Kulturinstitutionen: die Pioniere einer zukunftsweisenden KI?
Vor mehr als zwei Jahren habe ich für den Heidelberger Stückemarkt erörtert, warum das Stadttheater im Umgang mit neuen Technologien mehr Theater und weniger Technikschau wagen sollte. Mein Ziel war damals, aus der Not eine Tugend zu machen, denn leider hinken Theater, wie die meisten aus öffentlichen Geldern geförderten Institutionen in Deutschland meiner Meinung nach der technischen Entwicklung stets hinterher.[1] Gegenwärtig erleben wir im Kontext dieser ominösen Künstlichen Intelligenz (manche sprechen auch von Superintelligenz) massive Umbrüche, Ängste, aber auch neue Möglichkeitsräume. Gerade weil zunehmend über Alternativen zu den Angeboten großer Tech-Unternehmen nachgedacht wird, könnten Kulturinstitutionen gerade jetzt die Chance ergreifen, auf ihre eigenen Stärken zu setzen und ein öffentlichkeitswirksames Gegennarrativ voranzutreiben, das wertebasiert und auf konkrete Anwendungsfälle spezialisiert ist: Small Generative AI. Hierbei sind kleine, spezialisierte KI-Systeme auf lokalen Computern gemeint, die buchstäblich unterm Schreibtisch stehen und einzelne Verwaltungs-, Planungs- oder Organisationsaufgaben bearbeiten und DSGVO-Konformität nicht nur versprechen, sondern technisch und nachvollziehbar umsetzen. Also gerade keine eierlegende Wollmilchsau namens ChatGPT, Gemini oder Claude, die mit Prompting und datengetriebenen Verfahren möglichst alle Probleme der Welt in einer Kommandozeile lösen soll, also keine Weltformel, sondern, philosophisch gesprochen, Pluralismus.
Die Vorstellung einer Weltformel reicht mindestens zurück bis zur Antike: der Wunsch, die unübersichtliche Vielfalt der Wirklichkeit auf ein einziges System zurückzuführen, aus dem sich alles Weitere ableiten lässt. Erstaunlich, wie gegenwärtig dieses Paradigma im Zeitalter generativer KI auflebt. Natürlich ist ein Large Language Model keine Weltformel im physikalischen Sinne. Und doch ähnelt die kulturelle Erzählung, die die großen Sprachmodelle umgibt, diesem Versprechen, denn die gegenwärtige KI-Faszination speist sich gerade daraus, dass KI-Systeme nicht für eine einzelne Tätigkeit entwickelt sind, sondern als möglichst universelle Systeme ein »Supra-Narrativ« bedienen: Sie schreiben, übersetzen, programmieren, komponieren – und sollen inzwischen ganze Arbeitsabläufe koordinieren. Dahinter steht ein technischer Universalismus mit der Vorstellung, dass ein ausreichend leistungsfähiges Modell zur allgemeinen Schnittstelle zwischen Mensch, Daten und Universum werden könne. Statt auf die Narrative großer Tech-Konzerne aufzuspringen, könnten Kulturinstitutionen sich fragen, ob sie diesen Anspruch überhaupt übernehmen müssen. Denn weder Theater noch Museum oder Bibliothek brauchen eine Weltformel. Sie arbeiten mit konkreten Aufgaben, Beständen und Verantwortlichkeiten. Vielleicht beginnt eine verantwortungsvollere KI-Praxis deshalb mit einer Umkehrung der dominanten Frage. Nicht: Was kann KI alles für uns tun? Sondern: Welches Problem wollen wir mit KI lösen – und was ist dafür tatsächlich nötig?
