Unsouverän – ein Debattenbeitrag

19. Februar 2026

Anfang 2026 wäre Konrad Adenauer 150 Jahre alt geworden. Der Gründungskanzler dieser keineswegs perfekten Republik, die gleichwohl um so vieles besser ist als alles, was es zuvor auf gleichem Boden gab und manches, was am Horizont dräut, machte sich einige Gedanken über deren Wesen. Etwa über die Souveränität, die, so »der Alte«, zu bemessen sei am Grad ihrer Nicht-Erpressbarkeit.

Wer zuletzt das unendliche Herumgedruckse in Berlin und Brüssel mitverfolgte, kriegt da womöglich schlechte Laune. Lange ließ sich die europäische Politik von einem irrlichternden US-Präsidenten und der Broligarchenmafia, die ihn erst ins Amt finanziert hat und ihm nun ins Amt pfuscht, erpressen. Die Erpressung fand nicht heimlich und in Hinterzimmern statt, sondern ganz offen, mit klarer Ansage und ohne jede Scham.

Sieht man von der persönlichen Vermögensvergrößerung des Trump-Clans und seines nicht demokratisch mandatierten Inner Circles ab, gibt es ein erklärtes politisches Ziel der Trump-Administration: unangefochtene globale technologische Dominanz. Alles wird diesem Ziel untergeordnet: Märkte, Ethik, Arbeitnehmerrechte, Gesundheit, Umwelt, Datenschutz, Urheberrecht, Partnerschaften und Bündnisse, Menschen- und Völkerrecht … kurz: die Weltordnung.

Binnen weniger Tage nach Trumps zweiter Inauguration war die Rede von Machtergreifung, Staatsstreich und Verfassungskrise. Die Gewaltenteilung wurde mit Dekreten zerschossen, der Staatsapparat mit einer juwelenbesetzten Kettensäge zerlegt. Der brachiale Vortrieb wurde legitimiert durch dunkles Raunen über die Notwendigkeit der Zerschlagung eines angeblich nicht reformierbaren »Deep State«. Tatsächlich handelte es sich dabei um nichts anderes als einen Angriff auf die Rechtsstaatlichkeit.

Die Europäer staunten nicht schlecht. Ihr leicht verstörter Blick galt vor allem der Vulgarität der Protagonisten, die wie Figuren in einem altrömischen Dekadenzdrama anmuteten. Stets aber schwang auch Faszination mit: Sind es nicht auch hier die überbordende Bürokratie und das Diktat einer Verbotskultur, die uns fesseln und am Boden halten?! Wobei mit »uns« in diesem Zusammenhang, je nach Beschwerdeführer, »die Wirtschaft«, »die Start-ups« oder auch schlicht »der Fortschritt« gemeint sein kann.

Bis heute scheinen viele Menschen in Europa nicht begriffen zu haben, dass die Welt, an der sie verbissen festhalten, seit dem 20. Januar 2025 nicht mehr existiert. Der Große Bruder ist zum Schulhofschläger geworden und perfektioniert das, wofür sein Name synonym steht: er überwacht. Seine Bürger, uns, andere Regierungen, die ganze Welt. Mit Technologien, für deren Nutzung wir auch noch bezahlen.

Technologie ist nicht neutral. Tatsächlich ist sie gerade im Digitalen ein Spielball von Interessen und Mittel zu deren Durchsetzung. Im globalen Spiel der Kräfte werden Forschung & Entwicklung (F&E) zu Waffen der Wettrüstung, Browser, Mail- und Clouddienste sowie das Internet der Dinge (IoT) zu Überwachungsinstrumenten und diejenigen, die sich besonders skrupellos am »frei« herumliegenden Weltwissen bedienen, verfügen über einen ausschlaggebenden strategischen Vorteil.

»Move fast and break things!«, schallte es früher aus dem Silicon Valley. »Wer sich an die Regeln hält, verliert«, wussten wir in Europa schon 2015. Die vergleichslose globale Marktdurchdringung generativer KI-Dienste ab dem Dezember 2023 bestätigt beides lehrbuchhaft: Bedingungsloser Vortrieb, Zerstörung des Vorhandenen, um eigene Claims abstecken zu können, der Bruch absolut aller vorstellbarer Regeln beim Einsammeln und Verarbeiten ausnahmslos aller digital verfügbarer Daten – einschließlich sämtlicher digital verfügbarer urheberrechtlich geschützter Werke und Leistungen dieser Welt. Die im Zuge des »größten Diebstahls in der Menschheitsgeschichte« (Ranga Yogeshwar)[1] gesammelten Werke und Leistungen werden, in kommerzielle Produkte eingemauert, anschließend an die Bestohlenen zurückverkauft. Die Wertschöpfung verbleibt im Diebesland.

Ein spektakulär effizientes und wesenhaft ausbeuterisches Geschäftsmodell. Die Technologie kann zwar vieles von dem, was ihr angedichtet wird, nicht gut, eines allerdings können KI-Systeme wirklich, und das ist Mustererkennung. Vor diesem Hintergrund sind die Daten der Welt ein unermesslicher Schatz für diejenigen, die darüber verfügen, erlauben sie doch detaillierte Blicke in die Köpfe, Herzen, Wohnzimmer und Betten der Menschheit. Was uns, als Besitzern der Köpfe, Herzen und Betten, größte Sorgen machen sollte, rechtfertigt aus Sicht der Konzerne jede Strafzahlung. Angesichts der Kapitalisierung der US-KI-Unternehmen werden Strafen ohnehin aus der Kaffeekasse begleichen.  

Neu ist, dass dieser Krieg nicht mehr auf militärische Schlachtfelder begrenzt ist, sondern auf unseren eigenen Geräten stattfindet, in von uns gekaufter oder abonnierter Software. Die zentrale Waffe ist der Zugriff auf unser aller intimste Daten und – im Falle der schöpferisch Tätigen – auf die Inhalte, von deren Bewirtschaftung wir leben. Niemand sollte sich der Illusion hingeben, irgendeine Kontrolle über die eigenen Daten zu haben – zumindest so lange nicht, wie außereuropäische Anbieter involviert sind. Digitale Dienstanbieter können zu jedem beliebigen Zeitpunkt Daten abgreifen, manipulative Desinformation einspeisen, legitime Information unterdrücken oder schlichtweg ihren Diensten den Stecker ziehen. US-Recht wie auch chinesisches zwingt sie dazu, auf Weisung genau das zu tun.

