Warum Kulturpolitik mehr braucht als einen Abwehrkampf gegen KI

Christian Steinau

16. März 2026

Algorithmische Systeme prägen bereits, wie wir kommunizieren, konsumieren, lieben, erinnern – und rühren an der Frage, was Mensch sein heißt. Wo Kreative zunehmend innerhalb algorithmischer Systeme arbeiten, die darüber mitentscheiden, was produziert wird, was sichtbar wird und was sich ökonomisch lohnt, verlagert sich kulturelle Wertschöpfung von einzelnen Werken hin zu Infrastrukturen und Regeln der Sichtbarkeit. Die kulturpolitisch entscheidende Frage unserer Zeit ist daher nicht: Ist KI gut oder böse? Sondern: Können wir kreative Systeme steuern – unter welchen Bedingungen, mit welcher Infrastruktur, und wer entscheidet darüber? Dieser Text plädiert für eine gestaltungsorientierte Kulturpolitik, die über den berechtigten Abwehrkampf hinausdenkt.

Empörung allein ist keine Strategie

Die Kultur der Digitalität steht seit längerem im Fokus der kulturpolitischen Debatte[1], ohne dass eine programmatisch befriedigende Position zutage getreten wäre. Generative KI-Systeme haben urheberrechtlich geschützte Werke ohne Erlaubnis extrahiert, in kommerzielle Produkte eingebaut und an die Rechteinhaber zurückverkauft. Das ist der größte Diebstahl in der Geschichte des geistigen Eigentums, und in diesem Punkt gibt es nichts zu relativieren. Doch gerade weil der Diebstahl so gravierend ist, braucht die Antwort mehr als Empörung – sie braucht eine Zukunftsvision. Wer gleichzeitig eine ethische Nutzung generativer KI für unmöglich erklärt und einen europäischen Lizenzmarkt vorschlägt, muss diesen Widerspruch auflösen. Wer Kreativität für nicht automatisierbar hält und gleichzeitig die Substitution von Kreativen als existenzielle Bedrohung beschreibt, vereinfacht eine Realität, die komplexer ist: Generative KI verändert, was als kreative Leistung gilt, wo Wertschöpfung stattfindet und wie kreative Prozesse organisiert werden.

Steuerung kreativer Systeme

Das ist eine kybernetische Frage im ursprünglichen Sinne – kybernetes, der Steuermann. In Deutschland hat Max Bense bereits in den 1950er Jahren Kybernetik und Ästhetik zusammengedacht[2] – seine Informationsästhetik und seine Theorie der künstlichen Poesie verbanden, was bis heute getrennt verhandelt wird: Steuerung, Information und Schöpfung. Durch generative KI hat diese Verbindung eine Dringlichkeit erhalten, die Bense nur ahnen konnte.

Doch die Steuerungsmetapher ist nicht unschuldig. Anna-Verena Nosthoff zeigt in Kybernetik und Kritik, dass kybernetische Logiken längst als Regierungstechnologien wirken – bis hin zu dem, was sie als Technikfaschismus der aktuellen Silicon-Valley-Elite beschreibt.[3] Wer von Steuerung spricht, muss mitdenken, dass Steuerung immer auch Kontrolle bedeuten kann. Für die Kulturpolitik heißt das: Wir brauchen eine neue Verbindung von Kritik und Gestaltung – eine Praxis, die die Risiken kennt und dennoch Handlungsfähigkeit herstellt.

Von der Ambivalenz zur Gestaltung

Doch was bedeutet das konkret? Wie erleben Kreative die Veränderung in der Praxis? Die Ergebnisse einer Unternehmensbefragung in der Kultur- und Kreativwirtschaft, an der ich derzeit mit Kollegen aus der Wirtschaftswissenschaft arbeite, sind hochgradig ambivalent – und gerade darin liegt ihre Aussagekraft.[4] KI erweitert kreative Möglichkeiten und beschleunigt Prozesse. Gleichzeitig stellt sie Kreative ökonomisch, identitär, organisatorisch vor enorme Herausforderungen. Es geht mehr denn je um die Fragen: Was ist das genuin Kreative? Wo findet Wertschöpfung statt? Diese Umbrüche treffen auf einen Kulturbereich, der ohnehin unter strukturellem Druck steht: Kommunale Haushalte sind angespannt, Kulturausgaben als freiwillige Leistung oft die erste Kürzungsposition. Eine Branche, die von Wirkung leben möchte, erstickt in Administration und Mittelknappheit. Ein Dilemma, das nicht durch Verweigerung zu lösen ist.

Eine neue Form der Weltherstellung ist möglich

Ich ringe selbst mit diesen Fragen – nicht nur als Beobachter, sondern als jemand, der den Weg vom Schreibtisch in die Daten gegangen ist. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Büchern verbracht, Gedichte gelesen, Theorietexte geschrieben, in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft über Kunstkritik und Urteilskraft promoviert. Vor wenigen Jahren begann ich, Statistik zu lernen und Code für einfache Visualisierungen zu schreiben. Heute kann ich mit technologischem Support umfangreiche Datenbankstrukturen visualisieren und komplexe Bildwelten rendern. Das ist nicht bloß eine Beschleunigung – es ist eine qualitative Ausweitung dessen, was ich denken und zeigen kann.

