet in Sprache, Erz\u00e4hlung, Land und Beziehungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jens Heitjohann fasste im Gespr\u00e4ch eine Spannung aus Abdillas Vortrag f\u00fcr uns so zusammen: Auf der einen Seite stehe die Logik digitaler Systeme, Wissen und Praktiken in m\u00f6glichst kleine, diskrete Einheiten zu zerlegen, um sie komputierbar zu machen. Dem gegen\u00fcber st\u00fcnden Wissenssysteme, in denen einzelne Elemente gerade nicht unabh\u00e4ngig voneinander verstanden werden k\u00f6nnen, weil Technologie, Erz\u00e4hlung, soziale Ordnung, \u00f6kologische Beziehungen und kulturelle Praxis miteinander verbunden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich hat daran weniger die Gegen\u00fcberstellung zweier vermeintlich geschlossener Kulturen interessiert. Darum geht es mir ausdr\u00fccklich nicht. Interessant ist vielmehr die grunds\u00e4tzliche Frage dahinter: Was passiert mit Wissen, wenn wir es aus seinen Beziehungen l\u00f6sen m\u00fcssen, damit Maschinen es verarbeiten k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was bei der \u00dcbersetzung verloren geht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Datenpunkt braucht Abgrenzbarkeit. Eine Datenbank braucht Kategorien. Ein Modell braucht Variablen. Berechnung setzt Reduktion voraus. Das ist keine Fehlfunktion digitaler Technologien. Es ist eine ihrer Bedingungen. Problematisch wird es dort, wo wir beginnen, diese notwendige Reduktion mit der Welt selbst zu verwechseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kennen das aus vielen Zusammenh\u00e4ngen. Eine Karte kann sehr pr\u00e4zise zeigen, wo etwas liegt, aber nicht automatisch, was ein Ort f\u00fcr jemanden bedeutet. Mobilit\u00e4tsdaten k\u00f6nnen Bewegungsstr\u00f6me sichtbar machen, aber nicht ohne Weiteres erkl\u00e4ren, warum ein Weg als angenehm, gef\u00e4hrlich oder vertraut erlebt wird. Klimadaten k\u00f6nnen Ver\u00e4nderungen von Wasserst\u00e4nden berechnen, aber Erinnerungen, allt\u00e4gliche Praktiken oder lokale Erfahrungen im Umgang mit Wasser folgen einer anderen Logik.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir versuchen, auch dieses Wissen zu erheben. Wir k\u00f6nnen Interviews f\u00fchren, historische Quellen digitalisieren, Erfahrungen kategorisieren und qualitative Daten codieren. Aber auch dann bleibt die Frage: Was geschieht durch diese \u00dcbersetzung?<\/p>\n\n\n\n<p>Genau an dieser Schnittstelle setzt auch unser gro\u00dfes Forschungsprojekt <a href=\"https:\/\/projektdatenbank.volkswagenstiftung.de\/projekt\/0200570\">Currents of Imagination<\/a><em> <\/em><em>(gef\u00f6rdert durch die Volkswagenstiftung im Change!Fellowship Programm)<\/em>an: Es untersucht, wie KI, k\u00fcnstlerische Praxis und lokales Wissen zusammenwirken k\u00f6nnen, um urbane Wasserzuk\u00fcnfte jenseits rein datenbasierter Prognosen erfahrbar und verhandelbar zu machen. Gemeinsam mit dem ZKM | Zentrum f\u00fcr Kunst und Medien Karlsruhe und zahlreichen weiteren Partner:innen werden wir in den kommenden f\u00fcnf Jahren erproben, wie KI, k\u00fcnstlerische Praxis und lokales Wissen anders miteinander in Beziehung gesetzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lokales Wissen ist eben nicht nur Wissen \u00fcber einen Ort. Es entsteht mit einem Ort. Durch Erfahrung, Wiederholung, Erinnerung und Beziehung. Es kann verk\u00f6rpert oder m\u00fcndlich \u00fcberliefert sein, an konkrete Situationen oder Zeitlichkeiten gebunden und durchaus widerspr\u00fcchlich. Das macht lokales Wissen nicht automatisch richtiger, gerechter oder nachhaltiger. Auch lokale Wissenskulturen produzieren Ausschl\u00fcsse. Aber ihre Situiertheit erinnert uns an etwas, das datenbasierte Systeme leicht vergessen lassen: Jedes Wissen hat Bedingungen seiner Entstehung. Daten auch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Sch\u00f6nheit der Komplexit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jens