Anfang 2026 wäre Konrad Adenauer 150 Jahre alt geworden. Der Gründungskanzler dieser keineswegs perfekten Republik, die gleichwohl um so vieles besser ist als alles, was es zuvor auf gleichem Boden gab und manches, was am Horizont dräut, machte sich einige Gedanken über deren Wesen. Etwa über die Souveränität, die, so »der Alte«, zu bemessen sei am Grad ihrer Nicht-Erpressbarkeit.
Wer zuletzt das unendliche Herumgedruckse in Berlin und Brüssel mitverfolgte, kriegt da womöglich schlechte Laune. Lange ließ sich die europäische Politik von einem irrlichternden US-Präsidenten und der Broligarchenmafia, die ihn erst ins Amt finanziert hat und ihm nun ins Amt pfuscht, erpressen. Die Erpressung fand nicht heimlich und in Hinterzimmern statt, sondern ganz offen, mit klarer Ansage und ohne jede Scham.
Sieht man von der persönlichen Vermögensvergrößerung des Trump-Clans und seines nicht demokratisch mandatierten Inner Circles ab, gibt es ein erklärtes politisches Ziel der Trump-Administration: unangefochtene globale technologische Dominanz. Alles wird diesem Ziel untergeordnet: Märkte, Ethik, Arbeitnehmerrechte, Gesundheit, Umwelt, Datenschutz, Urheberrecht, Partnerschaften und Bündnisse, Menschen- und Völkerrecht … kurz: die Weltordnung.
Binnen weniger Tage nach Trumps zweiter Inauguration war die Rede von Machtergreifung, Staatsstreich und Verfassungskrise. Die Gewaltenteilung wurde mit Dekreten zerschossen, der Staatsapparat mit einer juwelenbesetzten Kettensäge zerlegt. Der brachiale Vortrieb wurde legitimiert durch dunkles Raunen über die Notwendigkeit der Zerschlagung eines angeblich nicht reformierbaren »Deep State«. Tatsächlich handelte es sich dabei um nichts anderes als einen Angriff auf die Rechtsstaatlichkeit.
Die Europäer staunten nicht schlecht. Ihr leicht verstörter Blick galt vor allem der Vulgarität der Protagonisten, die wie Figuren in einem altrömischen Dekadenzdrama anmuteten. Stets aber schwang auch Faszination mit: Sind es nicht auch hier die überbordende Bürokratie und das Diktat einer Verbotskultur, die uns fesseln und am Boden halten?! Wobei mit »uns« in diesem Zusammenhang, je nach Beschwerdeführer, »die Wirtschaft«, »die Start-ups« oder auch schlicht »der Fortschritt« gemeint sein kann.
Bis heute scheinen viele Menschen in Europa nicht begriffen zu haben, dass die Welt, an der sie verbissen festhalten, seit dem 20. Januar 2025 nicht mehr existiert. Der Große Bruder ist zum Schulhofschläger geworden und perfektioniert das, wofür sein Name synonym steht: er überwacht. Seine Bürger, uns, andere Regierungen, die ganze Welt. Mit Technologien, für deren Nutzung wir auch noch bezahlen.
Technologie ist nicht neutral. Tatsächlich ist sie gerade im Digitalen ein Spielball von Interessen und Mittel zu deren Durchsetzung. Im globalen Spiel der Kräfte werden Forschung & Entwicklung (F&E) zu Waffen der Wettrüstung, Browser, Mail- und Clouddienste sowie das Internet der Dinge (IoT) zu Überwachungsinstrumenten und diejenigen, die sich besonders skrupellos am »frei« herumliegenden Weltwissen bedienen, verfügen über einen ausschlaggebenden strategischen Vorteil.
»Move fast and break things!«, schallte es früher aus dem Silicon Valley. »Wer sich an die Regeln hält, verliert«, wussten wir in Europa schon 2015. Die vergleichslose globale Marktdurchdringung generativer KI-Dienste ab dem Dezember 2023 bestätigt beides lehrbuchhaft: Bedingungsloser Vortrieb, Zerstörung des Vorhandenen, um eigene Claims abstecken zu können, der Bruch absolut aller vorstellbarer Regeln beim Einsammeln und Verarbeiten ausnahmslos aller digital verfügbarer Daten – einschließlich sämtlicher digital verfügbarer urheberrechtlich geschützter Werke und Leistungen dieser Welt. Die im Zuge des »größten Diebstahls in der Menschheitsgeschichte« (Ranga Yogeshwar)[1] gesammelten Werke und Leistungen werden, in kommerzielle Produkte eingemauert, anschließend an die Bestohlenen zurückverkauft. Die Wertschöpfung verbleibt im Diebesland.
