{"id":72,"date":"2020-11-25T13:15:00","date_gmt":"2020-11-25T12:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kupoge.de\/blog\/?p=72"},"modified":"2020-12-14T14:21:13","modified_gmt":"2020-12-14T13:21:13","slug":"kulturinfarkt-revisited","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kupoge.de\/blog\/2020\/11\/25\/kulturinfarkt-revisited\/","title":{"rendered":"Kulturinfarkt revisited?"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/kupoge.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/haselbach_klein-knuesel-optiz-kulturinfarkt-revisited.pdf\" target=\"_blank\">PDF<\/a><\/h5>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00bbEs wird die gleiche Welt sein, nur ein wenig schlimmer\u00ab<\/p><cite>Michel Houellebecq<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00bbUnsere Kultur geht auf keine Kuhhaut\u00ab<\/p><cite>Hans Magnus Enzensberger (1997)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p><em>Die Corona-Pandemie<\/em> hat Gesellschaft und \u00d6konomie weltweit ersch\u00fcttert. Wie weiter? Die einen wollen so schnell wie m\u00f6glich zur\u00fcck zu einer wie immer definierten fr\u00fcheren \u203aNormalit\u00e4t\u2039 \u2013 die anderen fragen sich, ob diese Krise nicht eher Chancen berge, Neues zu denken und umzusetzen. In der Kulturpolitik laufen solche \u00dcberlegungen wie \u00fcblich eher verdeckt. Niemand, der am \u00f6ffentlichen Geldhahn sitzt, soll irritiert werden. So sieht man an der Oberfl\u00e4che nur das Bem\u00fchen der Verb\u00e4nde und ihrer Vertreter, Rettungsprogramme zu aktivieren; gerettet werden soll, was da ist. Und der Bund rettet.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber diese Rettungsprogramme l\u00f6sen die strukturelle Krise, in der sich Kulturpolitik und Kulturfinanzierung schon lange befinden, nicht; sie verl\u00e4ngern sie. Nach dem Auslaufen der Rettungspakete wird die kulturpolitische \u00dcberforderung \u00fcber uns als weitere Welle hereinbrechen. Beim absehbaren R\u00fcckgang \u00f6ffentlicher Ausgaben nach dem \u203agro\u00dfen Wumms\u2039 und dem kleineren im Herbst und dem, was noch kommen mag, besonders bei Kommunen und L\u00e4ndern, wird sich diese Krise nicht mehr durch \u00f6ffentliches Geld zugedeckt lassen. Die Vorstellung, dass sich strukturelle Probleme dank immer mehr Geld verfl\u00fcchtigen, wird sich als die gro\u00dfe Illusion entpuppen. Da passt es gerade, dass die Kultur \u2013 auch \u2013 das Reich der Fiktionen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>International, wo der \u203aWumms\u2039 nicht so riesig daherkommt, wird schon jetzt \u00fcber K\u00fcrzungen in der Hochkultur im Abgleich mit anderen Politikfeldern offen diskutiert. Ist Kulturpolitik hierzulande in der Lage, die Zukunft zu gestalten, notwendige Ver\u00e4nderungen und Reformen voranzutreiben, auch zulasten von einer Reihe von Kulturakteuren und -einrichtungen \u2013 oder entscheiden dies einmal mehr die Finanzminister und Stadtk\u00e4mmerer? Im Folgenden sind nur einige der Felder angesprochen, in denen sich Neues denken und tun l\u00e4sst.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Haushaltskonsolidierungen<\/strong><br>Nach der Bazooka kommt das Aufr\u00e4umen (das haben Milit\u00e4rmetaphern so an sich), eine neue Runde von Haushaltskonsolidierungen. Alte Erfahrungen sagen: Erst werden die Pflichtaufgaben abgedeckt, dann langfristig geschlossene Vertr\u00e4ge bedient. F\u00fcr die Kultur hei\u00dft das: Gro\u00dfe Einrichtungen, Stadttheater, Museum, Stadtbibliotheken sind besser abgesichert als das Kleine, Experimentelle, nicht institutionell Gef\u00f6rderte. Wer immer schon bekommen hat, wird auch weiterhin bekommen \u2013 Neues wird \u00bbauf den Markt\u00ab verwiesen. <br><br>Solche Haushaltskonsolidierung macht alte Fragen wieder aktuell: Nach welchen