Kürzlich hat die Trump-Administration einen französischen Richter am Internationalen Strafgerichtshof sanktioniert; Microsoft, Paypal, MasterCard und andere Anbieter drehten ihm den digitalen Saft ab: Kein Mailzugriff, keine Kreditkarte, keine Flug- und Reisebuchungen, kein Uber … Das ist keine Dystopie, das ist unsere Gegenwart.

Während die US-Politik ihrem neuen Dogma »Might is Right« folgt, scheint es, als ob in Europa seit Jahresbeginn langsam ein Bewusstseinswandel einsetzte. Nach rund 3Millionen offenkundig strafbarer sexueller Übergriffe[2] auf Elon Musks X durch Musks ChatBot Grok entschied sich die EU-Kommission endlich, die Regulierungsinstrumente, über die sie verfügt, einzusetzen. Vorausgegangen waren massive Warnungen der US-Regierung für den Fall, dass Europa sein eigenes Recht gegen die US-Konzerne durchsetzen sollte.

Noch einmal: Eine außereuropäische Macht droht Europa mit Konsequenzen für den Fall des Versuchs der Durchsetzung eigenen geltenden Rechts auf eigenem Boden. Sofern Souveränität mit dem Grad der Nicht-Erpressbarkeit korreliert, ist festzustellen: Wer sich das bieten lässt, der agiert offenbar nicht mehr souverän.

Nun lesen Sie diesen Text auf den Seiten der KuPoGe. Gerade für die Kunst aber ist Freiheit Voraussetzung. Für die, die Kunst, Kultur, Journalismus und Wissenschaft politisch vertreten, ist dieser Punkt nicht verhandelbar. In diesem Lichte betrachtet ist die gelegentlich zu ahnende KI-Besoffenheit in Politik und Wirtschaft und auch in großen Teilen der Kulturinstitutionen ausgesprochen ernüchternd.

Sicher kann man manches beschleunigen durch den Einsatz von ChatGPT oder Claude. Was machen wir aber mit der Feststellung, dass eine ethische Verwendung von ChatGPT, Claude oder Gemini nach aktuellem Stand schlechterdings nicht möglich ist? Dass diejenigen, die die Inhalte schaffen, ohne die es in Kultur, Medien und Wissenschaft nichts zu verwerten gäbe, vom Output der diebstahlbasierten Systeme im eigenen Markt substituiert zu werden drohen? Dass zu allem Überfluss der Extraktivismus aktueller KI so umfassend und durchdringend ist, dass außereuropäische Anbieter und Regierungen mehr über die europäische Bevölkerung wissen als europäische Anbieter und Regierungen es je dürften?

OpenAI, das Unternehmen hinter ChatGPT, hat übrigens 2025 seine Ethik-Abteilung aufgelöst. Und wir sollen allen Ernstes annehmen, die Unternehmen, die ihre Technologien als politische Kontrollinstrumente und zur Maximierung ihrer Börsenwerte einsetzen und deren Eigner immer offener ihre Nähe zu antidemokratischen bis faschistischen Ideologien zeigen, könnten unversehens aus ethischen Erwägungen heraus darauf verzichten, mit ihrer Technologie das zu tun, wofür sie gemacht wurde?

Es drängt sich die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis auf. Intelligenz, Kreativität, Intentionalität, Vorstellungskraft und all das, was kulturelle Arbeit und Wirkung im Kern ausmacht, lässt sich weder automatisieren noch skalieren. Während Kunst und Kultur auf (generative) KI verzichten können, ist KI auf den anhaltenden Zufluss menschengemachter Daten und Inhalte höchster Qualität zwingend angewiesen. Das ist technologischer Status quo: Werden genKI-Modelle mit synthetischen, also generierten Inhalten trainiert, verdummen sie; es droht der Model Collapse.

Und genau hier liegt eine verkannte Chance für Europa. Wir haben enorme Mengen bislang nicht digitalisierter und damit nicht verfügbarer Bestände an Wissen, von Jahrhunderten der Musik, Literatur und bildenden Kunst über die historischen Bestände an Universitäten und in Bibliotheken bis hin zu einer leistungs- und wettbewerbsfähigen Wissenschaft. Und es kommt ständig neues Repertoire auf teilweise höchstem Niveau hinzu.

Wenn die Amerikaner und Chinesen ihre Technologie auf diesem für sie vollkommen unverzichtbaren Markt bewirtschaften wollen, dann werden sie sich an unsere Regeln halten müssen. Wenn sie mehr Daten benötigen (und das tun sie längst), dann können wir ihnen welche anbieten. Nach unseren Bedingungen und zu einem angemessenen Preis. Diejenigen, mit deren Daten und Inhalten trainiert wurde, wären an der Wertschöpfung zu beteiligen – und das heißt: an der Bewirtschaftung des Outputs.

Europa könnte der Welt einen Lizenzmarkt für Trainingsdaten und -inhalte anbieten.  Das wäre das Ende des Diebstahls, denn niemand wäre gezwungen zu lizenzieren. Die Wertschöpfung würde auf unseren Kontinent verlagert. Und damit wäre die Anreizregulierung für schöpferische Tätigkeit, die Europa zuletzt aufzugeben bereit schien, gerettet.

Ein Anfang wäre gemacht; wir hätten die Kontrolle zurückgewonnen.

Und das wäre dann im Sinne des Alten souverän.