Infrastruktur, Verantwortung, Vertrauen
Dass es dabei nicht nur um Effizienz, sondern auch um institutionelles Vertrauen geht, zeigt ein ganz anderes Beispiel: die Deutsche Bahn. Im Dezember 2025 hat die Süddeutsche Zeitung deren Krise als eine Krise verlorenen Vertrauens beschrieben.[2] Der gegenwärtige Finanzminister hatte die Unpünktlichkeit zuvor als ein »veritables Demokratieproblem« benannt: Wenn staatlich mitverantwortete Infrastruktur nicht mehr verlässlich funktioniert, betrifft das auch das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit von Institutionen.[3] Bahnchefin Evelyn Palla sprach im August 2026 von einer »organisierten Verantwortungslosigkeit«: Entscheidungen seien zentral getroffen worden, während die Verantwortung für ihre Umsetzung zwischen Konzernleitung und operativer Ebene hin- und hergeschoben wurde.[4] Mich interessiert daran weniger die Bahn als das zugrundeliegende Prinzip: Infrastruktur wird dort politisch, wo Verantwortung unklar wird. Auch KI entwickelt sich vom spektakulären Einzelwerkzeug zunehmend zu einer Infrastruktur, die sich in alltägliche Prozesse einschreibt. Wenn Kulturinstitutionen solche Systeme für Kommunikation, Verwaltung, Archive oder Vermittlung einsetzen, ist es entscheidend, ob sie die Technologie noch selbst gestalten oder lediglich KI-Schnittstellen als Blackboxen übernehmen, deren Funktionsweise anderswo festgelegt wurde. Sonst droht auch hier eine organisierte Verantwortungslosigkeit: Eine alleskönnende KI-Lösung wird eingekauft, sensible Daten wandern in Systeme, deren Architektur kaum jemand in der Institution überblickt – und wenn etwas schiefläuft, liegt die Verantwortung irgendwo zwischen Benutzer*innen, Anbieter, IT, Datenschutz und Algorithmus.
Was sich aus der Elektrifizierung lernen lässt
Kulturinstitutionen könnten hier einen anderen Weg einschlagen. Ende des 19. Jahrhunderts gehörten Bühnen zu den frühen Anwendern der Elektrizität. Ulf Otto zeichnet in seinem Buch Das Theater der Elektrizität. Technologie und Spektakel im ausgehenden 19. Jahrhundert nach, wie sich dabei nicht nur das Theater durch die Elektrizität veränderte, sondern umgekehrt auch die Wahrnehmung der Elektrizität durch ihre theatrale Verwendung.[5] In Berlin führte das erste Starkstrom-Kabelnetz der Deutschen Edison Gesellschaft in den 1880er Jahren unter anderem zu den großen Theaterhäusern; in München wurde zwischen Maschinenhaus und den königlichen Theatern ein eigenes Kabel verlegt, lange bevor Elektrizität im Alltag selbstverständlich war. Theater waren also nicht bloß Abnehmer einer bereits etablierten Technologie, sondern Orte ihrer Erprobung und in die Gesellschaft wirkenden Vermittlung. Gegen 1900 waren illusionistische Bühnenbilder so weit, dass der menschliche Körper vor der Weite künstlicher Landschaften zu verschwinden drohte. Die Lösung bestand in einem zusätzlichen Licht von oben, das die Schauspieler*innen gegen den gemalten Horizont absetzte. Als Max Littmann 1908 im Hoftheater Weimar einen solchen Reflektor hinter einer eigens konstruierten Deckenkuppel installierte, bestand die entscheidende ästhetische Herausforderung allerdings darin, die neue Technik wieder unsichtbar zu machen: Eine Fresnel-Linse ließ den Rand des Lichtkegels weich werden, die Lichtquelle selbst blieb verborgen.[5] Ein beachtenswertes Paradox der Technikgeschichte: Der Fortschritt war genau dann gelungen, als die Technik nicht mehr selbst das Ereignis war.