Kriterien wird gef\u00f6rdert? Welche \u00f6ffentlichen Zwecke werden verfolgt? Entsprechen die gef\u00f6rderten Strukturen den Kriterien, den kulturpolitischen Zielen? Oder sind die Ziele praktischerweise eine Funktion der gegenw\u00e4rtigen Verteilmechanismen, ohne auch nur einen Hauch der ideen- und sozialgeschichtlichen Voraussetzungen eben dieser \u2013 gem\u00e4\u00df Sprachregelungen \u2013 immer \u00bbhistorisch gewachsenen\u00ab \u00f6ffentlichen Haushalte zu diskutieren? Wird die hergebrachte Verteilung der Mittel (98 Prozent gebunden f\u00fcr die gro\u00dfen Institute, 2 Prozent f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigen) diesen Kriterien und \u00f6ffentlichen Zielen gerecht?<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Systemrelevanz<\/strong><br>Jede kulturelle Einrichtung, Initiative, jedes Projekt und jede und jeder Beteiligte definieren sich heute als systemrelevant. Systemrelevanz wird als Synonym benutzt f\u00fcr den Anspruch auf staatliche Unterst\u00fctzung und, aktuell, Corona-Nothilfe. Doch so viel Relevanz tr\u00fcbt den Blick auf die Unterschiede. Systemrelevanz bedeutet nicht, dass alles, was zum System geh\u00f6rt, auch relevant ist. Im Gegenteil, Systemrelevanz kann nur jenen Teilen zukommen, ohne die das System zusammenbricht. Anders rum: Vieles k\u00f6nnte weg, und das System als Ganzes w\u00fcrde sogar an Relevanz gewinnen. <br><br>Gerade der Corona-Lockdown hat gezeigt, mit wie wenig es ginge \u2026 wenn ein wenig auch dank digitaler Surrogate. Und der Lockdown light trifft die performative Kulturszene wie der erste. Die kulturpolitischen Schl\u00fcsselfragen lauten deshalb: Was muss das Kultursystem leisten? Welches sind seine \u2013 ideengeschichtlich, bildungsbezogenen, sozialpolitisch \u2013 relevanten Teile? Gibt es einen \u00bbVersorgungsauftrag\u00ab, wer formuliert(e) ihn? Wie verh\u00e4lt sich der Auftrag zur wachsenden Mobilit\u00e4t und zum digitalen Medium? Welche Formel finden wir, solche Relevanz periodisch neu zu definieren? <br><br>Welche Rolle kommt hier dem Markt zu, der Bereitschaft der Nutzer*innen, angemessene Preise zu bezahlen? Denn es entstehen neue Bereiche wie die digitalen Erlebniswelten, die Zeit und Aufmerksamkeit absorbieren. In der Kultur bleibt das Alte neben dem Neuen bestehen. So w\u00e4chst das Angebot umgekehrt proportional zum Publikum. Das ist kein Problem, solange das Publikum allein f\u00fcr die Finanzierung aufkommt.<br><br>Doch die Kultur ist ein Musterbeispiel f\u00fcr die Verteilung der Lasten auf alle, auch auf die Nicht-Beteiligten. Alte Spit\u00e4ler rei\u00dft man ab, alte Flugh\u00e4fen werden zu Innovationsparks umfunktioniert. Historisch gibt es nur ein Beispiel, das wie die Kultur funktionierte, und es ist eng verwandt: die Kirche. Auch hier stellte man die neue neben die alte. Was weder die eine noch die andere besser f\u00fcllte oder ihre Relevanz steigerte. <br><br>Woraus sich die Grundfrage jeder Politik ableiten l\u00e4sst: Ist es ein Naturgesetz, dass der Staat Einfluss und Verantwortung immer weiter ausdehnt und damit die Kultur einer Leistungsplanung unterwirft? Oder ist eine Politik denkbar, die dem freien Spiel der Kr\u00e4fte mehr Raum gibt und sich auf Kernbereiche und die Festlegung von Regeln beschr\u00e4nkt?<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse<\/strong><br>Die Corona-Krise hat es \u00fcberdeutlich gemacht: In der Kultur Besch\u00e4ftigte sind nicht gleich, und das in vielerlei Hinsicht. Es gibt K\u00fcnstler*innen, die in ihrem Wirken stark auf Publikum angewiesen sind: die performativen K\u00fcnste, alle im Veranstaltungsbereich T\u00e4tigen usw. Andere sind nicht in gleichem Ma\u00dfe auf Live-Publikum angewiesen: Schriftsteller*innen, Maler*innen. Doch auch hier ist zu differenzieren: Auftritte und Lesereisen sind f\u00fcr manche in der Literaturbranche wichtiger Teil des Einkommens, andere leben von ihren Buchhonoraren allein. In den Nothilfeprogrammen wurde vieles \u00fcber einen Kamm geschert. Wo aber ist hier zu differenzieren? Ist es fair, dass Kreative \u00dcbergangshilfe bekommen, andere Menschen, die durch die Pandemie in Not geraten sind, aber auf das soziale Netz verwiesen sind? Nach welchem Kriterium wird man hier K\u00fcnster*in? Kann da jede*r mitmachen?