Wie Kunst und Kultur Nachhaltigkeit in unsere Wahrnehmung bringen
Unzählige Nachhaltigkeits-Studien aus den Jahrzehnten seit den 70er Jahren haben geholfen, komplexe Öko- und Klimasysteme, sozio-ökonomische sowie sozio-technische Treiber von Nicht-Nachhaltigkeit und politische Steuerungsmechanismen besser zu verstehen. Viel sogenanntes System- und auch Zielwissen (»wo stehen wir und wo müssten wir eigentlich hin«, z.B. das 1,5°C-Ziel) wurde entwickelt und in die Öffentlichkeit sowie auf wissenschaftliche, politische, wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Agenden befördert. Nichtsdestotrotz blieben viele dieser Perspektiven darin verhaftet, die verschiedenen Krisen durch die Brille von institutionellen Wirkgeflechten, ressourcenökonomischen Analysen und sozio-technischen Lösungspfaden zu betrachten[i].
Als Erweiterung bzw. alternative Lesart wurden Ende der 90er und Anfang der 00er Jahre national wie international Debatten lauter, die stärker gesellschaftliche Praktiken, Nachhaltigkeitskulturen sowie künstlerisch-kulturelle Beschäftigungen mit dem Thema der Nachhaltigkeit und Enkeltauglichkeit ins Zentrum rückten bzw. einforderten. In der deutschen Debatte ist dem Tutzinger Manifest (verfasst 2001) eine solche impulsgebende Rolle geglückt. Gefordert wurde, dass Nachhaltigkeit nicht nur als ökologisches, ökonomisches und soziales Programm verstanden wird, sondern Kultur als eine »quer liegende Dimension« eingezogen wird – als ein Raum, in dem Wertorientierungen entstehen, reflektiert und verändert werden. Damit verband sich eine doppelte Einsicht. Zum einen sind nachhaltige Gesellschaften auf kulturelle Vorstellungen darauf angewiesen, was als gutes, gerechtes und gelingendes Leben gilt. Zum anderen produziert Kultur selbst Formen, Bilder und Praktiken, die unser Verhältnis zu Natur, Zeit, Arbeit, Wohlstand und Zusammenleben prägen.
Die Forderungen des Manifests sowie anderer Schriften und Sammelbände aus diesen Jahren blieben zunächst vorrangig diskursiv. Erst ab Mitte der 10er Jahre intensivierte sich die Beschäftigung von Kunst- und Kulturproduktion sowie -politik mit dem Thema der Nachhaltigkeit. Zahlreiche Netzwerke, Leitfäden, Selbstreflexionen und Förderlinien folgten und beackern seither aktiv das Thema der nachhaltigen Entwicklung[ii].
Effizienz vs. Suffizienz
Grob lassen sich diese Aktivitäten in zwei Ebenen unterscheiden: Die erste ist die funktionale oder inkrementelle Ebene. Sie fragt, wie Kulturproduktion nachhaltiger organisiert werden kann: Wie lassen sich Energie- und Materialverbrauch reduzieren? Wie können Reisen, Transporte, Bühnenbau, Ausstellungsproduktion oder digitale Infrastruktur ressourcenschonender gestaltet werden? Welche Arbeitsbedingungen, Honorarstrukturen und Organisationsformen sind fairer und zukunftsfähiger? Diese Ebene hat in den vergangenen Jahren zu konkreten Instrumenten geführt: zu Klimabilanzen, Nachhaltigkeitsstrategien, Leitfäden, Selbstverpflichtungen und veränderten Förderkriterien. Auch im dritten KuDiNa³-Interview »Glokale Werte: Kultur als nachhaltige Praxis« wird diese Dimension sichtbar, etwa in der Frage, wie die eigene Kunstpraxis, Selbstständigkeit und Netzwerkarbeit verantwortungsvoller gestaltet werden können.
Die zweite Ebene ist grundsätzlicher. Sie fragt nach einer Kultur der Nachhaltigkeit: Welche Werte und Gewohnheiten tragen eine Gesellschaft, die ihre natürlichen Lebensgrundlagen nicht zerstört? Welche Vorstellungen von Erfolg, Wachstum und Wohlstand müssen sich verändern? Wie kann Kultur dazu beitragen, dass Menschen sich als Teil größerer Zusammenhänge begreifen und Zukunft nicht nur als Bedrohung, sondern auch als gemeinsames Gestaltungsfeld erfahren? Diese zweite Ebene reicht über die Optimierung einzelner Abläufe hinaus. Sie betrifft unsere Wahrnehmung, Bedeutungszuschreibungen und Lebensstile. Sie fragt nicht nur, wie eine Veranstaltung weniger Ressourcen verbraucht, sondern auch, welche Formen des Zusammenseins, der Aufmerksamkeit und des guten Lebens in ihr erprobt werden.