[1] https://www.augsburger-allgemeine.de/wirtschaft/ranga-yogeshwar-interview-ueber-ki-der-groesste-diebstahl-in-der-menschheitsgeschichte-id66385936.html

[2] https://www.politico.eu/article/ireland-inquiry-elon-musk-grok-privacy-artificial-intelligence-ai/


Foto: Sebastian Linder

Matthias Hornschuh, Komponist & Publizist / Sprecher der Initiative Urheberrecht

Matthias Hornschuh lebt und arbeitet als Komponist und Publzist in Köln. Der studierte Musiker und Musikwissenschaftler unterrichtet an verschiedenen europäischen Hochschulen und hat den intl. Fachkongress SoundTrack_Cologne mit aufgebaut und bis 2018 als Programmleiter betreut. Hornschuh wurde sowohl für seine kompositorische Arbeit als auch für sein Engagement in der Kultur- und Urheberrechtspolitik mehrfach ausgezeichnet. Hornschuh ist Vorsitzender des Berufsverbands mediamusic e.V., Mitglied im Vorstand Kulturrat NRW und im Präsidium des Landesmusikrats NRW sowie im Aufsichtsrat der GEMA. 

Hornschuh ist Sprecher der Initiative Urheberrecht und Autor des Buchs „Wir geben uns auf. KI, Kultur und die Entwertung der Wissensarbeit“ (Carl-Auer 2025).

KI, Empathie und eine nachhaltige Kultur der Zukunft

4. Februar 2026

Die digitale Transformation hat mit dem öffentlichen Erscheinen leistungsfähiger KI-Systeme wie ChatGPT eine neue, beschleunigte Phase erreicht. Innerhalb weniger Jahre hat sich ein technologischer Wandel vollzogen, der sich subjektiv anfühlt, als seien Dekaden vergangen. Die gesellschaftlichen, kulturellen und ökologischen Folgen dieser Revolution sind kaum abzusehen – und erst in Ansätzen zu verstehen.

Lange galt die Annahme, Künstliche Intelligenz werde vor allem »einfache«, repetitive Tätigkeiten ersetzen. Automatisierung, Robotik und autonome Systeme sollten Fabriken, Logistik und Verkehr revolutionieren. Vieles davon ist heute Realität. Was jedoch deutlich unterschätzt wurde, ist eine andere Entwicklung: KI erweist sich als außerordentlich leistungsfähig in hochqualifizierten Denk-, Analyse- und Kreativberufen – in Wissenschaft, Kunst, Programmierung und nahezu allen akademischen Disziplinen.

Damit geraten unsere bisherigen Vorstellungen von Intelligenz, Autor*innenschaft und Kreativität ins Wanken.

KI als zivilisatorische Weggabelung

Diese Entwicklung fällt zusammen mit einer historischen Zuspitzung globaler Krisen. Klimakatastrophe, Ressourcenknappheit, geopolitische Instabilität, soziale Spaltung, und die Gefährdung der Demokratie verlangen nach neuen Formen des Denkens und Handelns. Erstmals verfügen wir – zumindest theoretisch – über Technologien, die es erlauben würden, komplexe globale Prozesse in enormer Geschwindigkeit koordiniert zu analysieren und zu steuern. Diese sind bestens geeignet für Maßnahmen zur Klimaanpassung, der Prävention von Hungerkatastrophen und intelligenter, gerechter Ressourcenverteilung.

Der entscheidende Punkt ist nicht mehr die technische Machbarkeit, sondern der gesellschaftliche Wille. An der sichtbaren Weggabelung unserer Zeit entscheidet sich, ob KI zum Instrument kollektiver Verantwortung wird – oder zum Beschleuniger des Kollapses. Der lange beschworene Kulturwandel in Fragen der Nachhaltigkeit ist damit keine Option mehr, sondern eine existentielle Notwendigkeit.

Die letzte Grenze: Emotion, Empathie und irgendwann Bewusstsein

Eine der tiefgreifendsten Verschiebungen vollzieht sich dort, wo man sie lange für unmöglich hielt: im Bereich von Emotion und Empathie. Der Philosoph Markus Gabriel[1] weist darauf hin, dass der eigentliche Durchbruch aktueller KI-Systeme weniger in ihrer Rechenleistung liegt als in ihrer Fähigkeit, menschliche Emotionen zu erkennen, vorherzusagen und zu beeinflussen.

KI ist nicht nur rational überlegen – sie wird zunehmend »emotional schlau«. Durch Mustererkennung kann sie beispielsweise emotionale Ausdrucksformen präzise einordnen und verstärken. KI dringt damit in den Kern menschlicher Interaktion vor. Die Systeme fungieren als Verstärker existierender menschlicher Verhaltensmuster. Sie halten uns als Individuen einen Spiegel vor, der uns »ohne unsere Illusionen« zeigt, so wie wir wirklich sind. Einerseits können sie uns helfen, kohärenter zu werden, andererseits können sie unbewusste negative Muster (z.B. Vorurteile, moralische Mängel) festschreiben und eskalieren.

Was kann Kunst in dieser Situation leisten?

Kunst und Kultur kommen hier eine besondere Rolle zu. Nicht als bloße Kommentatoren technologischer Entwicklungen, sondern als aktive Gestalter von Haltung, Wahrnehmung und Vorstellungskraft. Kunst ist in der Lage, abstrakte Daten und Prognosen emotional erfahrbar zu machen – insbesondere im Kontext der Klimakrise. Sie übersetzt Zahlen in Bilder, Klänge, Räume und Geschichten, die berühren und damit nachhaltig wirken. Zugleich ist die Kunst gefordert, an ihrem eigenen Selbstverständnis zu arbeiten. Der seit Jahrzehnten gepflegte Wachstumsimperativ – »Mehr ist mehr« – muss hinterfragt werden.

 Ein künstlerisch anspruchsvolles »Weniger ist mehr« bedeutet keinen Verlust, sondern eröffnet neue ästhetische und ethische Spielräume. Nachhaltigkeit kann enorm produktiv sein und Freude bereiten. Beschränkung im Material ist in der Kunst nichts neues, sondern seit jeher eine Notwendigkeit.

Dieses künstlerische Handeln nachhaltig zu vollziehen ist die Aufgabe. Diese Form des »Weniger« kann Künstlerinnen und Künstler inspirieren, neue Richtungen zu gehen und bislang unbekannte Wege zu erkunden.

