Die Cloud besitzt eine Geologie

Fabian Saavedra Lara

8. Juni 2026

Fabian Saavedra Lara

Kulturelle Infrastrukturen zwischen Plattformkapitalismus, Care und technologischer Souveränität

Die Gegenwart riecht nach heißem Metall, Serverkühlung und verbranntem Kerosin. Sie flackert über Smartphone-Displays, pulsiert durch Unterseekabel und zirkuliert in den Logistikketten globaler Plattformen. Gleichzeitig wird sie immer schwerer vorstellbar. Vielleicht liegt genau darin eine der zentralen Krisen unserer Zeit: dass die technologischen Systeme, die unsere Wirklichkeit organisieren, zunehmend außerhalb demokratischer Vorstellungskraft operieren.

Das materielle Fundament der Cloud

Rotterdam ist ein Ort, an dem diese Widersprüche sichtbar werden. Fährt man hinaus Richtung Tiefseehafen, vorbei an Raffinerien, Pipelines und den gigantischen Tanks strategischer Ölreserven, wirkt Europa plötzlich wie eine Maschine aus einer anderen Epoche. Vor der Küste drehen sich Offshore-Windparks im Nordseewind; gleichzeitig laufen Tanker aus der Straße von Hormus ein. Fossile Vergangenheit, grüne Zukunftsversprechen und digitale Kontrollinfrastrukturen überlagern sich hier wie geologische Schichten. Die Stadt versucht sich als zukünftiger Wasserstoff-Hub neu zu erfinden und bleibt doch tief mit den Infrastrukturen des fossilen Kapitalismus verbunden. Vielleicht ist Rotterdam deshalb ein guter Ort, um über Institutionen der Zukunft nachzudenken.

Denn Digitalisierung erscheint häufig immateriell: als Cloud, als künstliche Intelligenz, als flüchtiger Datenstrom. Doch jede digitale Infrastruktur besitzt eine materielles Fundament. Sie benötigt Energie, Wasser, Rohstoffe, Lieferketten, Arbeitskräfte und Territorien. Karen Hao beschreibt die KI-Industrie als eine Form planetarischer Infrastrukturpolitik, deren ökologische und soziale Kosten systematisch ausgelagert werden.[1] Die vermeintlich immaterielle Cloud besitzt eine sehr reale Geologie: Lithiumminen, Unterseekabel, Rechenzentren, Containerhäfen und prekäre Arbeit im globalen Süden. Fortschritt erscheint aus europäischer Perspektive oft sauber und abstrakt; seine sozialen und ökologischen Kosten werden räumlich verdrängt.

Kolonialität technologischer Moderne

Diese Verdrängung hat Tradition. Der europäische Fortschrittsbegriff war historisch eng mit kolonialer Expansion, Ressourcenextraktion und der Vorstellung verbunden, Natur und Gesellschaft technisch beherrschbar zu machen. Dekolonisierung bedeutet deshalb heute weit mehr als institutionelle Diversifizierung oder symbolische Repräsentation. Sie verlangt eine kritische Auseinandersetzung mit den materiellen Grundlagen technologischer Moderne und mit den Gewaltverhältnissen, auf denen viele digitale Infrastrukturen weiterhin beruhen.

Plattformen und die Krise der Öffentlichkeit

Gleichzeitig erleben wir, wie sich Öffentlichkeit selbst verändert. Wendy Hui Kyong Chun beschreibt soziale Netzwerke als „habit-forming technologies“ – Technologien der Gewohnheit, die Wiederholung, Affekt und Polarisierung organisieren.[2] Was Aufmerksamkeit erzeugt, steigt auf; was ambivalent, langsam oder komplex ist, verschwindet aus den algorithmischen Ökonomien der Sichtbarkeit. Plattformen versprechen Partizipation und produzieren zugleich neue Formen der Fragmentierung. Die digitale Öffentlichkeit zerfällt zunehmend in emotionalisierte Teilöffentlichkeiten, die von privatwirtschaftlichen Infrastrukturen gesteuert werden.

Die Folgen reichen weit über den digitalen Raum hinaus. Wenn öffentliche Debatten immer stärker von Plattformunternehmen organisiert werden, verändert sich auch die Vorstellung davon, was Gesellschaft überhaupt noch sein kann. Komplexität verliert Sichtbarkeit. Widerspruch wird zum Störgeräusch. Die permanente Beschleunigung digitaler Kommunikation erzeugt eine politische Gegenwart, die kaum noch Zeit für Reflexion lässt. Genau darin liegt eine der großen Gefahren autoritärer Politik: dass demokratische Öffentlichkeit langsam erodiert, während gleichzeitig die technischen Systeme ihrer Steuerung immer mächtiger werden.