Diese beiden Ebenen sind damit typisch für die seit Jahrzehnten andauernden Konfliktlinien der nachhaltigen Entwicklung, veranschaulicht an den oft zitierten drei Strategien: Konsistenz, Effizienz und Suffizienz. Mit Konsistenz ist der Umstieg auf umweltverträgliche Ressourcen und Materialien gemeint (»anders«, z.B. erneuerbare statt fossile Energien). Die Effizienz bedeutet, den jeweiligen Nutzen eines Produkts oder einer Dienstleistung bei weniger Ressourcen- und Energieeinsatz zu halten oder sogar zu verbessern (»besser«, z.B. der Stromverbrauch von LED-Leuchten vs. Glühbirnen). Drittens, als enfant terrible, gibt es die Suffizienzmaßnahmen, die eine Verringerung der Produktion und des Konsums von Gütern und Dienstleistungen fordern (»weniger bzw. achtsamer«, z.B. durch das Teilen und Tauschen statt Besitzen von Gütern). In der aktuell dominanten kapitalistischen (und patriarchalen) Wirtschaftsordnung ist es vergleichsweise leicht bzw. durchaus von eigenem (wirtschaftlichen) Vorteil, Effizienzmaßnahmen umzusetzen. Auch die Konsistenzstrategie erfordert zwar häufig deutliche Kurswechsel und bringt damit etablierte Akteure und bisherige Gewinner nicht-nachhaltiger Strukturen in Bedrängnis, lässt sich aber polit-ökonomisch umsetzen (z.B. Umstieg von Gasheizungen auf Wärmepumpen). Die größte Herausforderung und Nicht-Vereinbarkeit mit grundlegenden mikro- und makroökonomischen sowie sozialen Normen und Routinen stellt die Suffizienz dar. Weil sie abseits einer platten Verzichtsrhetorik schwer greifbar ist, formulierte Wolfgang Sachs bereits 1993 vier E’s der Suffizienz: Entschleunigung, Entkommerzialisierung, Entrümpelung und Entflechtung (d.h. höhere Grade an Regionalität und Resilienz statt globalisierter Abhängigkeit)[iii]. Was sich leicht liest und fordern lässt, ist eine fundamentale Kampfansage an unsere Ökonomien und gesellschaftlichen Vorstellungen von Wohlstand und entsprechend schwer umzusetzen.
Verhält es sich in Kunst und Kultur ähnlich? Auch der Kunst- und Kulturbetrieb, als Teil einer ökonomisierten Produkt- und Dienstleistungslandschaft, freundet sich leichter und schneller mit Konsistenz- und Effizienzmaßnahmen an. Das bringt sichtbare – und durchaus wichtige – Veränderungen, unterstreicht die Handlungsfähigkeit und lässt sich zudem gut nach Außen kommunizieren: Reduktion von Plastik im Catering, Ökostrom, LED-Beleuchtung, Mobilitätskonzepte etc.pp. Komplexer, schwergängiger, wirtschaftlich oft unattraktiver und unbequemer ist die Beschäftigung mit den vier E’s. Wobei auch hier große Unterschiede festzuhalten sind. Der Kunst- und Kulturbetrieb ist vielseitig. Gerade in der freien Szene sind (eine oft unfreiwillige) Entkommerzialisierung und Entflechtung weit verbreitet. Es gibt hochengagierte Einzelakteure und Initiativen für Materialkreisläufe und die Wiedernutzung von Bühnenbildern oder Equipment – hier wird fleißig »entrümpelt« bzw. einfach weniger neu angeschafft. Aber wie entzieht man sich der Beschleunigung und Verdichtung in einer Aufmerksamkeitsökonomie? Und an welchen Stellen wäre es eigentlich viel wichtiger, andere Aufmerksamkeitskonkurrenten zu schrumpfen als die Kunst und Kultur?