Heitjohann verwendete im Gespr\u00e4ch daf\u00fcr eine drastische Formulierung. Wenn wir \u00fcber digitale Medien sprechen, so sagte er, sprechen wir \u00fcber enorme Abstraktionspotenziale und damit auch \u00fcber das Potenzial einer \u201eVernichtung von Komplexit\u00e4t\u201c. Die Aufgabe bestehe deshalb darin, Formen zu finden, die Komplexit\u00e4t wieder \u00f6ffnen k\u00f6nnen, auch dort, wo sie in unseren digitalen Medien und Werkzeugen zun\u00e4chst nicht angelegt ist. Ich glaube, dass darin eine wichtige kulturpolitische Aufgabe liegt. Denn Komplexit\u00e4t hat derzeit keinen besonders guten Ruf: Wir wollen Prozesse vereinfachen, Systeme skalierbar machen, Daten vereinheitlichen und Entscheidungen effizienter treffen. Gerade angesichts multipler Krisen ist dieser Wunsch nachvollziehbar. Komplexit\u00e4t produziert Unsicherheit, und Unsicherheit ist schwer zu verwalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur wird die Welt nicht weniger komplex, weil unser Dashboard \u00fcbersichtlicher wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade \u00f6kologische Transformationen verlangen von uns, Beziehungen wahrzunehmen: zwischen sozialen und \u00f6kologischen Systemen, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen globalen Entwicklungen und konkreten Orten, zwischen messbaren Ver\u00e4nderungen und dem Erfahrungswissen der Menschen, die mit ihnen leben. Vielleicht brauchen wir deshalb nicht nur bessere Daten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht brauchen wir auch eine gr\u00f6\u00dfere Toleranz f\u00fcr Wissen, das sich der Eindeutigkeit entzieht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch digitales Wissen kann verschwinden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dass Digitalisierung nicht automatisch Vielfalt produziert oder erh\u00e4lt, wurde im Gespr\u00e4ch an einer zweiten k\u00fcnstlerischen Position deutlich: der Arbeit von Studio Oleomingus. Das unabh\u00e4ngige indische Game- und Kunststudio beschreibt seine eigene Praxis als Arbeit an der Schnittstelle von postkolonialem Schreiben und Interactive Fiction. Digitale Spielr\u00e4ume verstehen die K\u00fcnstler als Orte von Diskurs, Widerstand und Aufzeichnung und nutzen sie, um sich mit kolonialen Machtstrukturen, verdeckten Geschichten, Sprache und der Frage auseinanderzusetzen, wie Geschichte \u00fcberhaupt erz\u00e4hlt und gespeichert wird. Bei <em>Beyond Gravity <\/em>war mit \u201eFolds of a Separation\u201c eine Arbeit zu sehen, die sich mit der Inhaftierung und dem Ausschluss von K\u00f6rpern aus \u00f6ffentlichen R\u00e4umen sowie mit staatlicher Kontrolle besch\u00e4ftigt. Fabian Raith nahm die Arbeit im Gespr\u00e4ch zum Ausgangspunkt f\u00fcr eine weiterf\u00fchrende Beobachtung: Auch innerhalb digitaler Kulturen k\u00f6nnen Erz\u00e4hl- und Wissensformen unter dem Druck von Kommerzialisierung und Marktdynamiken verdr\u00e4ngt werden. Seine Frage war deshalb nicht nur, was digital gespeichert werden kann, sondern welchen Fantasien, Regeln und Machtstrukturen digitale R\u00e4ume folgen und welche alternativen Formen wir bewusst erhalten und f\u00f6rdern wollen. Das ist f\u00fcr mich zentral. Denn wir sprechen \u00fcber Digitalisierung h\u00e4ufig, als sei sie automatisch eine Form der Bewahrung. Was digitalisiert wurde, ist gespeichert; was gespeichert ist, steht zur Verf\u00fcgung. So einfach ist es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Digitale R\u00e4ume haben Infrastrukturen, Standards und Gesch\u00e4ftsmodelle. Plattformen ver\u00e4ndern sich. Formate verschwinden. Suchlogiken entscheiden \u00fcber Auffindbarkeit. M\u00e4rkte dar\u00fcber, welche Anwendungen weiterentwickelt werden. Eine Wissensform kann also digital vorhanden und trotzdem praktisch unsichtbar sein. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Was wird digitalisiert? Sondern auch: Welche Wissenskulturen k\u00f6nnen unter den Bedingungen unserer digitalen Infrastrukturen weiterleben?