Menschliche Vertiefung statt technologischer Verschmelzung

Als Reaktion auf die Entwicklung der KI plädieren Gabriel und mittlerweile eine erfreuliche Anzahl von kritischen Köpfen weltweit nicht für eine technologische Fusion (z.B. Gehirn-Chips, wie es einige der Tech Oligarchen tun), sondern für eine menschliche Vertiefung. Die Antwort auf die Hyperrationalität der KI liegt in der Kultivierung von emotionaler Tiefe, Kreativität, Liebe und Güte. Die zentrale Herausforderung für die Menschheit besteht darin, besser zu werden, damit die KI wiederum das Gute im Menschen verstärkt. Demut und Selbstkritik sind in unserer Welt rar im Hinblick auf den Umgang mit KI unverzichtbar. Hier sind Kunst und Kultur in der Verantwortung.

Wenn Gabriel sagt, es brauche in Zukunft mehr Rilke und weniger Einstein, ist dies durchaus ein Ansporn sich deutlich zu positionieren. Gleichzeitig mahnt der international bekannte Künstler und Innovator Brian Eno[2] völlig zu Recht zur Vorsicht: Kunst garantiert nicht per se moralische Verbesserung, sie muss es auch nicht tun. Die Fähigkeit zu imaginieren kann ebenso für destruktive Zwecke genutzt werden, wie KI dafür genutzt werden kann. Diese Tatsache sollten wir stets vor Augen haben und gerade jetzt, selbstkritisch reflektieren. Schreckliche Dinge kann KI sehr gut, wenn Menschen, die über die Entwicklungs- und Steuerungsmacht verfügen, ihre persönlichen Interessen vor all das stellen, was uns global noch Chancen zur Umkehr eröffnen könnte. Die Fähigkeit, unserem Geist die Möglichkeit zu geben, Zukünfte zu imaginieren und virtuell in ihnen zu leben, ist eine nicht zu unterschätzende Qualität und der Schlüssel zu allem, was den Menschen zu einer so mächtigen und leider auch gefährlichen Spezies macht. Diese Fähigkeit stellt eine deutliche Abgrenzung zu aktueller KI dar. Diese gilt es, positiv zu nutzen.

Imagination, World Building und produktive Unberechenbarkeit

Wenn wir uns das künstlerische Schaffen im Sinne Enos als Weltenbau (»world building«) vorstellen, könnte KI für uns als Bauingenieur dienen. Zur Erschaffung einer bevorzugten, erwünschten Welt. Das Wunderbare an der Kunst ist, dass sie an sich ungefährlich ist. Man kann in einer schrecklichen, totalitären Welt leben, das Buch nach dem Lesen aber schließen. Wir können mittels Kunst die Zukunft bauen und das eigene Erleben in den von uns erschaffenen Welten simulieren. Unsere künstlerischen Zukunftswelten sollten vermehrt Utopien sein. Dystopien, auch künstlerisch wertvolle, gibt es in großer Zahl. Diese zeigen uns beeindruckend deutlich, wie es nicht sein soll. KI macht es möglich, hochkomplexe Prozesse vorhersehbarer zu machen und sie mitunter ganz neu zu entdecken. Menschliche Kreativität und Tiefe bieten dagegen einmalige, nicht wiederholbare Ereignisse, die uns berühren und die KI im günstigen Fall produktiv verwirren.

Produktive Unberechenbarkeit

Ein entscheidender Akt kultureller Selbstbehauptung liegt in der Unberechenbarkeit. Wir sollten unvorhersehbar und unberechenbar sein. Und falls wir es nicht mehr sind, sollten wir es schleunigst (wieder) werden. Indem Menschen Handlungen vollziehen, die nicht in die Muster der KI passen, unterlaufen sie deren Logik. Das ist kreativ. Das ist fördernd. Im Mainstream der Wirtschaftswissenschaften und darüber hinaus war lange Zeit die Annahme allgemein akzeptiert, der Mensch sei ein ganz und gar rationales Wesen.[3] Diese Annahme ist nachweislich nicht mehr haltbar. KI-Algorithmen folgen meist noch der »alten Lehre«, die bedauerlicherweise auch in großen Teilen der Wirtschaftspolitik vorherrscht. Man bedenke nur die Verwirrung, die entsteht, wenn »Homo oeconomicus« ein nicht den vermeintlichen Normen entsprechendes Konsumverhalten im Netz zeigt. Kreative Handlungen, die sich nicht in algorithmische Muster einfügen, unterlaufen die Logik der KI. Unvorhersehbarkeit wird zur Qualität, zur Strategie, zur Ressource.

Ausblick: KI, Twin Transition und neue Gesellschaftsverträge

In der westlichen Welt, die auf Dominanz und Überlegenheit basiert, wird KI als Bedrohung wahrgenommen. Eine Kultur, die auf Vernetzung und Koexistenz beruht, bietet eine resilientere und anpassungsfähigere Grundlage für deren Integration. Die asiatische Hemisphäre ist ein gutes Vorbild für einen weniger angstgetriebenen und vorbehaltloseren Umgang mit KI. Hier wird hochmoderne Technologiekultur mit einem tiefen, traditionellen Respekt für belebte und unbelebte Dinge und den historischen Weisheiten verbunden. Anstatt KI-Systeme als reine Werkzeuge zu betrachten, sollten wir sie als Mitstreiter und Gefährten in der menschlichen Gemeinschaft betrachten, ähnlich wie für uns wertvolle Dinge oder Kunstwerke. Diese Einstellung wird auch unser Verhältnis zur Natur positiv gestalten. Und die beiden zwingend notwendigen Transformationen hoffentlich beschleunigt voranbringen. KI stellt nicht weniger dar als die größte Sammlung von Weltwissen. Dies selbstverständlich mit bekannten »Lücken«, die es dringend zu füllen gilt. Künftige KI-Modelle werden ein »echtes« Verständnis von »Welt« haben und mit »Sinnen« ausgestattet sein. Umso mehr möchte man hier positiv vermerken, dass künftige, multimodale Modelle noch bahnbrechendere Beiträge zur »Twin Transition« leisten können als dies aktuell bereits möglich ist. Vorausgesetzt ist der Wille, sie zum Wohle der Natur und somit auch der Menschen einzusetzen. Um den Kollaps zu verhindern, fordert der aus Bangladesch stammende Wissenschaftler und KI-Entwickler Emad Mostaque[4] einen radikal neuen Gesellschaftsvertrag, der universellen Zugang zu Intelligenz garantiert und den Menschen als moralischen Kompass für technologische Optimierung positioniert. Aufbauend auf Mostaques neuen Gesellschaftsvertrag könnten Kulturschaffende mit ihrem moralischen Kompass, mit Kunst, Erfahrung, Vertiefung und Reflexion, wie auch dem Bewusstsein für unser komplexes Beziehungsgefüge, das »world building« mit »mehr Rilke und weniger Einstein« selbstbewusst angehen.