Erleben statt konsumieren
Denn viele Angebote wie z.B. der Slow Art Day (und der Ableger des Slow Art Salons des Art Venture Clubs der Interviewteilnehmerin Nathalie Krall), viele künstlerische Mitmachprojekte, die Beschäftigung mit den Inner Development Goals bzw. der im Interview genannten Earth Charta Initiative (in Warburg und anderen Orten) und immersive Angebote auch zu Themen der Nachhaltigkeit, Biodiversität, dem Klimakollaps etc. leisten eigentlich genau das, was gute »Umweltbildung« benötigt: räumliche und zeitliche Nähe, eine emotionale, gleichwohl nicht überfordernde Ansprache und dazu die Möglichkeit, nicht nur (belastende) Informationen in den Kopf zu bekommen, sondern auch über das Einbinden von Herz und Hand in eine Selbstwirksamkeit zu kommen. Umfangreiche (neuro-)psychologische Forschung hat gezeigt, dass die Spezies Mensch sowohl sensorisch als auch kognitiv schlecht ausgerüstet ist, um langfristige, oft entfernte und häufig unsichtbare Veränderungen wahrzunehmen und als relevant zu empfinden. Das Schlagwort dazu heißt shifting baselines, d.h. die große Fähigkeit des Menschen, sich permanent an Umweltveränderungen – und durchaus deutliche Umweltverschlechterungen – zu gewöhnen und diese eher als irrelevantes Hintergrundrauschen hinzunehmen[iv]. Gerade künstlerische, gerne auch aktivierende Formate sind sehr dazu geeignet, diesen automatischen Filter- und Gewöhnungsprozess zu unterbrechen bzw. neue Brücken zu bauen zwischen dem Wissen, Fühlen und Handeln.
Natürlich können Kunst und Kultur diese Brücke nicht allein bauen. Sie ersetzen weder politische Regulierung noch technologische Innovation oder soziale Umverteilung. Aber sie können dazu beitragen, dass Nachhaltigkeit nicht als äußerer Auftrag erscheint, sondern als gemeinsame kulturelle Aufgabe. Eine Kultur der Nachhaltigkeit wäre dann nicht lediglich eine Kultur, die über Nachhaltigkeit spricht oder ihre Veranstaltungen ökologisch optimiert. Sie wäre eine Kultur, die Selbstbegrenzung nicht mit Verarmung verwechselt, Nähe als Stärke erkennt, globale Verantwortung lokal verankert und neue Bilder eines guten Lebens hervorbringt.
[i] Siehe beispielhaft: WBGU – Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (1995). Welt im Wandel – Wege zur Lösung globaler Umweltprobleme. Berlin: WBGU. https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/welt-im-wandel-wege-zur-loesung-globaler-umweltprobleme
[ii] Siehe dazu den Beitrag: Weiß, R., Mohr, H. & Atzpodien, U. (2021). 20 Jahre Tutzinger Manifest. Vom Wandel durch Annäherung zur kulturellen Nachhaltigkeitstransformation. In: Kulturpolitische Mitteilungen, Heft 175 IV/2021.
[iii] Sachs, W. (1993). Die vier E’s : Merkposten für einen maß-vollen Wirtschaftsstil. In: Politische Ökologie, Jg. 11, Nr. 33, S. 69-72
[iv] Wanner, M. (2012). Diploma thesis: »Shifting baselines«. Unpublished. https://doi.org/10.13140/RG.2.1.4142.5128

Kurzvita
Matthias Wanner hat Psychologie und Politik studiert und eine Ausbildung zum Mediator angeschlossen. Er war von 2013 bis Mai 2026 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Senior Researcher am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, seit 2018 in der Abteilung Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren, im Forschungsbereich Innovationslabore.
Er promovierte an der Leuphana Universität Lüneburg zur nachhaltigen Quartiers- und Stadtentwicklung im Rahmen einer Reallabor-Forschungsstudie in Wuppertal im Themenfeld der Aneignungsprozesse des öffentlichen Raums und des koproduktiven Stadtmachens.
Über viele Jahre begleitete er nebenberuflich kulturkreative Initiativen, Projekte und Formate die zu einer nachhaltigen, enkeltauglichen Entwicklung beitragen wollen als Trainer und Moderator. Seit 2025 ist er in Ausbildung zum psychologischen Berater – systemisch, körperorientiert und transpersonal.
Seit Mai 2026 baut er seine Selbstständigkeit auf. Ausgebaut werden die Angebote der Facilitation, Moderation und Supervision von wissenschaftlichen und/oder zivilgesellschaftlichen Nachhaltigkeitsprojekten, der Förderung einer Kooperationskultur in Multi-Akteurs-Settings und transformativen Lernsettings wie Reallaboren. Zudem bietet er persönliches, psychologisches Coaching und Körperarbeit an.