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von Digital Literacy zu epistemischer Literacy<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Daraus ergibt sich f\u00fcr mich eine Erweiterung dessen, was wir gew\u00f6hnlich unter Digital Literacy verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sollten wir verstehen, wie Algorithmen, Trainingsdaten und Plattformen funktionieren. Wir sollten wissen, wo Daten gespeichert werden, wer Zugriff auf sie hat und welche Interessen hinter digitalen Infrastrukturen stehen. Aber wir brauchen zus\u00e4tzlich eine Art epistemischer Literacy: die F\u00e4higkeit zu erkennen, welches Verst\u00e4ndnis von Wissen in einer Technologie steckt. Welche Kategorien muss ein System bilden, damit es funktioniert? Welche Formen von Eindeutigkeit verlangt es? Welche Beziehungen werden bei der \u00dcbersetzung in Daten durchschnitten? Was l\u00e4sst sich z\u00e4hlen und was wird dadurch unsichtbar? Wer legt fest, was relevant ist? Und wer kann dieser Ordnung widersprechen? Das sind keine rein technischen Fragen. Es sind kulturelle und politische Fragen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beziehungsarbeit statt Datenextraktion<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine m\u00f6gliche Antwort tauchte in unserem Gespr\u00e4ch immer wieder auf: Beziehungsarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei <em>Beyond Gravity<\/em> war das nicht nur ein theoretischer Begriff. F\u00fcr das Residenzprogramm wurden internationale Kuratorinnen eingeladen, gemeinsam mit K\u00fcnstlerinnen Projekte zu entwickeln und daf\u00fcr wiederum Kooperationen mit k\u00fcnstlerischen oder technologischen Positionen im Ruhrgebiet einzugehen. Die Setzung von Themen und Einladungspolitiken sollte damit zumindest punktuell anders organisiert und kuratorische Entscheidungsmacht verschoben werden. Am Ende des Gespr\u00e4chs wurde daraus eine sehr konkrete kulturpolitische Forderung: lokale Strukturen st\u00e4rken, Begegnungsr\u00e4ume erm\u00f6glichen, Digital Literacy f\u00f6rdern und gro\u00dfe Fragen in konkrete lokale Praktiken \u00fcbersetzen. F\u00fcr mich steckt darin mehr als eine Empfehlung f\u00fcr F\u00f6rderprogramme. Es ist ein anderes Verst\u00e4ndnis davon, wie Wissen entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht als Rohstoff, den wir einsammeln, aus seinem Zusammenhang l\u00f6sen und anschlie\u00dfend in ein System einspeisen. Sondern relational: durch Zeit, Vertrauen, Auseinandersetzung, \u00dcbersetzung und manchmal durch das Eingest\u00e4ndnis, etwas nicht vollst\u00e4ndig \u00fcbersetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade Kunst und Kultur k\u00f6nnen daf\u00fcr wichtige R\u00e4ume schaffen. Nicht weil sie au\u00dferhalb bestehender Machtstrukturen st\u00fcnden. Sondern weil Wissen hier nicht ausschlie\u00dflich als Information auftreten muss. Es kann erz\u00e4hlt, aufgef\u00fchrt, verk\u00f6rpert, erinnert, gespielt oder spekulativ ver\u00e4ndert werden. Und manchmal besteht die Qualit\u00e4t einer k\u00fcnstlerischen Arbeit gerade darin, einen Widerspruch nicht aufzul\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine Kulturpolitik der Wissensvielfalt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was folgt daraus kulturpolitisch?<\/p>\n\n\n\n<p>Digitalpolitik im Kulturbereich darf nicht bei Infrastruktur, Software und Kompetenzen enden. Wir m\u00fcssen genauso dar\u00fcber sprechen, welche Formen von Wissen diese Infrastrukturen erm\u00f6glichen und welche sie erschweren. Das betrifft Archive ebenso wie KI-Projekte, digitale Sammlungen, Kulturplattformen oder datenbasierte Prozesse in Verwaltungen und St\u00e4dten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer definiert Kategorien? Wer entscheidet dar\u00fcber, was dokumentiert wird? Welche M\u00f6glichkeiten gibt es, Wissen zu erg\u00e4nzen, zu kontextualisieren oder ihm zu widersprechen? Welche Beziehungen gehen bei der \u00dcbertragung in Daten verloren? Und gibt es vielleicht sogar Wissen, das bewusst nicht digitalisiert werden sollte? Vor allem aber brauchen wir R\u00e4ume, in denen unterschiedliche Wissensformen aufeinandertreffen k\u00f6nnen, ohne sofort vereinheitlicht werden zu m\u00fcssen. Das ist mehr als Diversit\u00e4t im Sinne von Repr\u00e4sentation.