Hat Methusalem die Sintflut überlebt?

Martin Lätzel

18. Juni 2026

Im frühen Mittelalter gab es ein bemerkenswertes theologisches Rätsel: Der Bibel zufolge war Methusalem der Großvater Noahs. Im Alter von 187 (hört sich viel an, aber vermutlich wurden die Jahre in der Bibel anders gezählt als heute) wurde er Vater und lebte danach noch 782 Jahre. Als eben dieser Sohn 188 Jahre alt war, kam Noah zur Welt.  Die Sintflut begann, da war Noah 600 Jahre alt. Methusalem wurde 969 Jahre, bei der Sintflut wäre er 955 Jahre gewesen. Die Frage lautete: Was ist mit Methusalem während der Sintflut geschehen? Er war nicht an Bord der Arche, hätte aber nach dieser Rechnung die Auslöschung allen Lebens auf der Erde (mit Ausnahme der durch Noah Geretteten) um 14 Jahre überlebt? Die Gelehrten (ausnahmslos Männer) stritten über diese Frage.[1]

KI und Kulturkampf

Für alle Fragen, die uns heute umtreiben, haben wir Künstliche Intelligenz (KI). Wir können mit KI-Anwendungen Antworten erzeugen, Texte korrigieren und generieren, Bilder erstellen (selbst solche, die mit der Realität gar nichts zu tun haben, aber im realen Gewande daherkommen, sogenannte Deep-Fakes) oder coden. Diese Vielfalt ist begleitet von einer Zunahme an trivialen Inhalten, vieles ist regelrechter „Bullshit« (und findet genügend Menschen, die darauf hereinfallen). Das wirft die Frage auf, wie wir zwischen wertvollen kulturellen Beiträgen und solchen, die diese Bezeichnung kaum verdienen, unterscheiden können. Der Umgang mit KI ist eine Frage der Differenzierung und deswegen eine kulturelle Frage.

Beginnen wir mit der Rolle der Kultur selbst und fragen im Anschluss an die Relevanz von Kunst und Kultur im durch KI immer stärker geprägten Alltag und seiner Umwelt. Der Druck auf die öffentlichen Haushalte nimmt ständig zu. In dieser finanziellen Enge ist die Kultur einer der ersten Bereiche, der unter Kürzungen leidet. An die Stelle differenzierter Diskussionen über die Relevanz von Kunst und Kultur tritt immer mehr eine populistische Abwehrhaltung, die sich in der einfachen Frage niederschlägt: »Brauchen wir das wirklich?« Man könnte ergänzen: Wir haben ja KI!

Im politischen Spektrum wird ein anti-intellektueller Kulturkampf geführt, dem wenig entgegengesetzt wird. Das Versäumnis, wirksame Argumentationen gegen diese populistischen Strömungen zu entwickeln, zeigt, wie tief verwurzelt die Missverständnisse in unserer Gesellschaft sind. Trotz intensiver Anstrengungen ist es uns nicht gelungen, die soziale Spaltung in Kunst und Kultur zu überwinden. Die kulturellen und ideologischen Grenzen in unserer Gesellschaft sind indes immer sichtbarer geworden. Die extremen politischen Ränder erstarken in beängstigendem Tempo, während die Mitte an Überzeugungskraft verliert.

Die Rolle sozialer Netzwerke und die rasante Entwicklung von KI verstärken diese Dynamiken. Technologien, die ursprünglich das Potenzial hatten, uns näher zusammenzubringen, begünstigen durch ihre Algorithmen die Verbreitung von Desinformation. KI führt dazu, dass nichts mehr sicher scheint. Künstlerische Gestaltung durch KI scheint Kreativität obsolet zu machen. Die Versuche, kulturpolitische »Dämme« gegen die Entwicklungen zu errichten, erscheinen hilflos und erfolgsarm angesichts der rasanten Veränderungen und der Größe der Herausforderung. Öffentliche Systeme haben oftmals kaum die finanziellen Möglichkeiten, technisch mitzuhalten, wer lauthals nach Regulierung ruft, bremst unter Umständen Innovationen aus und stört die wirtschaftliche Logik.

Konsens über Kunst und Kultur schaffen

Wenn wir in der Lage sein wollen, diese Schwierigkeiten zu bewältigen und eine reiche, vielfältige und sorgfältig kuratierte kulturelle Landschaft zu erhalten, bedarf es eines grundlegenden Umdenkens und eines neuen, starken gesellschaftlichen Konsenses darüber, was Kultur ist und welchen Stellenwert sie in angesichts der Technologie haben sollte. Gibt es Kompetenzen und Möglichkeiten, die wir (wieder) neu entdecken können und müssen? Was können wir verstärken und betonen, um in einem Prozess mitzuhalten, ohne auf jeden Zug sofort aufspringen zu müssen? Wir können das Rad der Zeit nicht aufhalten. Gerade deswegen ist es so wichtig, wieder auf das Thema Nachhaltigkeit zu sprechen zu kommen, insbesondere auf die soziale Nachhaltigkeit in Bezug auf Kunst und Kultur. Genau diese Perspektive leistet KI nicht von alleine, sie ist »nur« eine Technik. Kultur beruht auf Aushandlungsprozessen, die den Input in die Gesellschaft liefern. Kulturelle Einrichtungen haben die Verantwortung, Bildungsräume und Diskussionsplattformen zu schaffen, in denen die Anwendung von KI gesellschaftlich gestaltet werden kann.