Was dabei entsteht, ist eine neue Form der Weltherstellung. Nicht mehr nur aus sich selbst heraus, wie es Idealismus und Frühromantik dachten, sondern im Zusammenspiel von Menschen und technologischen Systemen. Die Grenzen zwischen Disziplinen, zwischen Analyse und Gestaltung, zwischen Wissenschaft und Kommunikation werden durchlässig – nicht weil die Maschine den Menschen ersetzt, sondern weil sie Spielräume eröffnet, die vorher verschlossen waren. Als Friedrich Schlegel 1798 die progressive Universalpoesie entwarf – eine Dichtung, die alle Gattungen vereint und nie vollendet ist –, formulierte er ein Programm, das über die Literatur hinauswies.[5] Was wir heute erleben, lässt sich als Fortschreibung dieser Idee verstehen: eine kybernetische Universalpoetik, in der Schöpfungskraft sich im Zusammenspiel mit Systemen neu organisiert.

Andere machen vor, was möglich ist

Die Frage, wessen KI nach welchen Regeln arbeitet, ist nicht abstrakt – sie entscheidet darüber, ob kulturelle Daten, Prozesse und Entscheidungen in europäischer Hand bleiben oder dauerhaft an die Plattformen der großen Anbieter abfließen. Lokale, datensouveräne KI-Modelle sind ein Schlüssel dazu. Noch sind sie an technische Hürden und hohe Grenzkosten gebunden, und nicht jede Anwendung funktioniert auf Anhieb zuverlässig. Doch die Entwicklung ist rasant: Kleine Open-Source-Modelle wie Alibabas Qwen 3,5 (ab 0,6B Parametern) oder Microsofts Phi-4 Mini (3,8B) laufen bereits auf handelsüblichen Rechnern. Es gibt Lösungen für Transkriptionen, das Taggen von Datenbanken oder die Aufbereitung von Protokollen, alles lokal, ohne dass ein einziges Byte an einen externen Server fließt. Was heute noch Experiment ist, kann morgen Infrastruktur sein. Was es dafür braucht, sind nicht zuletzt Peer-Learning-Formate, in denen Kulturakteure konkrete Anwendungsfälle teilen und Ressourcenknappheit als Anlass für wirkungsorientiertes Arbeiten nutzen.

Während wir in Deutschland noch debattieren, handeln andere längst: Koreas Culture Korea 2035 verbindet Kulturpolitik, Regulierung und Industriestrategie zu einer ganzheitlichen KI-Strategie. Die Zürcher Innovation-Sandbox bringt Wirtschaft, Forschung und Verwaltung in einer kantonalen Testumgebung zusammen. Die britischen AI Adoption Hubs sollen Unternehmen vor Ort bei der Implementierung unterstützen. All diese Ansätze setzen auf Handlungsfähigkeit statt auf Abwehr.[6]

Kulturpolitisches Kapital

Im Zentrum der Aufklärung steht die Befähigung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Erkenntnis, Erfahrung, Urteilskraft – das ist nicht das, was KI ersetzt. Es ist das, was sie voraussetzt. Und es ist kulturpolitisches Kapital. Die Frage ist nicht, ob die Transformation stattfindet. Die Frage ist, ob die Kultur fähig sein wird, sie mitzugestalten – oder ob sie ihr widerfährt.

Der neue Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft hat jüngst eine Kulturpolitik der Resilienz ausgerufen.[7] Das ist der richtige Impuls – doch Resilienz ohne digitale Kompetenz bleibt ein leeres Versprechen. Wer Widerstandsfähigkeit ernst meint, muss auch die technologischen Bedingungen kultureller Souveränität mitdenken. Wie das unter widrigsten Umständen gelingen kann, dafür gibt es in Europa eindrucksvolle Beispiele.


[1] Simon Sievers / Sophie Pfaff / Katherine Heid (Hrsg.): Jahrbuch für Kulturpolitik 2023/24. Kultur(en) der Digitalität, Bielefeld: transcript 2024; Kulturpolitische Gesellschaft (Hrsg.): »Auf dem Weg in die Next Society?! Kulturen der Digitalität für einen nachhaltigen Wandel« (2024); Ebd.:»Digitalität als Treiber einer Kultur der Nachhaltigkeit?!«(2022)

[2] Max Bense: Kybernetik oder Die Metatechnik einer Maschine, in: Merkur, März 1951.

[3] Anna-Verena Nosthoff: Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst, Berlin: Suhrkamp 2026.

[4] Über die im Frühjahr 2026 veröffentlichte Studie berichtete der BLVKK hier anlässlich eines Medienkongress mit Staatsminister Wolfram Weimer, https://blvkk.de/die-neujustierung-der-kultur-und-kreativwirtschaft/.

[5] Friedrich Schlegel: Athenäums-Fragment 116, 1798.

[6] Vgl. Ministry of Culture, Sports and Tourism, Republic of Korea: Cultural Korea 2035, Seoul 2025; Innovation-Sandbox für Künstliche Intelligenz, Kanton Zürich (innovationsandbox.ai); UK Government: AI Opportunities Action Plan – 2026 Progress, London 2026.

[7] Markus Hilgert: »Kulturpolitik der Resilienz«, in: Politik & Kultur, Februar 2026, online unter: https://politikkultur.de/inland/kulturpolitik-der-resilienz/.


Christian Steinau

Christian Steinau verbindet Kulturforschung und neue Wissensarbeit. Mit dem Cultural Policy Lab hat er für die Stadt Hannover einen interaktiven Wissensgraphen entwickelt, datenbankbasierte Kulturforschung aufgebaut und den Literaturpreis der Landeshauptstadt Stuttgart evaluiert. Gemeinsam mit IW Consult arbeitet er zudem an einer Studie zu den Auswirkungen von KI auf die Kultur- und Kreativwirtschaft. Er ist Co-Sprecher der bayerischen Landesgruppe der KuPoGe und Co-Sprecher des AK Kultur und Kulturpolitik der Gesellschaft für Evaluation (DeGEval). In der Funktion organisiert er die Tagung »KI als Partner? Evaluation der Kulturpolitik« im März im Goethe-Institut in München. Mehr Infos: www.christiansteinau.de