Landesgruppe Hessen

Aktuell

»Was wir über Flüchtlinge wissen und was uns Geflüchtete in Deutschland sagen wollen«

am 17.11.2017 in Frankfurt am Main, in den Räumen der KulturRegion FrankfurtRhein-Main gGmbH von 18:30-21.00 Uhr, mit 20 TeilnehmerInnen

Europa und nicht nur die deutsche Gesellschaft kommt nicht umhin, sich mit den Herausforderungen von Aufnahme und Integration der Flüchtlinge nachhaltig zu beschäftigen. Davon sind nicht nur Individuen betroffen, sondern es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe an der alle mitdenken, handeln und Konzepte für eine gemeinsame Zukunft entwickeln müssen. Um in dieser Richtung weiter zu denken gilt es zu überlegen, welche Aspekte bisher bei den vielen verschiedenen Angeboten vernachlässigt wurden. In diesem Kontext lud die Landesstelle Hessen zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung ein.

Das Team: von links – Abdullah Morad, Anette Rein, Virginia Wangare Greiner, Sabine Kalinock
Foto: Heike Seidel-Hoffmann

 

Dabei standen folgende Fragen im Zentrum:

Was wissen wir übereinander und wer spricht für wen? Was brauchen diejenigen, die bei uns angekommen sind? Und was ist überflüssig – was wir ihnen aber ständig ungefragt geben: wie Stofftiere? Wen fragen wir in diesen Prozessen des Ankommens überhaupt – oder entscheiden wir nur über die Köpfe der Anderen nach unseren Vorstellungen in Deutschland? Wie könnte man es für alle Beteiligten besser organisieren? Was ist das Besondere, was man (nur) in Deutschland lernen kann – wo suchen wir nach Alleinstellungsmerkmalen von Kompetenzen, mit denen Geflüchtete auch nach ihrer Rückkehr in ihre Heimatländer sich eine (nachhaltige) Existenz aufbauen können?

 

Aus den Vorträgen und den jeweils anschließenden Diskussionen lassen sich folgende Aussagen in 20 Punkten zusammen fassen:

  1. Die einzelnen Angebote der unterschiedlichen Institutionen müssen viel besser miteinander vernetzt und transparenter allgemein zugänglich sein, um aufeinander aufzubauen und nicht in gegenseitiger Konkurrenz zu verharren. Dazu sollte eine zentrale Koordinationsstelle eingerichtet werden.
  2. Es fehlt an einer unabhängigen Evaluation der jeweiligen Angebote (ohne Rücksichtnahme auf Geldgeber) sowie Supervision für die Ehrenamtlichen.
  3. Es gibt bisher keine qualifizierenden Definitionen darüber, was eine »erfolgreiche« Veranstaltung oder ein Lehrangebot für Geflüchtete ist. Erfolg bemisst sich bisher nur über die Teilnehmerzahl. Weitere Überprüfungskriterien, ob die Kurse überhaupt stattgefunden haben, ob die angegebene Teilnehmerzahl stimmt, was tatsächlich gelehrt/gelernt wurde, wie die Auswahl der Teilnehmenden stattfand oder ein qualifiziertes Feedback der TeilnehmerInnen werden bisher nicht transparent erhoben. Eine Standardisierung von Prüfkriterien und Kontrollen muss eingeführt werden, um finanzielle Förderungen zielführend zu bewilligen und einzusetzen.
  4. Viele unter den bisher angebotenen Sprachkursen führen nicht zum erwünschten Ziel, da die Bedürfnisse und Vorkenntnisse der Flüchtlinge bei ihrer Ankunft nicht ausreichend erhoben und im darauffolgenden Angebot berücksichtigt werden. Auch an dieser Stelle ist der Einsatz von MuttersprachlerInnen zentral. So sollten die TeilnehmerInnen nach Alter, Geschlecht, Kompetenzen und Interessen vorher befragt werden. Es macht keinen Sinn, alle mit dem gleichen Lehrbuch zu schulen, wenn z.B. ein Handwerker in den 50ern in seinem Beruf wieder Fuß fassen will und dafür die entsprechenden Vokalbeln braucht. Das menschliche Gehirn lernt vor allem das, was es mit bereits Bekanntem verknüpfen kann. Ein viel erfolgsversprechender Sprachunterricht ist deshalb eine zeitgleiche Kombination von Sprachelernen und Berufspraxis – wir brauchen eine berufsintegrierte Sprachförderung!
  5. Ein Konzept von ehrenamtlicher Tätigkeit ist in vielen Kulturen unbekannt, in denen vor allem in Strukturen der gegenseitigen (familiären) Verpflichtungen gedacht und gehandelt wird. In Deutschland stellt jedoch das Ehrenamt in den verschiedenen Vereinen und Organisationen einen wichtigen zivilgesellschaftlichen Bereich dar, der u.a. seit 2015 entscheidend dazu beigetragen hat Flüchtlinge zu empfangen, aufzunehmen und sie in ihrer neuen Heimat zu begleiten. Das Konzept vom Ehrenamt ist eine Besonderheit, die in Deutschland auf vielfältige Weise praktiziert wird, welches Geflüchtete kennen lernen sollten, um es wertschätzen und verstehen zu können. Durch ein eigenes Ehrenamt haben Geflüchtete nicht nur die Möglichkeit sich in einem Umfeld zu vernetzen und Kontakte in der alltäglichen Lebenspraxis zu bekommen, sondern darüber hinaus können sie sich aktiv einbringen, Bestätigung über ihren Einsatz erlangen und zugleich Verantwortung übernehmen. Wird diese ehrenamtliche, unbezahlte Leistung als ein Wert geschätzt, so wird deutlich, dass dieser auch zum Tausch für andere freiwillige Leistungen angeboten werden kann – unabhängig davon, ob Geflüchtete über ein eigenes Einkommen verfügen. Der Satz: »Nicht ist umsonst im Leben« gilt weltweit und besonders in den Gesellschaften, in denen die meisten Flüchtlinge sozialisiert wurden. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass alles das, was ihnen kostenfrei in Deutschland angeboten wird, die EmpfängerInnen in eine immer größer werdende emotionale Abhängigkeit stürzt. Sie wissen, dass es nicht »umsonst« ist, was sie erhalten. Der unausgesprochene Preis aus Sicht der Deutschen lautet »Integration« – was vielen Flüchtlingen jedoch zunächst gleichbedeutend ist mit einem unübersichtlichen Gestrüpp an Unklarheiten und Verwirrungen. Was ist also der für sie erkennbare Preis bzw. die anerkannte Gegengabe? Je länger eine solche uneindeutige Situation vorherrscht, desto mehr besteht die Gefahr, dass sich Unsicherheit und eine gefühlte Verpflichtung in eine Depression oder auch in eine Aggression verwandeln. Insofern bietet eine passende ehrenamtliche Tätigkeit einen Weg aus dieser hohen Verpflichtungssituation an.
  6. Asyl ist die Zuerkennung einer individuellen Verfolgung und Bedrohung im Herkunftsland. Nicht alle der Betroffenen sind physisch und psychisch in der Lage, die an sie gerichteten Integrationsforderungen zu erfüllen. Diese stehen zudem einer zunehmend restriktiveren Vergabe von Aufenthaltstiteln gegenüber. Ein Trauma muss sowohl diagnostiziert als auch therapiert werden. Für den Erfolg einer Therapie jedoch sind sichere und voraussehbare Lebensumstände die Grundvoraussetzung. Dies ist bei Menschen, die nur einen einjährigen Aufenthalt erhalten, bei denen nur Abschiebungshindernisse zuerkannt werden oder die sogar von Abschiebung bedroht sind, ist nicht gegeben.
  7. Großunterkünfte schaffen double bind Situationen. Einerseits wohnen zu viele Menschen auf zu kleinem Raum unter Menschen gleicher Herkunft oder gleichen Status – andererseits erwartet man von ihnen, sich gleich zu »integrieren«. Wo denn und mit wem?
  8. Die jeweiligen Rollen von Ehrenamt und Hauptamt müssen deutlicher definiert werden.
  9. In diesem Prozess werden viel zu schnell Entscheidungen getroffen und deswegen muss eine Entschleunigung stattfinden. Hinsetzen und gemeinsam überlegen, was sinnvoll ist und was gebraucht wird.
  10. Es fehlen sowohl ÜbersetzerInnen, TraumatherapeutInnen sowie Angebote an Supervision. Frankfurt unterstützt noch keine Übersetzungen für Privatpersonen oder Vereine. Diese Situation muss geändert werden.
  11. Ein Trauma muss sowohl diagnostiziert als auch therapiert, und parallel muss dem Umfeld ein angemessener Umgang mit traumatisierten Menschen vermittelt werden. Dies findet jedoch in dieser Form bisher in den seltensten Fällen statt. Es muss unterschieden werden, ob tatsächlich ein Trauma vorhanden ist oder ob ein Individuum sich nur in einer extremen Stresssituation befindet und dieser durch ein entsprechendes Verhalten Ausdruck verleiht. Es geht zunächst vor allem um die Stabilisierung in der Gegenwart!
  12. Darüber hinaus werden kulturelle »BrückenbauerInnen« gebraucht, die die unterschiedlichen Verfahren erklären und nicht nur Sprachen übersetzen können.
  13. An Beispielen wurde erläutert, dass Integration durch das gegenseitige Zeigen alltäglicher Lebenspraktiken am besten funktioniert. Was kochen die Familien in Deutschland? Wie richten sie sich ein? Wie baut man Möbel auf und welche Angebote sind sinnvoll zu kaufen? Für eine adäquate Integration reichen Sprachkurse nicht aus. Es muss das alltägliche Leben mit den dazu gehörenden Praktiken und Wissenswelten vermittelt werden.
  14. Gegenseitig voneinander lernen sollte zum Handlungsprinzip erklärt werden!
  15. Es muss eine schnelle interkulturelle Öffnung von Strukturen erfolgen (Mehrsprachigkeit, Perspektivenwechsel) an allen Positionen der Verwaltung.
  16. Es sollten Angst freie Räume geschaffen werden.
  17. Die Wartezeiten und die Ablaufzeiten bei Behörden müssen transparenter und viel besser koordiniert werden.
  18. Neue Programme versuchen Rollen-Modelle für RückkehrerInnen aus Europa nach Afrika zu entwickeln.
  19. An einem Beispiel wurde aufgezeigt, dass die vorhandenen Regeln nicht bei allen Flüchtlingen gleichermaßen angewendet werden. So erhielten z. B. von drei Geschwistern zwei Asyl und eins nur eine Duldung – was nicht zu verstehen ist.
  20. Bei fehlenden Papieren über Abschlüsse und Kompetenzen müssen zu einer Evaluierung andere Tests entwickelt werden.