Autoritäre Infrastrukturen

Unternehmen wie Palantir arbeiten längst offen an datengetriebenen Sicherheitsarchitekturen, in denen algorithmische Vorhersage demokratische Aushandlungsprozesse ersetzen soll. Gleichzeitig vernetzen sich rechte Bewegungen international mit enormer Geschwindigkeit. Sie verstehen digitale Öffentlichkeiten nicht als Orte demokratischer Debatte, sondern als Infrastrukturen affektiver Mobilisierung. Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass gerade jetzt vielerorts jene kulturellen Räume unter Druck geraten, die auf Langsamkeit, Differenzierung und kollektive Reflexion angewiesen sind.

Neue Kulturinstitutionen denken

In diesem Klima erscheinen Kulturinstitutionen plötzlich wieder als etwas Radikales.

Nicht, weil Institutionen per se emanzipatorisch wären. Viele von ihnen reproduzieren soziale Ungleichheiten, eurozentrische Perspektiven und Ausschlüsse. Auch Institutionen wie V2_ Lab for the Unstable Media in Rotterdam, dessen 45-jähriges Bestehen wir in diesem Jahr feiern, tragen diese Widersprüche in ihrer Geschichte. Die Erzählung technologischer Avantgarden war lange Zeit häufig männlich, westlich und weiß codiert. Gerade deshalb erscheint mir die Auseinandersetzung mit institutionellen blinden Flecken heute so wichtig.

Mich interessiert weniger die Verteidigung institutioneller Traditionen als ihre Transformation.

Die entscheidende Frage lautet für mich: Welche kulturellen Infrastrukturen brauchen demokratische Gesellschaften, um kritisches Wissen weiterzugeben? Welche Orte ermöglichen Begegnungen, die nicht sofort in Daten, Reichweite oder Verwertbarkeit übersetzt werden? Und wie lassen sich Räume schaffen, in denen unterschiedliche Wissensformen überhaupt noch miteinander in Beziehung treten können?

Institutionen als Räume von Care und Konflikt

Wir besitzen Institutionen nicht. Wir verwalten sie nur auf Zeit. Vielleicht ist genau dieser Gedanke von Care entscheidend. Kulturinstitutionen sind keine neutralen Behälter für Programme oder Events. Sie sind fragile Speicher gesellschaftlicher Erfahrung. In ihnen werden Konflikte sichtbar, Beziehungen aufgebaut und Formen kollektiven Lernens erprobt. Gerade in Zeiten ökologischer Krisen, autoritärer Verschiebungen und sozialer Fragmentierung müsste Kulturpolitik deshalb stärker in öffentliche Infrastrukturen investieren – nicht weniger. Kritisches Wissen muss wetterfest werden.

Dabei geht es nicht allein um den Erhalt bestehender Häuser. Ebenso wichtig erscheint die Förderung neuer Zusammenschlüsse: transnationaler Netzwerke, selbstorganisierter Räume, temporärer Allianzen und kollektiver Praktiken. Die Zukunft kultureller Infrastruktur wird vermutlich hybrider, beweglicher und relationaler sein müssen als viele Institutionen des 20. Jahrhunderts.

Künstlerische Gegenentwürfe

In meiner kuratorischen Arbeit haben mich immer jene künstlerischen Praktiken interessiert, die andere Technoimaginationen sichtbar machen: Perspektiven jenseits von Extraktivismus, Plattformkapitalismus und neoliberalen Fortschrittserzählungen. Projekte wie „Afro-Tech“ (HMKV Dortmund, 2017) oder „Bodies in Trouble“ (PACT Zollverein, 2019) entstanden aus der Suche nach technologischen Vorstellungen, in denen nicht Verwertung und Kontrolle im Zentrum stehen, sondern gesellschaftliche Beziehung, Fürsorge und kollektive Vorstellungskraft.

Viele der beteiligten Künstler*innen und Theoretiker*innen beschäftigten sich mit den unsichtbaren Kosten technologischer Innovation: mit kolonialen Lieferketten, algorithmischer Arbeit, ökologischer Zerstörung und den geopolitischen Machtasymmetrien digitaler Infrastrukturen. Gleichzeitig ging es um die Frage, wie andere Formen technologischer Zukunft denkbar werden könnten – Zukunftsentwürfe, die nicht ausschließlich aus den Zentren westlicher Plattformökonomien stammen.