Nuance und Interpretation

Wer soziale Nachhaltigkeit erreichen will, muss einen verschärften Blick auf Differenzierungen und Hermeneutik werfen. Die Mitte differenziert, die Ränder polarisieren. Der Philosoph Roland Barthes verstand unter »Nuancen« weit mehr als Abstufungen. Für ihn war die Nuance ein ethisches Prinzip: ein Widerstand gegen das Dogmatische, gegen Schwarz-Weiß-Denken. Barthes schätzte sie als Form intellektueller Sanftheit. Nicht als Gleichgültigkeit, sondern als Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, ohne sie aufzulösen. Die Nuance war für ihn eine Haltung gegen Arroganz und für ein lebendiges Denken.[2]

Für seinen Kollegen Hans-Georg Gadamer war die Hermeneutik zentral, nicht als Methode, sondern als eine Grundbedingung menschlicher Existenz. Verstehen ist nicht etwas, das wir tun; es ist etwas, das uns widerfährt. Interpretation ist die Explizitmachung des Verstehens. Der hermeneutische Zirkel besagt, man versteht das Ganze nur durch die Teile, und die Teile nur durch das Ganze. Interpretation ist nie linear, sondern ist ein offenes Ereignis. Gadamer betont, dass echtes Verstehen immer auch Anwendung bedeutet: Der Sinn wird im Präsens lebendig. Interessant ist, dass Barthes‘ Begriff der Nuance hier anschlussfähig ist – auch Gadamer widersteht dem Dogma einer »richtigen« Interpretation. Verstehen bleibt offen, unabgeschlossen, im Gespräch.[3]

Vor diesem Hintergrund sollte die kulturelle Aufgabe für die soziale Nachhaltigkeit von KI gelesen werden. Es geht darum, KI zu nutzen und sie als Werkzeug einzusetzen, um Ressourcen zu heben und Prozesse zu unterstützen. Was die Künstliche Intelligenz kann, sind Plausibilitäten errechnen. Interpretationen aber lassen sich nicht berechnen, sie sind abhängig von Sichtweisen und Kontextualisierungen. Das ist eine intellektuelle Leistung, die wir mehr denn je benötigen. Die Impulse dieser Leistungen kommen aus Bildung und Kultur. Hier haben die Einrichtungen der kulturellen Infrastruktur in Zukunft eine noch relevantere Bedeutung als bisher. Wer KI reflektiert nutzen will, braucht dazu die menschliche Fähigkeit, Nuancen zu generieren und zu erkennen und Ergebnisse zu interpretieren (und manchmal gegen den Strich zu bürsten). »The […] way is to teach people to appreciate complexity: democracy cannot survive ideological simplification. We must relearn how to grapple with contradictions, nuances and irreducible tensions.«[4]

Und Methusalem? Ob er vor der Sintflut verstorben ist, ob es unterschiedliche Zählweisen in den biblischen Textüberlieferungen gibt, ob es ihn (und Noah) überhaupt gegeben hat, das sind Fragen der Perspektiven und der Interpretation. Zur damaligen Zeit kam der Bischof von Saragossa auf eine einfache Erklärung: Die Bibel enthalte Textfehler.[5] Das scheinbare Rätsel zeigt beispielhaft, wie sehr Bedeutung von Hermeneutik abhängt. Wer die biblischen Altersangaben wörtlich nimmt, stößt auf einen logischen Widerspruch. Wer denselben Text als historisch gewachsene Überlieferung liest, interpretiert darin einen Abschreibfehler, das vermeintliche Mysterium löst sich auf. Die Hermeneutik lehrt uns, dass wir niemals neutral lesen: Jede Auslegung entsteht aus Vorverständnis, das durch Tradition, Kontext und unsere Fragen geprägt ist. Die Wissenssoziologie erinnert uns, dass das, was als »offensichtlich richtig« gilt, das Ergebnis sozialer Aushandlung ist. Was diese Perspektiven verbindet, ist die zentrale Rolle menschlicher Intelligenz und des Dialogs. Bedeutung entsteht nicht in durch KI generierten Ergebnissen, sondern im Gespräch zwischen Präsentation und Rezipient*innen, zwischen Frage und Antwort, zwischen verschiedenen Standpunkten. Wer bereit ist, eine andere Perspektive einzunehmen oder eine neue Frage zu stellen, eine Haltung zu beziehen oder zu provozieren, sieht oft das, was zuvor verborgen blieb. Das Verstehen von Nuancen ist kein Zustand, sondern ein Prozess — und dieser Prozess ist zutiefst menschlich.


[1] Vgl. Peter Heather: Christentum. Aufstieg und Triumph einer Religion. Stuttgart 2025, 392

[2] Vgl. Roland Barthes: Das Neutrum. Frankfurt/Main 2005

[3] Vgl. Hans Georg Gadamer, Wahrheit und Methode. Tübingen 1960

[4] Yves Plasseraud: The great wokeism paradox. In: sprit (March 2026, French version); Eurozine (English version)

Downloaded from eurozine.com (https://www.eurozine.com/the-great-wokeism-paradox/), 6/7

[5] Heather 393.

Kurzvita

Prof. Dr. Martin Lätzel ist Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek mit dem Zentrums für Digitalisierung und Kultur und Honorarprofessor an der HAW Kiel für Kulturmanagement und Digitalisierungspolitik.