Ein spektakulär effizientes und wesenhaft ausbeuterisches Geschäftsmodell. Die Technologie kann zwar vieles von dem, was ihr angedichtet wird, nicht gut, eines allerdings können KI-Systeme wirklich, und das ist Mustererkennung. Vor diesem Hintergrund sind die Daten der Welt ein unermesslicher Schatz für diejenigen, die darüber verfügen, erlauben sie doch detaillierte Blicke in die Köpfe, Herzen, Wohnzimmer und Betten der Menschheit. Was uns, als Besitzern der Köpfe, Herzen und Betten, größte Sorgen machen sollte, rechtfertigt aus Sicht der Konzerne jede Strafzahlung. Angesichts der Kapitalisierung der US-KI-Unternehmen werden Strafen ohnehin aus der Kaffeekasse begleichen.
Neu ist, dass dieser Krieg nicht mehr auf militärische Schlachtfelder begrenzt ist, sondern auf unseren eigenen Geräten stattfindet, in von uns gekaufter oder abonnierter Software. Die zentrale Waffe ist der Zugriff auf unser aller intimste Daten und – im Falle der schöpferisch Tätigen – auf die Inhalte, von deren Bewirtschaftung wir leben. Niemand sollte sich der Illusion hingeben, irgendeine Kontrolle über die eigenen Daten zu haben – zumindest so lange nicht, wie außereuropäische Anbieter involviert sind. Digitale Dienstanbieter können zu jedem beliebigen Zeitpunkt Daten abgreifen, manipulative Desinformation einspeisen, legitime Information unterdrücken oder schlichtweg ihren Diensten den Stecker ziehen. US-Recht wie auch chinesisches zwingt sie dazu, auf Weisung genau das zu tun.
Kürzlich hat die Trump-Administration einen französischen Richter am Internationalen Strafgerichtshof sanktioniert; Microsoft, Paypal, MasterCard und andere Anbieter drehten ihm den digitalen Saft ab: Kein Mailzugriff, keine Kreditkarte, keine Flug- und Reisebuchungen, kein Uber … Das ist keine Dystopie, das ist unsere Gegenwart.
Während die US-Politik ihrem neuen Dogma »Might is Right« folgt, scheint es, als ob in Europa seit Jahresbeginn langsam ein Bewusstseinswandel einsetzte. Nach rund 3Millionen offenkundig strafbarer sexueller Übergriffe[2] auf Elon Musks X durch Musks ChatBot Grok entschied sich die EU-Kommission endlich, die Regulierungsinstrumente, über die sie verfügt, einzusetzen. Vorausgegangen waren massive Warnungen der US-Regierung für den Fall, dass Europa sein eigenes Recht gegen die US-Konzerne durchsetzen sollte.
Noch einmal: Eine außereuropäische Macht droht Europa mit Konsequenzen für den Fall des Versuchs der Durchsetzung eigenen geltenden Rechts auf eigenem Boden. Sofern Souveränität mit dem Grad der Nicht-Erpressbarkeit korreliert, ist festzustellen: Wer sich das bieten lässt, der agiert offenbar nicht mehr souverän.
Nun lesen Sie diesen Text auf den Seiten der KuPoGe. Gerade für die Kunst aber ist Freiheit Voraussetzung. Für die, die Kunst, Kultur, Journalismus und Wissenschaft politisch vertreten, ist dieser Punkt nicht verhandelbar. In diesem Lichte betrachtet ist die gelegentlich zu ahnende KI-Besoffenheit in Politik und Wirtschaft und auch in großen Teilen der Kulturinstitutionen ausgesprochen ernüchternd.
Sicher kann man manches beschleunigen durch den Einsatz von ChatGPT oder Claude. Was machen wir aber mit der Feststellung, dass eine ethische Verwendung von ChatGPT, Claude oder Gemini nach aktuellem Stand schlechterdings nicht möglich ist? Dass diejenigen, die die Inhalte schaffen, ohne die es in Kultur, Medien und Wissenschaft nichts zu verwerten gäbe, vom Output der diebstahlbasierten Systeme im eigenen Markt substituiert zu werden drohen? Dass zu allem Überfluss der Extraktivismus aktueller KI so umfassend und durchdringend ist, dass außereuropäische Anbieter und Regierungen mehr über die europäische Bevölkerung wissen als europäische Anbieter und Regierungen es je dürften?
OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, hat übrigens 2025 seine Ethik-Abteilung aufgelöst. Und wir sollen allen Ernstes annehmen, die Unternehmen, die ihre Technologien als politische Kontrollinstrumente und zur Maximierung ihrer Börsenwerte einsetzen und deren Eigner immer offener ihre Nähe zu antidemokratischen bis faschistischen Ideologien zeigen, könnten unversehens aus ethischen Erwägungen heraus darauf verzichten, mit ihrer Technologie das zu tun, wofür sie gemacht wurde?
Es drängt sich die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis auf. Intelligenz, Kreativität, Intentionalität, Vorstellungskraft und all das, was kulturelle Arbeit und Wirkung im Kern ausmacht, lässt sich weder automatisieren noch skalieren. Während Kunst und Kultur auf (generative) KI verzichten können, ist KI auf den anhaltenden Zufluss menschengemachter Daten und Inhalte höchster Qualität zwingend angewiesen. Das ist technologischer Status quo: Werden genKI-Modelle mit synthetischen, also generierten Inhalten trainiert, verdummen sie; es droht der Model Collapse.
Und genau hier liegt eine verkannte Chance für Europa. Wir haben enorme Mengen bislang nicht digitalisierter und damit nicht verfügbarer Bestände an Wissen, von Jahrhunderten der Musik, Literatur und bildenden Kunst über die historischen Bestände an Universitäten und in Bibliotheken bis hin zu einer leistungs- und wettbewerbsfähigen Wissenschaft. Und es kommt ständig neues Repertoire auf teilweise höchstem Niveau hinzu.
Wenn die Amerikaner und Chinesen ihre Technologie auf diesem für sie vollkommen unverzichtbaren Markt bewirtschaften wollen, dann werden sie sich an unsere Regeln halten müssen. Wenn sie mehr Daten benötigen (und das tun sie längst), dann können wir ihnen welche anbieten. Nach unseren Bedingungen und zu einem angemessenen Preis. Diejenigen, mit deren Daten und Inhalten trainiert wurde, wären an der Wertschöpfung zu beteiligen – und das heißt: an der Bewirtschaftung des Outputs.
Europa könnte der Welt einen Lizenzmarkt für Trainingsdaten und -inhalte anbieten. Das wäre das Ende des Diebstahls, denn niemand wäre gezwungen zu lizenzieren. Die Wertschöpfung würde auf unseren Kontinent verlagert. Und damit wäre die Anreizregulierung für schöpferische Tätigkeit, die Europa zuletzt aufzugeben bereit schien, gerettet.
Ein Anfang wäre gemacht; wir hätten die Kontrolle zurückgewonnen.
Und das wäre dann im Sinne des Alten souverän.
[1] https://www.augsburger-allgemeine.de/wirtschaft/ranga-yogeshwar-interview-ueber-ki-der-groesste-diebstahl-in-der-menschheitsgeschichte-id66385936.html
[2] https://www.politico.eu/article/ireland-inquiry-elon-musk-grok-privacy-artificial-intelligence-ai/

Foto: Sebastian Linder
Matthias Hornschuh, Komponist & Publizist / Sprecher der Initiative Urheberrecht
Matthias Hornschuh lebt und arbeitet als Komponist und Publzist in Köln. Der studierte Musiker und Musikwissenschaftler unterrichtet an verschiedenen europäischen Hochschulen und hat den intl. Fachkongress SoundTrack_Cologne mit aufgebaut und bis 2018 als Programmleiter betreut. Hornschuh wurde sowohl für seine kompositorische Arbeit als auch für sein Engagement in der Kultur- und Urheberrechtspolitik mehrfach ausgezeichnet. Hornschuh ist Vorsitzender des Berufsverbands mediamusic e.V., Mitglied im Vorstand Kulturrat NRW und im Präsidium des Landesmusikrats NRW sowie im Aufsichtsrat der GEMA.
Hornschuh ist Sprecher der Initiative Urheberrecht und Autor des Buchs „Wir geben uns auf. KI, Kultur und die Entwertung der Wissensarbeit“ (Carl-Auer 2025).