Wichtige Impulse kamen dabei auch aus Diskursen rund um Permakultur und institutionelle Nachhaltigkeit, die Aneta Rostkowska und Nada Schroer gemeinsam mit dem medienwerk.nrw an der Temporary Gallery (Köln) entwickelt haben. Dort erschien Nachhaltigkeit plötzlich nicht mehr als moralisches Schlagwort oder Greenwashing-Rhetorik, sondern als strukturelle Frage von Beziehungen, Zeitlichkeit und gegenseitiger Abhängigkeit. Permakultur wurde zu einem Denkmodell für Institutionen: regenerativ statt extraktiv, aufmerksam gegenüber lokalen Kontexten und offen für unterschiedliche Wissensformen.

Vielleicht brauchen wir heute Institutionen, die weniger an Unternehmen erinnern und mehr an ökologische Systeme: durchlässig, lernfähig, konflikthaft und regenerativ. Orte, an denen Dissens möglich bleibt. Orte für kritisches Denken, künstlerisches Experiment und reale Begegnung außerhalb algorithmischer Aufmerksamkeitsmärkte.

Technologischer Souveränität und demokratische Imagination

Europa bleibt dabei ein ambivalentes Projekt. Die Militarisierung der Außengrenzen, die Normalisierung rechter Diskurse und die autoritären Tendenzen vieler europäischer Gesellschaften stehen in scharfem Kontrast zu den emanzipatorischen Versprechen eines offenen Europas. Gleichzeitig könnte gerade Europa eine Alternative zwischen chinesischem Überwachungskapitalismus und US-amerikanischen Plattformmonopolen formulieren – vorausgesetzt, technologische Souveränität wird nicht nur industriepolitisch verstanden, sondern kulturell, sozial und demokratisch.

Francesca Bria hat wiederholt darauf hingewiesen, dass digitale Infrastrukturen heute eine Frage demokratischer Selbstbestimmung geworden sind.[3] Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert nicht nur Märkte, sondern Erinnerung, Sichtbarkeit und politische Imagination. Kulturinstitutionen spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, weil sie andere Formen von Öffentlichkeit ermöglichen können: Öffentlichkeiten, die nicht ausschließlich von Geschwindigkeit, Effizienz und emotionaler Zuspitzung organisiert werden.

Hito Steyerl schrieb einmal, Bilder seien heute zunehmend operativ geworden: Sie dokumentieren Wirklichkeit nicht mehr nur, sondern greifen aktiv in sie ein.[4] Ähnliches ließe sich über Institutionen sagen. Auch sie produzieren Wirklichkeit. Sie entscheiden mit darüber, welche Geschichten erzählt werden, welche Stimmen sichtbar bleiben und welche Formen von Wissen Zukunft erhalten.

Vielleicht liegt genau darin ihre politische Bedeutung.

Denn während die extreme Rechte längst international organisiert ist und Plattformunternehmen die Öffentlichkeit zunehmend fragmentieren, wird transnationale kulturelle Zusammenarbeit zu einer demokratischen Notwendigkeit. Die Frage lautet deshalb nicht, ob wir uns solche Institutionen leisten können.

Die eigentliche Frage lautet, welche Gesellschaft übrig bleibt, wenn wir diese Institutionen verlieren.

Fußnoten

[1] Karen Hao: Empire of AI. Dreams and Nightmares in Sam Altman’s OpenAI, New York 2025.

[2] Wendy Hui Kyong Chun: Discriminating Data. Correlation, Neighborhoods, and the New Politics of Recognition, Cambridge/Mass. 2021.

[3] Francesca Bria: Digital Public Infrastructure and Technological Sovereignty, diverse Essays und Vorträge seit 2020.

[4] Hito Steyerl: Duty Free Art. Kunst in Zeiten des Bürgerkriegs, München 2017.

Kurzvita

Fabian Saavedra Lara ist ein deutsch-chilenischer Kurator und seit März 2025 Leiter von V2_ Lab for the Unstable Media in Rotterdam, Niederlande. Seine Arbeit bewegt sich an den Schnittstellen von Medienkunst, Technologie, Migration, Postkolonialismus und digitalen Kulturen. Von 2013 bis 2024 war er Leiter des medienwerk.nrw – ein Zusammenschluss von Organisationen im Bereich Medienkunst in Nordrhein-Westfalen. Von 2016 bis 2021 war er Co-Leiter des Programms Interkultur Ruhr des Regionalverbands Ruhr.