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um epistemische Vielfalt: um unterschiedliche Arten, Welt wahrzunehmen, Wissen hervorzubringen und Beziehungen zwischen Dingen herzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Ende unseres Gespr\u00e4chs musste ich an einen Veranstaltungstitel denken, der mich seit Jahren begleitet: <em>Enjoy Complexity<\/em>, eine Reihe der Akademie f\u00fcr Theater und Digitalit\u00e4t bei der ich in Dortmund mal zu Gast war. Komplexit\u00e4t genie\u00dfen. Vielleicht ist das tats\u00e4chlich eine Haltung, die wir momentan dringend ben\u00f6tigen. Nicht Komplexit\u00e4t um ihrer selbst willen. Nicht als akademische Geste und auch nicht als Ausrede daf\u00fcr, keine Entscheidungen treffen zu m\u00fcssen. Sondern als Anerkennung der Tatsache, dass Reduktion immer einen Preis hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Daten sind unverzichtbar. Modelle sind unverzichtbar. Auch KI wird zunehmend Bestandteil unserer Wissensproduktion sein. Gerade deshalb m\u00fcssen wir lernen, ihre Grenzen mitzudenken. Gestaltende Verantwortung beginnt dann nicht erst bei der Frage, was wir mit Daten machen. Sie beginnt bereits bei der Entscheidung, was wir zu Daten machen und was nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht jede Datenl\u00fccke ist deshalb einfach ein Defizit, das geschlossen werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche L\u00fccken erinnern uns daran, dass die Welt gr\u00f6\u00dfer ist als ihre Modelle.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile is-vertically-aligned-center\" style=\"grid-template-columns:29% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"481\" height=\"481\" src=\"https:\/\/kupoge.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/hilke-marit-berger-qaudrat.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1591 size-full\" srcset=\"https:\/\/kupoge.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/hilke-marit-berger-qaudrat.jpg 481w, https:\/\/kupoge.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/hilke-marit-berger-qaudrat-300x300.jpg 300w, https:\/\/kupoge.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/hilke-marit-berger-qaudrat-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 481px) 100vw, 481px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p><strong>Kurzvita<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hilke Marit Berger (Dr. phil.) ist Professorin f\u00fcr <strong>Digital Cultures and Imaginative Intelligence<\/strong> an der Universit\u00e4t Hamburg. Als Kulturwissenschaftlerin forscht sie an der Schnittstelle von digitalen Kulturen, Stadtforschung und k\u00fcnstlerischer Praxis. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Frage, wie gesellschaftliche Zukunftsvorstellungen entstehen und wirksam werden und welche Rolle Imagination, unterschiedliche Wissensformen und KI dabei spielen, alternative urbane und \u00f6kologische Zuk\u00fcnfte denkbar, erfahrbar und gestaltbar zu machen.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hilke Marit Berger<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1587,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_uag_custom_page_level_css":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1586","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Jenseits der Datenl\u00fccke - Kulturpolitische Gesellschaft e.V.<\/title>\n<meta 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