Downscaling als Qualität: Small Generative AI
Deshalb interessiert mich ein Projekt wie der »Maschinenraum der Zukunft«, über das wir im vierten KuDiNa³-Interview gesprochen haben. Als Teil von Count down // Count on am Deutschen SchauSpielHaus Hamburg entstand unter der Leitung des Dramaturgen Christian Tschirner in der Spielzeit 2024/25 ein performatives Diskursformat, in dem die Philosophin Eva von Redecker und die Computerlinguistin Aurélie Herbelot gemeinsam mit wechselnden Gästen Zukunftsvisionen entwickelten und eine eigens für dieses Format konzipierte KI trainierten.[6] Das Interessante daran ist gerade die Begrenzung: Gearbeitet wurde in einem konkreten künstlerischen Setting, nicht an der Weltformel. Ich benutze »Small GenAI« deshalb weniger als technischen Konzept, denn als Arbeitsbegriff für eine andere Logik, eine Logik, die vom konkreten Anwendungsfall konzipiert und mit begrenzten Kompetenzen, überschaubaren Datensätzen und klaren Verantwortlichkeiten arbeitet. Ein System für die Terminplanung eines Theaters muss keine Gedichte schreiben können. Ein Modell zur Erschließung eines Museumsarchivs muss nicht über Weltpolitik diskutieren können. Fähigkeiten, die ein System nicht benötigt, sind kein Defizit. Sie können eine Qualität sein. Für Kulturinstitutionen könnte gerade diese Begrenzung entscheidend werden. Datenschutz, Urheberrecht, Datenhoheit und die Nachvollziehbarkeit automatisierter Prozesse geraten schnell in Spannung zur Logik globaler Plattformmodelle. Kleine Systeme lösen diese Probleme nicht automatisch; eine kleinere KI ist weder per se datenschutzkonform noch ethischer. Aber der begrenzte und damit auch kontrollierbare Anwendungsfall eröffnet andere Gestaltungsmöglichkeiten, denn Daten können lokal verarbeitet, Zugriffsrechte klar definiert und Ergebnisse in überschaubaren Kontexten überprüft und nachvollzogen werden. Vor allem ist viel einfacher zu vermitteln, wofür und wie eine Institution ein KI-System einsetzt und wer die Verantwortung für das System übernimmt.
Kulturinstitutionen als verteiltes Reallabor
Zugleich wäre dies eine Absage an eine Innovationsrhetorik, die Fortschritt mit Skalierung gleichsetzt, als wäre »mehr« bereits eine Qualitätsbeschreibung. Verantwortliche Technologiegestaltung könnte sich gerade darin definieren, dass sie sich dem Wunsch nach Universalität widersetzt. Ich stelle mir Theater, Museen und Bibliotheken deshalb als ein verteiltes Reallabor vor: viele kleine, sehr unterschiedliche KI-Systeme statt einer einzigen Weltformel. Manche helfen bei der Disposition, andere erschließen Sammlungen oder bereiten Inhalte barriereärmer auf. Manche verschwinden wieder, weil die menschliche Arbeit besser funktioniert.
Warum sollten Kulturinstitutionen bei KI nicht noch einmal eine Vorreiterrolle einnehmen? Gerade weil sie keine Technologieunternehmen sind, könnten sie zeigen, wie sich Technologie nicht vom technisch maximalen Möglichen, sondern vom gesellschaftlich Sinnvollen her denken lässt. Vor allem aber arbeiten sie seit Jahrhunderten inhaltlich getrieben, kontextspezifisch und häufig pragmatisch. Kulturmacher*innen wissen besser als viele andere, dass Wissen niemals nur Information ist, sondern immer situiert, interpretiert und vermittelt wird. Die gestaltende Verantwortung, von der wir im KuDiNa³-Kontext sprechen, liegt daher weniger in der nächsten spektakulären KI-Installation als in der mühsameren Arbeit dahinter: Welche Systeme brauchen wir tatsächlich? Welche Daten dürfen sie verwenden? Wer entscheidet über ihre Ziele und überprüft ihre Ergebnisse? Wann erleichtert Automatisierung eine Arbeit sinnvoll – und wann nicht? Wie löschen wir wieder die Daten?
Gestaltende Verantwortung statt Weltformel
Vor hundert Jahren verliefen Starkstromkabel von Maschinenhäusern zu Bühnen, und Scheinwerfer wurden so eingerichtet, dass man am Ende nicht den Apparat, sondern den Menschen sah. Heute verlaufen die neuen Leitungen zwischen Rechenzentren, Datenbeständen, Institutionen und Publikum und die Frage ist erneut, was wir sichtbar machen wollen.