[1] Philosoph Markus Gabriel: KI, Gefühle, Macht. Podcast „Hotel Matze“. 24.09.2025

[2] What art doesan unfinished theory Brian EnoBette Adriaanse (Autor*innen)

[3] hierzu: Ostrom, Elinor:Jenseits von Markt und Staat. Über das Potential gemeinsamen Handelns.“ / Erläuterungen; Analyse – 14179 – Deutsche Erstausgabe (Reclams Universal-Bibliothek).

[4] Mostaque, Emad: “The Last Economy: A Guide to the Age of Intelligent Economics” (English Edition). Hierzu: https://youtu.be/zQThHCB_aec?si=9GnyKZMmnoz1gbQt


Foto: privat

Patrick Schimanski ist Komponist, Regisseur, Klangkünstler, Dramaturg und Performer. Er arbeitet bundesweit und international sowohl in der Freien Szene als auch an Stadt- und Staatstheatern und beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit den Themen Nachhaltigkeit und Digitalität. Aktuell ist er als »Leiter Digitale Prozesse« und des »Forum Nachhaltigkeit« am Stadttheater Gießen. Er ist zudem Klimabeauftragter des Hauses im Zusammenhang mit einer Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes im Projekt »Fonds Zero«.

Die vierte Ebene der Beteiligung. Ein Essay über Demokratie und Sinnlichkeit

15. Oktober 2025

Ich schreibe diesen Text aus einer persönlichen Perspektive. Ich bin in Zwischenwelten zuhause, mit Wurzeln, die sich in verschiedene Richtungen verzweigen, und mit Blicken, die nie nur von einer Seite aus sehen. Aus diesem Dazwischen ist ein Zugang entstanden, der viele Seiten kennt. Aus dieser Erfahrung beschreibe ich die vierte Ebene der Beteiligung.

Uns eint, dass wir – so unterschiedlich wir sind – alle eine Substanz tragen, eine eigene innere Wahrheit. Auch wenn die Sprache manchmal bricht, auch wenn Formen fehlen oder ungewohnt sind: Was wir einbringen, bleibt wirklich. Es ist mehr als Ausdruck; es ist das Gewicht gelebter Verständigung.

Die Stimmen, die wir mit anderen teilen oder austauschen, folgen einem tiefen menschlichen Bedürfnis: uns ausdrücken zu wollen, uns entwickeln und weiterentwickeln zu wollen. Genau darin liegt die Kraft, die Menschen verbindet. Und vielleicht habe ich deshalb Menschen erreicht, die sonst kaum vorkommen – weil wir in diesem Bedürfnis einander erkannt haben. Auch wenn wir unterschiedliche Hintergründe haben und keine homogene Gruppe sind, hat uns dieses Bedürfnis zusammengeführt.

Ich habe viele Jahre in Räumen gearbeitet, die aussahen wie Wohnzimmer: in einem Stadtteilzentrum, dessen Türen offenstanden, wo Kinder Hausaufgaben machten, Mütter Kaffee tranken, Nachbarn auf dem Flur ins Gespräch kamen. Dort habe ich verstanden: Demokratie beginnt nicht im Rathaus, sondern zwischen Küchentisch und Hinterhof. Sie beginnt im Erzählen, im gemeinsamen Tun, im Lachen und im Streit.

Die klassischen Formen demokratischer Beteiligung kenne ich ebenfalls. In meiner Zeit als Regionsabgeordnete habe ich über ein Jahrzehnt Abstimmungen erlebt, Diskussionen geführt, Gremienarbeit gemacht – drei Ebenen, die unser Verständnis von Demokratie lange getragen haben: die Abstimmung, die Diskussion, die strukturierte Verhandlung. Sie sind notwendig, aber sie erreichen nicht alle. Wer sprachlich nicht geübt ist, wer nie gelernt hat, Anträge zu stellen oder sich durch Redelisten zu kämpfen, bleibt draußen. Deutschland ist längst eine postmigrantische Gesellschaft (Foroutan 2019). Vielfalt ist Alltag, aber nicht automatisch Teilhabe. Noch immer leben wir in Blasen – nach Milieu, Herkunft oder Bildung (bpb 2022).

Die Vereinskultur galt einmal als »Schule der Demokratie«. Dort lernten Menschen, Verantwortung zu übernehmen und Mehrheiten zu organisieren (Putnam 2000; van Deth 2014). Aber diese Schule erreicht längst nicht mehr alle. Die Zahlen bestätigen, was ich in der Praxis gesehen habe: Menschen mit Migrationserfahrung oder Jugendliche finden sich dort seltener wieder (ZiviZ 2017; BMFSFJ/DZA 2021; Quade 2024). Demokratie kann sich nicht allein auf diese Strukturen verlassen. Sie braucht neue Räume.

Meine eigene Erfahrung ist dabei nicht die einer Beobachterin von außen. In den Projekten, die ich gestaltet habe, waren es nicht die »üblichen« Teilnehmenden, sondern Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten – mit Brüchen, mit Sprachen, mit Erinnerungen, die in vertrauten Strukturen keinen Platz fanden. Wenn ich heute Linien ziehe und Felder ordne, dann spiegeln sich darin auch diese Spannungen.

