KI, Empathie und eine nachhaltige Kultur der Zukunft

Patrick Schimanski

4. Februar 2026

Die digitale Transformation hat mit dem öffentlichen Erscheinen leistungsfähiger KI-Systeme wie ChatGPT eine neue, beschleunigte Phase erreicht. Innerhalb weniger Jahre hat sich ein technologischer Wandel vollzogen, der sich subjektiv anfühlt, als seien Dekaden vergangen. Die gesellschaftlichen, kulturellen und ökologischen Folgen dieser Revolution sind kaum abzusehen – und erst in Ansätzen zu verstehen.

Lange galt die Annahme, Künstliche Intelligenz werde vor allem »einfache«, repetitive Tätigkeiten ersetzen. Automatisierung, Robotik und autonome Systeme sollten Fabriken, Logistik und Verkehr revolutionieren. Vieles davon ist heute Realität. Was jedoch deutlich unterschätzt wurde, ist eine andere Entwicklung: KI erweist sich als außerordentlich leistungsfähig in hochqualifizierten Denk-, Analyse- und Kreativberufen – in Wissenschaft, Kunst, Programmierung und nahezu allen akademischen Disziplinen.

Damit geraten unsere bisherigen Vorstellungen von Intelligenz, Autor*innenschaft und Kreativität ins Wanken.

KI als zivilisatorische Weggabelung

Diese Entwicklung fällt zusammen mit einer historischen Zuspitzung globaler Krisen. Klimakatastrophe, Ressourcenknappheit, geopolitische Instabilität, soziale Spaltung, und die Gefährdung der Demokratie verlangen nach neuen Formen des Denkens und Handelns. Erstmals verfügen wir – zumindest theoretisch – über Technologien, die es erlauben würden, komplexe globale Prozesse in enormer Geschwindigkeit koordiniert zu analysieren und zu steuern. Diese sind bestens geeignet für Maßnahmen zur Klimaanpassung, der Prävention von Hungerkatastrophen und intelligenter, gerechter Ressourcenverteilung.

Der entscheidende Punkt ist nicht mehr die technische Machbarkeit, sondern der gesellschaftliche Wille. An der sichtbaren Weggabelung unserer Zeit entscheidet sich, ob KI zum Instrument kollektiver Verantwortung wird – oder zum Beschleuniger des Kollapses. Der lange beschworene Kulturwandel in Fragen der Nachhaltigkeit ist damit keine Option mehr, sondern eine existentielle Notwendigkeit.

Die letzte Grenze: Emotion, Empathie und irgendwann Bewusstsein

Eine der tiefgreifendsten Verschiebungen vollzieht sich dort, wo man sie lange für unmöglich hielt: im Bereich von Emotion und Empathie. Der Philosoph Markus Gabriel[1] weist darauf hin, dass der eigentliche Durchbruch aktueller KI-Systeme weniger in ihrer Rechenleistung liegt als in ihrer Fähigkeit, menschliche Emotionen zu erkennen, vorherzusagen und zu beeinflussen.

KI ist nicht nur rational überlegen – sie wird zunehmend »emotional schlau«. Durch Mustererkennung kann sie beispielsweise emotionale Ausdrucksformen präzise einordnen und verstärken. KI dringt damit in den Kern menschlicher Interaktion vor. Die Systeme fungieren als Verstärker existierender menschlicher Verhaltensmuster. Sie halten uns als Individuen einen Spiegel vor, der uns »ohne unsere Illusionen« zeigt, so wie wir wirklich sind. Einerseits können sie uns helfen, kohärenter zu werden, andererseits können sie unbewusste negative Muster (z.B. Vorurteile, moralische Mängel) festschreiben und eskalieren.

Was kann Kunst in dieser Situation leisten?

Kunst und Kultur kommen hier eine besondere Rolle zu. Nicht als bloße Kommentatoren technologischer Entwicklungen, sondern als aktive Gestalter von Haltung, Wahrnehmung und Vorstellungskraft. Kunst ist in der Lage, abstrakte Daten und Prognosen emotional erfahrbar zu machen – insbesondere im Kontext der Klimakrise. Sie übersetzt Zahlen in Bilder, Klänge, Räume und Geschichten, die berühren und damit nachhaltig wirken. Zugleich ist die Kunst gefordert, an ihrem eigenen Selbstverständnis zu arbeiten. Der seit Jahrzehnten gepflegte Wachstumsimperativ – »Mehr ist mehr« – muss hinterfragt werden.