<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann gibt es auch in der Kultur gut abgesicherte Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, etwa im Orchester, im Theater, in den Museen \u2013 aber eben auch jene Selbstst\u00e4ndigen, die den gut abgesicherten gro\u00dfen Einrichtungen zuarbeiten. Erstere vor allem kommen recht gut durch die Krise; wo der Staat 80 bis 90 Prozent der Kosten deckt, leiden die Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse zuletzt, auch wenn Corona-bedingt nicht gespielt wird. Wie aber entstand jener Kreis von freien Berufen rund um die etablierten Institutionen? Geht es hier \u00e4hnlich zu wie in der Fleischwirtschaft mit einer Kernbelegschaft und einer Corona von Scheinselbstst\u00e4ndigen?<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Organisations- und F\u00fchrungsstrukturen<\/strong><br>Kulturbetriebe sind sehr unterschiedlich verfasst \u2013 die Skala reicht vom markt- und gewinnorientierten Privatbetrieb, von der Stiftung b\u00fcrgerlichen Rechts \u00fcber den e.V. ohne fiskalische Zusch\u00fcsse und den e.V. mit solchen. Manche Betriebe bekommen \u00f6ffentliche Mittel als Projektf\u00f6rderung, andere als institutionelle F\u00f6rderung, und die Krone der betrieblichen Sch\u00f6pfungen in \u00f6ffentlicher Kulturhand sind nach wie vor die Stiftungen \u00f6ffentlichen Rechts und schlie\u00dflich auch, immer noch, die Beh\u00f6rde. Das Gipfelamalgam beider Institutionalit\u00e4ten bildet die Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz \u2013 passend zur Pause zwischen den beiden Pandemie-Wellen kam das Gutachten, das die Entschlackung der aufgeblasenen Stiftung empfiehlt. <br><br>Doch die auf Bundesebene f\u00fcr Kultur zust\u00e4ndige Staatsekret\u00e4rin Gr\u00fctters nutzt ganz offenbar einzig die aus diesem Befund auch erwachsende Chance, pers\u00f6nliche Machtbereiche w\u00e4hrend der pandemischen Zeiten innerhalb der Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz \u203azust\u00e4ndigkeitshalber\u2039, auszubauen. Sie vergibt die Chance, die das Gutachten des Wissenschaftsrates an die Hand gibt: \u00fcber Strukturen und damit verbundene Betriebsformen in der Kultur, hier im gr\u00f6\u00dften deutschen Kulturbetrieb, konkret nachzudenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Passen b\u00fcrokratische Betriebsformen und F\u00fchrungsstrukturen eigentlich zu kulturellen Inhalten? Zum kritischen Auftrag? Theater, aber auch mancher Museumsbetrieb, sind auf die Pers\u00f6nlichkeit einer k\u00fcnstlerischen Leitung, einer Intendanz zugeschnitten: Der kulturelle Zw\u00f6lfender (das sind inzwischen auch Zw\u00f6lfenderinnen) tritt auf die Lichtung. Zum Grundverst\u00e4ndnis geh\u00f6rt, dass es F\u00fchrungsprobleme nicht gibt. Diese Position bringt weitgehende Durchgriffsrechte und fast diktatorische Vollmachen mit sich. <br><br>Passt das zur Kulturvermittlung, zum Partizipations- und Inklusionsauftrag, der Empathie und Flexibilit\u00e4t des Diskurses voraussetzt? Manche Beispiele zeigen, dass solche F\u00fchrung schnell problematisch werden kann. Wie also soll ein Kulturbetrieb aussehen? Welche Form, welche F\u00fchrung passt zu welcher Aufgabe und Kunstsparte im \u00f6ffentlichen Kulturbetrieb? Wo k\u00f6nnen unternehmerische Formen eingesetzt werden, wo der \u00f6ffentliche Betrieb abgestreift werden?