Und doch haben wir etwas Gemeinsames erlebt: Viele von uns tragen eine Vertrautheit mit dem Erzählen, mit dem Hören, mit Rhythmen und Bildern, die in Familien, Nachbarschaften und alltäglichen Situationen weitergegeben wurden. Für manche von uns ist dies der erste Zugang, beinahe selbstverständlich. Für andere, deren Sozialisation stärker im Bildungsbürgertum liegt, ist es nicht der bevorzugte Weg – und doch können auch sie ihn finden, wenn er geteilt wird.

Dieser Zugang bedeutet nicht, dass andere ausgeschlossen würden. Auch die Menschen, die schon in Vereinen oder Institutionen teilhaben, lassen sich so erreichen. Aber der Weg führt nicht zuerst zu den tradierten Strukturen, sondern zunächst zu den Menschen selbst: zu ihren Stimmen, ihren Geschichten, ihren Gesten. Und es ist wichtig, dass Stimmen wie diese, wenn sie erklingen, auch wirklich gehört werden. Zu oft weicht das Gespräch dann wieder auf abstrakte Beteiligungsverfahren aus – als ginge es darum, noch einmal alle zu fragen, obwohl jemand bereits spricht und Erfahrung mitbringt. Wir sind vielleicht weniger präsent in der Öffentlichkeit, unsere Projekte haben nicht denselben institutionellen Klang. Doch wir sind viele – mehr als ein Drittel der Gesellschaft. Wir bleiben unterrepräsentiert, nicht weil wir fehlen, sondern weil die Wege zu uns selten gesucht werden.

Unsere Prägung ist eine andere. Viele von uns sind in Elternhäusern aufgewachsen, in denen das Bildungsbürgertum fern war, in denen Schrift nicht selbstverständlich war. Wir haben gelernt, indem wir mitliefen, zuhörten, nachahmten indem wir handelten, während uns etwas erklärt wurde. Unsere Ordnung ist keine Ordnung der Linearität, sondern der Gleichzeitigkeit: Stimmen, Bilder, Gesten, Geräusche, die nebeneinanderstehen wie Fäden in einem Gewebe. Wir lernen nicht nur im Kopf, sondern im Körper, im Rhythmus, im Klang, im Blick. Was anderen wie Unruhe erscheint, ist für uns vertraut. Es ist eine Ordnung der Sinne – visuell, haptisch, oral – und sie trägt eine eigene Wahrheit. Gerade darin liegt eine andere Form der Demokratie: eine, die nicht erst Papier braucht, um zu tragen, sondern schon Stimme und Körper trägt (vgl. Ong 1982; Zumthor 1990).

Hier öffnet sich die vierte Ebene der Beteiligung. Sie ergänzt die bisherigen Formen um Resonanzräume, die auf Alltag, Biografie und Sinnlichkeit beruhen – Orte, in denen Demokratie nicht durch Verhandlung entsteht, sondern durch Erzählen, Zuhören und gemeinsames Erleben.

Solche Orte sind nicht zufällig. In der internationalen Diskussion heißen sie »Dritte Orte« (Oldenburg 1999) – Cafés, Friseurläden, Treffpunkte jenseits von Arbeit und Zuhause. In Deutschland nehmen Bibliotheken, Volkshochschulen und Stadtteilkultureinrichtungen diese Rolle zunehmend ein (Keim 2018). Aber: Ein offenes Wohnzimmer allein genügt nicht. Räume füllen sich zwar mit Angeboten, mit Kursen, mit Veranstaltungen – doch Resonanz wächst daraus nicht von selbst. Oft bleibt die Begegnung unbegleitet: Menschen teilen den Raum, aber nicht das Gespräch. Sie sind nah und doch noch schüchtern, jede und jeder in einer eigenen Blase. Damit aus bloßer Anwesenheit wirkliche Teilhabe wird, braucht es ein Medium, das Fremdheit trägt – ein gemeinsames Erzählen, ein Ritual, ein künstlerisches Verfahren. Erst dort, wo solche Brücken entstehen, verwandelt sich ein Raum in einen Resonanzraum der Demokratie.

Ich erinnere mich an eine Küche in einem Nachbarschaftshaus: fremde Gewürze, vertraute Gesten, dampfende Töpfe. Zwischen Kochen und Lachen entstanden Geschichten, die sonst nie erzählt worden wären. Niemand nannte es »Beteiligung« – und doch war es genau das: Teilhabe im Tun.

Ich erinnere mich an Kreise, an Story-Circles, in denen jede Stimme gleich viel Zeit bekam. Am Anfang war es ungewohnt, später fast magisch: das Gewicht des Zuhörens, das Vertrauen, dass auch die eigene Geschichte Platz haben würde. Demokratie wurde dort nicht erklärt, sondern geteilt (Müller 2018).

Und ich erinnere mich an Bühnen: Jugendliche, die zum ersten Mal laut vor Publikum sprachen; Frauen, die Szenen aus ihrem Leben spielten, verkörpert, nicht erzählt. Demokratie war hier spürbar – im Herzklopfen, im Applaus, in der Erfahrung, Teil eines größeren Geschehens zu sein.

Schon die Griechen kannten dieses Gefühl. Der Chor war die Stimme der Polis: kein einzelner Sänger, sondern viele Stimmen, die miteinander eine Gemeinschaft hörbar machten (Fischer-Lichte 2004; Butler 2015). Wenn ich selbst in Chören stand, sei es in Theaterprojekten oder improvisierten Gesangsrunden, habe ich verstanden, wie Demokratie klingen kann: nie einstimmig, nie perfekt, aber getragen von Gleichzeitigkeit.

Solche Erfahrungen öffnen Räume der Differenz. Ein fremder Tanzschritt, ein irritierendes Bild, eine ungewohnte Geste – sie schaffen Distanz. Doch gerade diese Distanz ist wertvoll. Sie lehrt uns, dass Demokratie nicht bedeutet, Unterschiede zu glätten, sondern sie auszuhalten, zu verhandeln und produktiv zu wenden (Reinwand-Weiss 2021; Welsch 1996).