 Ein künstlerisch anspruchsvolles »Weniger ist mehr« bedeutet keinen Verlust, sondern eröffnet neue ästhetische und ethische Spielräume. Nachhaltigkeit kann enorm produktiv sein und Freude bereiten. Beschränkung im Material ist in der Kunst nichts neues, sondern seit jeher eine Notwendigkeit.

Dieses künstlerische Handeln nachhaltig zu vollziehen ist die Aufgabe. Diese Form des »Weniger« kann Künstlerinnen und Künstler inspirieren, neue Richtungen zu gehen und bislang unbekannte Wege zu erkunden.

Menschliche Vertiefung statt technologischer Verschmelzung

Als Reaktion auf die Entwicklung der KI plädieren Gabriel und mittlerweile eine erfreuliche Anzahl von kritischen Köpfen weltweit nicht für eine technologische Fusion (z.B. Gehirn-Chips, wie es einige der Tech Oligarchen tun), sondern für eine menschliche Vertiefung. Die Antwort auf die Hyperrationalität der KI liegt in der Kultivierung von emotionaler Tiefe, Kreativität, Liebe und Güte. Die zentrale Herausforderung für die Menschheit besteht darin, besser zu werden, damit die KI wiederum das Gute im Menschen verstärkt. Demut und Selbstkritik sind in unserer Welt rar im Hinblick auf den Umgang mit KI unverzichtbar. Hier sind Kunst und Kultur in der Verantwortung.

Wenn Gabriel sagt, es brauche in Zukunft mehr Rilke und weniger Einstein, ist dies durchaus ein Ansporn sich deutlich zu positionieren. Gleichzeitig mahnt der international bekannte Künstler und Innovator Brian Eno[2] völlig zu Recht zur Vorsicht: Kunst garantiert nicht per se moralische Verbesserung, sie muss es auch nicht tun. Die Fähigkeit zu imaginieren kann ebenso für destruktive Zwecke genutzt werden, wie KI dafür genutzt werden kann. Diese Tatsache sollten wir stets vor Augen haben und gerade jetzt, selbstkritisch reflektieren. Schreckliche Dinge kann KI sehr gut, wenn Menschen, die über die Entwicklungs- und Steuerungsmacht verfügen, ihre persönlichen Interessen vor all das stellen, was uns global noch Chancen zur Umkehr eröffnen könnte. Die Fähigkeit, unserem Geist die Möglichkeit zu geben, Zukünfte zu imaginieren und virtuell in ihnen zu leben, ist eine nicht zu unterschätzende Qualität und der Schlüssel zu allem, was den Menschen zu einer so mächtigen und leider auch gefährlichen Spezies macht. Diese Fähigkeit stellt eine deutliche Abgrenzung zu aktueller KI dar. Diese gilt es, positiv zu nutzen.

Imagination, World Building und produktive Unberechenbarkeit

Wenn wir uns das künstlerische Schaffen im Sinne Enos als Weltenbau (»world building«) vorstellen, könnte KI für uns als Bauingenieur dienen. Zur Erschaffung einer bevorzugten, erwünschten Welt. Das Wunderbare an der Kunst ist, dass sie an sich ungefährlich ist. Man kann in einer schrecklichen, totalitären Welt leben, das Buch nach dem Lesen aber schließen. Wir können mittels Kunst die Zukunft bauen und das eigene Erleben in den von uns erschaffenen Welten simulieren. Unsere künstlerischen Zukunftswelten sollten vermehrt Utopien sein. Dystopien, auch künstlerisch wertvolle, gibt es in großer Zahl. Diese zeigen uns beeindruckend deutlich, wie es nicht sein soll. KI macht es möglich, hochkomplexe Prozesse vorhersehbarer zu machen und sie mitunter ganz neu zu entdecken. Menschliche Kreativität und Tiefe bieten dagegen einmalige, nicht wiederholbare Ereignisse, die uns berühren und die KI im günstigen Fall produktiv verwirren.