<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kulturelle Bildung<\/strong><br>Vor ca. zehn Jahren begann die Karriere dessen, was man Kulturelle Bildung nennt. So richtig verstanden hat den Begriff bislang niemand. Kulturpolitisch meint man mit dem Hinweis auf die dringende Erfordernis Kultureller Bildung, dass bildnerisches Gestalten wie gleicherma\u00dfen Musizieren, Singen und Tanzen, m\u00f6glicherweise auch Schauspielern und Rezitieren in allen Sozialisationsprozessen n\u00fctzlich sind und deswegen keinesfalls vernachl\u00e4ssigt werden d\u00fcrften. <br><br>Die Richtigkeit dieser Einsicht steht in einem merkw\u00fcrdigen und offenbar irgendwie nicht (jedenfalls bislang nicht mit politischen Mitteln) beseitigbaren Widerspruch dazu, dass der Aus- bis stellenweise komplette Wegfall von Unterricht in musischen F\u00e4chern in den Allgemeinbildenden Schulen ohne gro\u00dfen Protest hingenommen wird. Nat\u00fcrlich gab und gibt es Initiativen aller Art, sogar ein Rat f\u00fcr Kulturelle Bildung wurde vor einigen Jahren gegr\u00fcndet, und landauf landab entstehen Initiativen im Umfeld von au\u00dferschulischen Bildungseinrichtungen aller Art. Auch die f\u00fcr Kultur zust\u00e4ndigen Minister*innen bem\u00fchen sich dann und wann, keine Frage.<\/p>\n\n\n\n<p>Was machen wir da alle zusammen eigentlich? Einerseits wissen alle, dass freiwillig bislang niemand auf Regelunterricht in musischen F\u00e4chern in allen europ\u00e4ischen Bildungssystemen der letzten Jahrtausende verzichtet h\u00e4tte. Andererseits f\u00fchren wir mit dem Programm zum Ausbau und zur St\u00e4rkung au\u00dferschulischer Kultureller Bildung vor Augen, dass musische Erziehung ganz offenbar im normalen Bildungsgang keinen Platz hat. Wenn es keine Schimmel mehr gibt, dann m\u00fcssen eben wei\u00dfe Schimmel her.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt jede Menge Antworten auf politischen Ebenen, um den begrifflichen Widerspruch nicht benennen und den offenkundigen Mangel nicht einr\u00e4umen zu m\u00fcssen. Von Lehrermangel ist ebenso die Rede wie von unterschiedlichen p\u00e4dagogischen Ausbildungsg\u00e4ngen, die einerseits in Beamtenverh\u00e4ltnissen, andererseits im Angestelltenstatus oder in Freiberuflichkeit m\u00fcnden sollen. Die Notwendigkeit, sich unbedingt vermehrt um MINT-F\u00e4cher zu k\u00fcmmern, wird massiv ins Feld gef\u00fchrt, und wenn gar keine Argumente mehr vorhanden sind, dann ist der Mangel an Unterricht in musischen F\u00e4chern, na klar, der Digitalisierung geschuldet.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum nicht in einem ersten Schritt das System (f\u00f6deral bedingt sehr unterschiedlich strukturiert und \u00f6ffentlich verankert) der Musikschulen schlank in die Allgemeinbildenden Schulen integrieren? Au\u00dferschulische musische Angebote w\u00e4ren dann als wunderbar willkommene Erg\u00e4nzung eines Kerns von musischem Schulunterricht zu begreifen; das Substitutgezappel ganzer Subsysteme Kultureller Bildung mit allen ihren institutionellen und damit auch administrativen Folgen k\u00f6nnte man beiseite lassen. Und wenn man \u00c4hnliches vielleicht in einem Zusammengehen der Schulen bzw. von deren Tr\u00e4gern mit verbandlichen Strukturen der Bildenden Kunst erprobte? <br><br>\u00c4hnlich w\u00e4re den weiter extrem gut mit Steuermitteln versorgten \u00f6ffentlichen Theatern der Auftrag fl\u00e4chendeckend ins Stammbuch zu schreiben, Regelangebote f\u00fcr Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zu schaffen, die gemeinsam mit Schule zu planen seien.