Der abschließende Kommentar von Abdullah Morad fasste die Diskussion noch einmal sehr treffend zusammen und schuf gleichzeitig eine Perspektive für die Zukunft: »Die Welt akzeptieren, ohne die Hoffnung zu verlieren. Wir haben viel geschafft und werden mehr schaffen!«

Dr. Anette Rein

 

Portrait

Die Landesgruppe Hessen konnte im Berichtszeitraum ebenfalls ihre kulturpolitischen Aktivitäten ausbauen. Dabei standen Veranstaltungen im Rhein-Main-Gebiet im Zentrum, zumal mit Ausnahme des Vorstandsmitglieds Bernd Hesse aus Kassel die Mehrzahl der Aktiven der Landesgruppe ohnehin aus dem Großraum Frankfurt/Rhein-Main stammt. Bereits seit 2010 koordiniert ein fünfköpfiger Sprecherkreis die Aktivitäten und vertritt die Gruppe nach außen.

Auch hier haben die Landtagswahlen 2013 neuen kulturpolitischen Schwung in die Regionalgruppenarbeit gebracht. Nach Veranstaltungen zur Zukunft der Kultur in Hessen, zum Wandel der Stadtkultur und zur Kulturellen Bildung sieht die Landesgruppe einen zukünftigen Schwerpunkt ihrer Arbeit in der Diskussion möglicher Folgen des Freihandelsabkommen TTIP für den Kulturbereich. Darüber hinaus soll auch die Präsenz außerhalb der Rhein-Main-Metropolregion verstärkt werden.

 

Kontakt

Dr. Anette Rein • Schifferstr. 68 • 60594 Frankfurt am Main • ar_welten@yahoo.de

Dr. Ralph Philipp Ziegler • Stadtverwaltung Offenbach am Main • FORUM KULTUR UND SPORT • Herrnstrasse 61 • 63065 Offenbach am Main • Tel: 069/80652388 (Vormittags) • ralph.ziegler@offenbach.de

v.l.n.r.: Bernd Hesse, Britt Baumann, Dr. Ralph Ziegler, Dr. Anette Rein und Klaus-Dieter Stork

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