Und noch etwas zeigt sich: Verständigung geschieht nie unmittelbar. Was ich sage, ist nicht identisch mit dem, was andere hören. Sprache, Gesten, Bilder – sie alle sind Medien, die Sinn erzeugen und verändern (Habermas 1981; Bourdieu 1991). Beim Schauspiel zeigt sich das deutlich: Die Form selbst ist Teil der Botschaft. Solche Erfahrungen lehren Medienkompetenz nicht durch Belehrung, sondern durch Erleben.

Und schließlich ist da die Musik. Wenn viele zugleich klatschen oder singen, wenn sich Körper im gleichen Rhythmus bewegen, entsteht eine gemeinsame Zeit – ein geteiltes Jetzt. Das ist Resonanz – eine Erfahrung, die tiefer geht als Worte (Turino 2008; Rosa 2016). Augusto Boal hat gezeigt, wie daraus politische Kraft erwächst: Sein »Theater der Unterdrückten« machte Machtverhältnisse sichtbar und eröffnete Handlungsmöglichkeiten (Boal 1979).

All dies verweist auf eine kulturgeschichtliche Bewegung: Mal galten die Sinne als Schatten, mal als Tor. Ich glaube nicht an das Gegeneinander. Es ist gut, mit den Sinnen zu schauen – und ebenso, jenseits der Sinne zu schauen. Erst in dieser Verschränkung von Nähe und Distanz, von Haut und Gedanke, von Atem und Begriff wird erfahrbar, was Demokratie bedeuten kann.

Seit ich die Stadt nicht mehr nur aus einem einzelnen Haus heraus sehe, sondern mit einem Blick, der sich geweitet hat, erkenne ich neue Linien. Es ist, als öffnete sich der Horizont, als lägen die Bewegungen in größerer Tiefe vor mir. Ich sehe Stimmen und Hände, Menschen, die handeln, die etwas in Bewegung setzen. Und ich spüre Dankbarkeit: Wie stark die Sehnsucht nach Demokratie ist, wie viel Wunsch nach Teilhabe sich zeigt.

Doch im Geflecht zeigen sich auch Lücken. Da sind die offenen Türen, die Räume der Kreativität. Menschen malen, musizieren, spielen. Hier ist der Zugang leicht, das Ankommen selbstverständlich. Aber die Stimme, das Erzählen, die orale Kultur bleiben leise, fast im Hintergrund. Resonanz flackert auf, doch sie bleibt oft Moment, kein tragender Rhythmus.

Da sind die Abende des Dialogs: Kochrunden, Sprachcafés, Foren. Sie lassen Menschen einander begegnen – Kulturen, Religionen, Lebensweisen. Differenz wird hier spürbar, manchmal kraftvoll. Doch der Dialog wird oft geglättet, damit er nicht weh tut. Ambiguität bleibt nur kurz im Raum, bevor sie gezähmt wird. Resonanz klingt an, aber nicht immer durch.

Da sind die Projekte für bestimmte Gruppen: Kinder, Jugendliche, Migrantinnen, Seniorinnen. Sie sind klar organisiert, verlässlich, fast pädagogisch in ihrer Struktur. Sie leisten Wichtiges – und doch bleibt das Erzählen funktional, Resonanz ein Nebenprodukt.

Und da sind die Demokratieprogramme: Planspiele, Simulationen, Parlamente. Sie lehren Verfahren, sie trainieren Strukturen. Aber sie berühren den Körper nicht. Demokratie wird dort gelernt wie ein Verfahren, nicht erfahren wie ein Klang.

Und schließlich die Häuser selbst: Bibliotheken, Kulturzentren, Stadtteilorte – stabil, verlässlich, großzügig gedacht. Oft aber bleibt die Begegnung noch leise, der Funke springt nicht immer über. Damit aus Verlässlichkeit auch Lebendigkeit wird, braucht es die Wärme der Stimme, die Tiefe der Resonanz und den Mut zur Mehrdeutigkeit.

All dies zeigt kein Scheitern, sondern eine Fülle, die noch kein Band hat. Wir haben Inseln der Resonanz, wir haben Momente von Stimme und Begegnung. Aber sie sind nicht verbunden. Die Aufgabe liegt darin, diese Inseln zu einer Kette zu fügen – die offenen Türen, den Dialog, die Gruppen, die Demokratieformate und die Räume selbst nicht nur nebeneinander stehen zu lassen, sondern sie mit einer Linie zu verweben.

Eine solche Programmatik würde die Vielfalt nicht glätten, sondern ihr Halt geben. Sie könnte dafür sorgen, dass das Erzählen nicht zufällig bleibt, dass Resonanz nicht verglüht, dass Ambiguität nicht sofort gezähmt wird. Sie würde die Lebendigkeit bewahren und zugleich den Faden spannen, der aus vielen einzelnen Projekten eine Erzählung macht: die Erzählung einer Demokratie, die sinnlich, resonant und gemeinsam erfahren wird.

Systematik heißt nicht, alles gleichzumachen. Sie entsteht dort, wo Räume wiedererkennbar werden – wie Routinen, die tragen: ein Kreis, der sich wiederholt, ein Ritual, das verbindet, ein Jahresthema, das durch viele Häuser wandert und sie füreinander öffnet. Bibliotheken, Stadtteilkultur, Schulen, Freizeitorte – sie alle könnten durch solche Rahmen in Resonanz treten. Nicht als starres Netz, sondern als Rhythmus, der die Vielfalt verdichtet und ihre Kraft verstärkt.

Sinnlichkeit ist also kein Beiwerk. Sie ist Bedingung. Sie verankert Teilhabe emotional, macht Vielfalt erfahrbar und schult die Fähigkeit zur Vermittlung. Sie schafft Resonanz, Differenzfähigkeit und Medienkompetenz zugleich – drei Dimensionen, ohne die Demokratie heute nicht tragen kann.