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Digitalisierung<\/strong><br>Die letzte Dekade gilt als Jahrzehnt der Digitalisierung. Die Arbeitswelt hat sich f\u00fcr viele radikal ver\u00e4ndert, eine neue kreative Klasse ist entstanden, die im Wesentlichen an ihren Laptops Zeichen manipuliert und modelliert und die als Heer von Freiberuflern den Einrichtungen \u00fcberdies als g\u00fcnstige Lieferanten zur Verf\u00fcgung stehen. Gleichzeitig hat der Bildschirm als Medium \u00e4sthetischer Erfahrung enorm an Bedeutung gewonnen. Die Politik, wo sie nicht mehr weiterwei\u00df, lanciert Digitalisierungsprogramme.<br><br>Weil digital nach Zukunft klingt. Schulen werden digitalisiert, jedem Kind ein Tablet ist kein Versprechen mehr, sondern bereits ein teilweises \u00c4rgernis. Denn gerade Corona hat gezeigt, dass Bildung im digitalen Medium die soziale Kluft vergr\u00f6\u00dfert, weil Lernen einen kognitiv f\u00f6rderlichen Kontext ben\u00f6tigt und gerade digitales Lernen essentielle kulturelle Kompetenzen voraussetzt. Digitales Lernen erh\u00f6ht den Abstraktionsgrad, es verkn\u00fcpft nur noch Zeichen mit Zeichen, nicht Zeichen mit Objekten, sozialen Kontexten, Erfahrungen. Daraus ergeben sich f\u00fcr die Kultur- wie die Bildungspolitik ganz andere Fragen als noch zu Zeiten der gro\u00dfen Interneteuphorie. <br><br>Brauchen wir mehr arbeitsweltbezogenen Ausbildung oder mehr \u2013 ganz altmodisch \u2013 ganzheitliche Bildung? Welche Rolle kommt dem digitalen Medium im Unterricht zu? Welche in der Kulturvermittlung? Wie nutzen wir Social Media, in denen alle kompetent sind, als Tor zur Kultur? TikTok und Oper \u2013 wirklich unm\u00f6glich? Gibt es Formen digitaler kultureller Vermittlung, die von unten kommen und nicht von oben, die also nicht zum vornherein der kulturellen Elitenselektion dienen?<\/p>\n\n\n\n<p>Niemand, auch die Autoren dieses Textes nicht, erwartet eine Kulturpolitik, die all diese Fragen koh\u00e4rent und widerspruchsfrei beantwortet. Aber eine, die sich diesen Fragen stellt und sie nicht einfach mit \u00bbmehr Geld\u00ab beantwortet. St\u00e4ndiges Wachstum, abgebildet in wachsenden Zusch\u00fcssen, und das Kompensieren von Problemen mit Geld waren schon vor der Krise vorgestrig. <br><br>Wachstum l\u00f6st keine Probleme mehr, sondern schafft sie. Gerne wird eine Haltung, die Selbstverantwortung propagiert und den Markt als Instrument gesellschaftlicher Steuerung anerkennt, als neoliberal abgetan. Was sonst kann komplexe Gesellschaften koordinieren au\u00dfer M\u00e4rkten, die in rechtliche und soziale, letztendlich: politische Ordnung eingebettet sind? Die Weisheit kulturpolitischer Strategen reicht garantiert nicht; konzeptbasierte Kulturpolitik ist genauso von gestern. <br><br>Kulturpolitik muss das kompetitive Spiel der Kr\u00e4fte zulassen, ja f\u00f6rdern. Sonst blockiert sie im Interesse der Besitzstandverteidiger jenen Wandel, der Kultur \u00fcberhaupt ist. Neoliberal im Sinne von kaltherzig hingegen ist eine Kulturpolitik, die im Windschatten der gro\u00dfen und gut alimentierten Institute das Entstehen einer neuen Klasse k\u00fcnstlerischen Proletariats aktiv bef\u00f6rdert, indem sie ihm seine Ketten bel\u00e4sst. Tja \u2013 immerhin habe es ja seine kreative W\u00fcrde, bleibt die im Grunde zynische Schlussfolgerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, da w\u00e4re eine Menge zu tun. Ein dem Status K\u00fcnstler*in angemessenes Sozialversicherungsrecht, neue Gouvernanz- und F\u00fchrungsmodelle, Vereinfachung der Strukturen, Deinstitutionalisierung, mehr finanzieller Raum f\u00fcr Unabh\u00e4ngige \u2013 volles Programm!<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Autoren<\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:33.33%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"300\" src=\"https:\/\/kupoge.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Heselbach.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-152\" srcset=\"https:\/\/kupoge.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Heselbach.png 400w, 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