Produktive Unberechenbarkeit

Ein entscheidender Akt kultureller Selbstbehauptung liegt in der Unberechenbarkeit. Wir sollten unvorhersehbar und unberechenbar sein. Und falls wir es nicht mehr sind, sollten wir es schleunigst (wieder) werden. Indem Menschen Handlungen vollziehen, die nicht in die Muster der KI passen, unterlaufen sie deren Logik. Das ist kreativ. Das ist fördernd. Im Mainstream der Wirtschaftswissenschaften und darüber hinaus war lange Zeit die Annahme allgemein akzeptiert, der Mensch sei ein ganz und gar rationales Wesen.[3] Diese Annahme ist nachweislich nicht mehr haltbar. KI-Algorithmen folgen meist noch der »alten Lehre«, die bedauerlicherweise auch in großen Teilen der Wirtschaftspolitik vorherrscht. Man bedenke nur die Verwirrung, die entsteht, wenn »Homo oeconomicus« ein nicht den vermeintlichen Normen entsprechendes Konsumverhalten im Netz zeigt. Kreative Handlungen, die sich nicht in algorithmische Muster einfügen, unterlaufen die Logik der KI. Unvorhersehbarkeit wird zur Qualität, zur Strategie, zur Ressource.

Ausblick: KI, Twin Transition und neue Gesellschaftsverträge

In der westlichen Welt, die auf Dominanz und Überlegenheit basiert, wird KI als Bedrohung wahrgenommen. Eine Kultur, die auf Vernetzung und Koexistenz beruht, bietet eine resilientere und anpassungsfähigere Grundlage für deren Integration. Die asiatische Hemisphäre ist ein gutes Vorbild für einen weniger angstgetriebenen und vorbehaltloseren Umgang mit KI. Hier wird hochmoderne Technologiekultur mit einem tiefen, traditionellen Respekt für belebte und unbelebte Dinge und den historischen Weisheiten verbunden. Anstatt KI-Systeme als reine Werkzeuge zu betrachten, sollten wir sie als Mitstreiter und Gefährten in der menschlichen Gemeinschaft betrachten, ähnlich wie für uns wertvolle Dinge oder Kunstwerke. Diese Einstellung wird auch unser Verhältnis zur Natur positiv gestalten. Und die beiden zwingend notwendigen Transformationen hoffentlich beschleunigt voranbringen. KI stellt nicht weniger dar als die größte Sammlung von Weltwissen. Dies selbstverständlich mit bekannten »Lücken«, die es dringend zu füllen gilt. Künftige KI-Modelle werden ein »echtes« Verständnis von »Welt« haben und mit »Sinnen« ausgestattet sein. Umso mehr möchte man hier positiv vermerken, dass künftige, multimodale Modelle noch bahnbrechendere Beiträge zur »Twin Transition« leisten können als dies aktuell bereits möglich ist. Vorausgesetzt ist der Wille, sie zum Wohle der Natur und somit auch der Menschen einzusetzen. Um den Kollaps zu verhindern, fordert der aus Bangladesch stammende Wissenschaftler und KI-Entwickler Emad Mostaque[4] einen radikal neuen Gesellschaftsvertrag, der universellen Zugang zu Intelligenz garantiert und den Menschen als moralischen Kompass für technologische Optimierung positioniert. Aufbauend auf Mostaques neuen Gesellschaftsvertrag könnten Kulturschaffende mit ihrem moralischen Kompass, mit Kunst, Erfahrung, Vertiefung und Reflexion, wie auch dem Bewusstsein für unser komplexes Beziehungsgefüge, das »world building« mit »mehr Rilke und weniger Einstein« selbstbewusst angehen.


[1] Philosoph Markus Gabriel: KI, Gefühle, Macht. Podcast „Hotel Matze“. 24.09.2025

[2] What art doesan unfinished theory Brian EnoBette Adriaanse (Autor*innen)

[3] hierzu: Ostrom, Elinor:Jenseits von Markt und Staat. Über das Potential gemeinsamen Handelns.“ / Erläuterungen; Analyse – 14179 – Deutsche Erstausgabe (Reclams Universal-Bibliothek).

[4] Mostaque, Emad: “The Last Economy: A Guide to the Age of Intelligent Economics” (English Edition). Hierzu: https://youtu.be/zQThHCB_aec?si=9GnyKZMmnoz1gbQt


Foto: privat

Patrick Schimanski ist Komponist, Regisseur, Klangkünstler, Dramaturg und Performer. Er arbeitet bundesweit und international sowohl in der Freien Szene als auch an Stadt- und Staatstheatern und beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit den Themen Nachhaltigkeit und Digitalität. Aktuell ist er als »Leiter Digitale Prozesse« und des »Forum Nachhaltigkeit« am Stadttheater Gießen. Er ist zudem Klimabeauftragter des Hauses im Zusammenhang mit einer Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes im Projekt »Fonds Zero«.