Die größte Krise seit Jahrzehnten

Irene Knava

31. März 2021

In den Ankündigungen zum »Lockdown Light« im November 2020 wurden Theater, Opern- oder Konzerthäuser in einem Atemzug mit Spielhallen, Wettannahmeeinrichtungen und Bordellen genannt. Auf solche »Unterhaltungsveranstaltungen« musste man im Lockdown also verzichten. Und hier wären wir schon beim Kern des Transformationsprozesses zu einer #neuenRelevanz: Welchen Hirnen fallen solche Aufzählungen und Verbindungen ein? Welche Frauen gehen zu Unterhaltungszwecken ins Bordell? Diejenigen, die dort – teilweise unter Verschleppung und Zwang – Sexarbeit ausüben? Soviel zur Relevanz von Kultur in der größten Krise seit Jahrzehnten. Nachzulesen in einer simplen Aufzählung. Kunst und Kultur haben schlichtweg nicht die Relevanz, die sich die meisten Kulturschaffenden wünschen.

Und auch in der »Kulturnation« Österreich findet der kulturelle Sektor, Anziehungspunkt für Millionen Tourist*innen und somit wichtiger Wirtschaftsfaktor, der Millionen an Wertschöpfung in Hotellerie, Gastgewerbe, Transport und Handel bringt, nicht die gewünschte Wertschätzung. Mit eisernem Willen haben die Salzburger Festspiele in einem nahezu festivallosen Sommer 2020 Flagge bewiesen und ein »Hurra, wir leben noch!« in die Welt gerufen.

Ein ähnliches »Hurra, wir leben noch!« war auch vor 76 Jahren in den zerbombten Städten Wien und Berlin zu vernehmen: Burgtheater und Staatsoper wurden in Windeseile wiederaufgebaut. Im Berliner Schloss fanden kurz nach Kriegsende wieder Kunstausstellungen statt. Am 30. April 1945 nahm das Burgtheater den Spielbetrieb in der Ersatzspielstätte Ronacher wieder auf. Theater, Opern- und Konzerthäuser sind noch nie so lange stillgestanden wie jetzt. Für das Publikum hat Kultur Relevanz. Weil sie Hoffnung ist. Sinn gibt. Und zu Reflexion und persönlicher Entwicklung einlädt.

Money, Money, Money: Digitale Angebote bringen kaum Geld

Der analoge Kulturbetrieb aus Theatern, Opern, Konzertsälen und Museen, aber auch die Clubszene und viele andere kulturelle Veranstaltungen sind in der Pandemie plötzlich digital geworden. Angebote werden gestreamt, neue digitale Formate entwickelt und selbst die Eröffnung des neuen Humboldt Forums ist dank Lockdowns nun plötzlich zu einem digitalen Erlebnis für Menschen aus aller Welt geworden. Die Digitalität ist nicht mehr wegzudenken und sie ist eine Bereicherung. Zumindest für all diejenigen, die über Zugänge verfügen. Fakt ist jedoch auch: Damit ist kein bis kaum Geld zu verdienen.

Nun könnte man eine Verbindung herstellen, indem man Audience Development im Sinne eines Community Buildings mit Digitalisierungsprozessen verbindet. Erweiterter Outreach, neue Zielgruppen erreichen, Teilhabe am Entwicklungsprozess – all dies lässt sich mit digitalen Formen verbinden. Statt den geplanten Abend bloß abzuspielen, muss das Streaming zu eigenständigen digitalen Formaten weiterentwickelt werden. Distance Learning in der Schule gestützt durch Naturkundekurse direkt aus dem Museum, die auch noch Spaß machen?!

Die Teilhabe am künstlerischen Entwicklungsprozess ist digital auch für Menschen möglich, die irgendwo auf diesem Globus sitzen. Mit digitaler Vernetzung lässt sich Perspektivenvielfalt im künstlerischen Entwicklungsprozess viel leichter realisieren, als wenn eine wochenlange Anwesenheit vor Ort nötig ist. Deutungshoheit kann durch digitale Einbindung, Zugriff auf digitalisierte Sammlungsbestände und online-Austausch mit Communitys sehr einfach abgegeben werden. Wow! Und da entsteht dann eine ganz andere Form von Relevanz: Vielstimmigkeit ist möglich, globale Zusammenarbeit, neue Formen der Teilhabe. Diese Vernetzung lässt eine ganz neue Form von Wissen entstehen und bringt Stimmen in einen Prozess ein, der eben nicht nur aus Restitution von Sammlungsbeständen besteht.

Für die meisten deutschen Kulturbetriebe mit niedrigen Eigendeckungsgraden könnte dies eine #neueRelevanz darstellen. Egal, ob bei geöffnetem oder geschlossenem Kulturbetrieb: »The challenge is not whether to build communities or audiences but how to build communities and audiences together« [1] Diese Verbindung mit dem Digitalen wäre eine Möglichkeit ein »how« zu entwickeln – um mit der Disruption durch Corona produktiv umzugehen. Abgabe von Deutungshoheit und Macht durch digitale Teilhabeprozesse in diverse Communities, Herkunftsgesellschaften und Zielgruppen hinein. Weg vom permanenten »Wir zeigen Dir was und wissen wie es geht!«-Denken hin zu einem den*die Besucher*in und Communitys aktivierenden »Trag bei, egal wo du dich befindest! Mit deinem Wissen, deiner Expertise, deinen Erfahrungen und gestalte mit uns etwas Neues!«. Dadurch entsteht Wachstum, dadurch entsteht Entwicklung. Dadurch entsteht Sinn.

Statt Herumlavieren gleich ins direkte Miteinander gehen

Unsere Seelen wollen durch Kunst berührt werden. Und sie wollen durch den Austausch mit anderen Menschen berührt werden. Das hat sich in tausenden Jahren Kunstproduktion und Menschsein nicht geändert. Wenn Künstler*innen über den Globus jetten können, dann können digitale partizipative Angebote und Verbindung von Mensch zu Mensch das auch. Dann diskutieren wir zukünftig nicht mehr die Relevanz von Kunst und Kultur – sondern wir stehen in direktem Austausch mit Communities in Nigeria, China oder Neukölln. Fürs Diskutieren bleibt keine Zeit, weil wir in Verbindung sind mit den Menschen, für die Kultur ohnehin relevant ist, egal ob die Häuser offen oder geschlossen sind. Jenseits von Grenzen: Hauptsache Verbindung.

[1] Borwick, Doug (2012): Building Communities, Not Audiences: The Future of the Arts in the United States. Winston-Salem, S.8

Autorin

Irene Knava ist Expertin für Publikum, Kulturerlebnis und kulturelles Wirkungsmanagement. Sie ist systemische Organisationsberaterin, zertifizierte Qualitätsmanagerin, Trainerin und Lehrbeauftragte an Hochschulen in Österreich und Deutschland. 2019 erschien ihr viertes Buch AUDIENCING Diversity 4.0 – Transformation im digitalen Wandel gestalten und Wirkkraft durch Vielfalt verstärken bei Facultas, Wien. www.audiencing.net