»Mehr Theater und weniger Technikschau« war meine Formel vor fast drei Jahren.[1] Heute würde ich hinzufügen: Vergesst die Weltformel. Die wirklich visionäre Rolle von Kulturinstitutionen könnte nicht darin liegen, die mächtigste KI einzusetzen und damit lediglich dem Mainstream zu folgen. Sie könnte vielmehr darin bestehen, zu zeigen, dass wir nicht immer mächtigere Systeme benötigen, sondern reflektierte und durchdachte Entscheidungen darüber, welche Systeme wir überhaupt verwenden wollen. Kleine, spezialisierte und erklärbare KIs, die man mit einem Hammer zerschlagen kann, wären dann keine Zwischenstufe auf dem Weg zur großen ungreifbaren Universalintelligenz, sondern ein Gegenmodell dazu.
Anmerkungen und Quellen
[1] Ilja Mirsky: »Zum Stand von Theater & Digitalität im Jahr zwei nach Ende der Pandemie. Good bye, Netzmarkt«, Heidelberger Stückemarkt / nachtkritik, 29. Februar 2024. https://heidelberger-stueckemarkt2024.nachtkritik.de/?catid=108&id=527%3Azum-stand-von-theater-digitalitaet-im-jahr-zwei-nach-ende-der-pandemie&view=article
[2] Holger Gertz (Fotos: Friedrich Bungert): »Es geht ein Ruckeln durch das Land«, Süddeutsche Zeitung, 12. Dezember 2025. https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/db-bahn-verspaetung-demokratie-palla-bahnchef-e532821/?reduced=true
[3] Lars Klingbeil: »Rede zur Einbringung des Bundeshaushalts 2025«, Bundesministerium der Finanzen, 8. Juli 2025. https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Reden/2025/2025-07-08-bundestag-einbringung-haushalt-2025.html
[4] tagesschau.de: »Bahn-Chefin Palla kritisiert ›organisierte Verantwortungslosigkeit‹«, 1. August 2026. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/palla-kritik-bahn-100.html
[5] Ulf Otto: Das Theater der Elektrizität. Technologie und Spektakel im ausgehenden 19. Jahrhundert, Szene & Horizont, Bd. 6, Stuttgart: J. B. Metzler, 2020. DOI: 10.1007/978-3-476-05689-4. https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-476-05689-4
[6] Kulturstiftung des Bundes: »Count down // Count on«, Deutsches SchauSpielHaus Hamburg, Fonds Zero, Spielzeit 2024/25. https://www.kulturstiftung-des-bundes.de/de/projekte/detail/count_down_count_on.html
[7] Hilke Marit Berger: »Gestaltende Verantwortung«, Kulturpolitische Gesellschaft, 20. November 2023. https://kupoge.de/blog/2023/11/20/gestaltende-verantwortung/

Kurzvita
Ilja Mirsky ist Dramaturg und Digitaldramaturg am Residenztheater München. Seine Arbeit beginnt dort, wo Theater auf VR, AR, KI und digitale Medien trifft: bei der Frage, wie Technologie unsere Wahrnehmung, unsere Erzählweisen und unsere Gegenwart verändert. Seit der Spielzeit 2022/23 leitet er am Residenztheater »Resi Digital«, wo er neue künstlerische Formate entwickelt, die klassische Theaterpraxis mit immersiven und digitalen Technologien verbinden.
Von 2019 bis 2022 war er Dramaturg und wiederholt auch Programmierer am Institut für theatrale Zukunftsforschung im Tübinger Zimmertheater. Geprägt durch Studien der Kognitionswissenschaft, Politik, Literatur und Psychologie in Tübingen und Haifa sowie einen Master in Performance Studies an der Universität Hamburg, verbindet Mirsky künstlerische Praxis mit theoretischer Tiefenschärfe.
Er lehrt »Theater und Digitalität« an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg, promoviert zur digitalen Dramaturgie an der Universität Tübingen und der Zürcher Hochschule der Künste, ist Research Associate im Forschungsprojekt »Performing Artificial Intelligence« an der ZHdK und berät im Kontext von digitaler Dramaturgie und KI unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), das Goethe-Institut und das Humboldt Forum Berlin.