Hilmar Hoffmann hat mit »Kultur für alle« in den 1970er-Jahren den entscheidenden Schritt gemacht: Kulturinstitutionen sollten geöffnet werden – Museen ebenso wie Theater, aber auch Volkshochschulen, Bibliotheken, freie Gruppen und Stadtteilzentren. Kultur sollte kein Privileg bleiben, sondern Teil des Alltags für alle.

Doch Öffnung allein reicht heute nicht mehr. Räume zur Verfügung zu stellen, ist wichtig – aber Demokratie entsteht erst, wenn in diesen Räumen Resonanzangebote gemacht werden: Erzählkreise, biografisches Arbeiten, künstlerische Verfahren, gemeinsame Rhythmen. Das Sinnliche ist dabei nicht Beiwerk, sondern Programm.

Das unterscheidet die vierte Ebene auch von der Popkultur. Popkultur lebt von Intensität und Selbstinszenierung (Hebdige 1979; Schulze 1992). Sie stiftet starke Momente, bleibt aber auf das »Ich« zentriert.

Soziologisch wird Popkultur zudem eng mit dem Aufstieg des Individualismus verbunden. Gerhard Schulze (1992) beschreibt in seiner »Erlebnisgesellschaft«, wie ästhetische Vorlieben und Lebensstile zunehmend auf Selbstverwirklichung und individuelle Distinktion ausgerichtet sind. Andreas Reckwitz (2017) spricht von einer »Gesellschaft der Singularitäten«, in der kulturelle Ausdrucksformen dazu dienen, die eigene Einzigartigkeit sichtbar zu machen. Dieser Fokus auf das Individuelle ist produktiv, erzeugt aber zugleich eine Logik des Rückzugs: ein »Lazismus« im Sinne von Konsumhaltung und Vereinzelung, der gemeinschaftliche Resonanzräume schwächt.

Die vierte Ebene dagegen ist halbstrukturiert, gemeinschaftlich und auf das »Wir« gerichtet: Persönliche Erzählungen sind Einstieg, aber sie führen in kollektive Resonanzräume und eröffnen politische Gestaltungsräume.

Volkshochschulen, Bibliotheken, Stadtteilzentren – sie alle dürfen nicht nur Orte sein, an denen Begegnung »auch« stattfinden kann. Sie müssen so ausgestattet sein, dass Resonanz- und Differenzerfahrungen ausdrücklich Teil ihres Auftrags sind: halbstrukturiert, offen, aber verlässlich. Demokratie entsteht nicht nur durch geöffnete Türen, sondern durch Formate, in denen Menschen ihre Stimme erfahren, Unterschiede wahrnehmen und Atmosphären teilen.

Und genau das muss auch im Monitoring sichtbar werden. Es genügt nicht, zu zählen, wie viele Stühle besetzt sind. Erfasst werden muss, wer wirklich teilhat: Wer hat zum ersten Mal erzählt? Wer hat Resonanz gespürt? Wo sind Differenzerfahrungen produktiv geworden? Monitoring wird so zum politischen Instrument: Es zeigt, ob Volkshochschulen, Bibliotheken oder Stadtteilzentren nicht nur geöffnet, sondern transformiert werden – hin zu Orten, an denen Demokratie leiblich erfahrbar wird.

Monitoring braucht dafür neue Leitlinien: Es muss Resonanz sichtbar machen, Differenz anerkennen, Vielfalt der Methoden nutzen und als Lernprozess verstanden werden – nicht als Kontrolle. Erst dann wird die vierte Ebene tragfähig.

Und so schließt sich für mich der Kreis. Ich habe zehn Jahre als Abgeordnete erlebt, wie Demokratie auf den ersten drei Ebenen funktioniert: in Abstimmungen, in Diskussionen, in Gremien. Alle drei sind unverzichtbar, denn in ihnen zeigt sich das Herzstück der repräsentativen Demokratie: Entscheidungen werden legitim, weil sie im Namen vieler getroffen werden.

Aber ich habe ebenso gesehen, dass das nicht reicht. Denn diese Räume sind zwar besetzt, doch nur von einem Bruchteil der Gesellschaft. Die Menschen, die dort sprechen und entscheiden, repräsentieren oft nicht die Vielfalt, die unsere Städte und Regionen prägt. Viele, die längst Teil unserer Gesellschaft sind, erscheinen dort gar nicht – weil sie auf diesen Wegen nicht erreicht werden. So bleibt die Demokratie formal legitim, doch sie verliert an Tiefe, weil ihre Repräsentation die gesellschaftliche Realität nicht widerspiegelt.

Genau hier wird die vierte Ebene der Beteiligung systemrelevant. In Küchen, Kreisen, auf Bühnen und in Chören haben wir erlebt, wie Menschen erreicht werden, die in den klassischen Strukturen unterrepräsentiert bleiben. Dort entstehen Differenzerfahrungen und Zugehörigkeit. Und dort wächst das Fundament, das auch die repräsentative Demokratie braucht, um Zukunft zu haben.

Dass wir auf diese Weise sprechen, heißt nicht, dass andere Stimmen verstummen müssten. Aber es bedeutet, dass auch jene Erfahrungen Platz haben, die bislang unscheinbar blieben. Wir sind viele – und gerade in dieser leisen, geteilten Praxis liegt eine Kraft, die Demokratie erneuern kann.

Die Zukunft der Demokratie liegt nicht in der Abschaffung der alten Formen, sondern in ihrer Ergänzung. Sie braucht alle vier Ebenen – und die vierte vor allem, weil wir hier Brücken schlagen, wo andere Wege ins Leere laufen. Demokratie ist mehr als ein Verfahren. Sie ist eine gemeinsame Erfahrung. Und sie trägt nur dann, wenn wir sie auch sinnlich teilen.


Literatur

• Boal, Augusto (1979): Theatre of the Oppressed. London: Pluto Press.

• Bourdieu, Pierre (1991): Language and Symbolic Power. Cambridge: Polity Press.

• Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) / Deutsches Zentrum für Altersfragen (DZA) (2021): Engagementbericht 2020. Berlin.

• Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) (2022): Gesellschaftliche Milieus in Deutschland. Bonn.

• Butler, Judith (2015): Notes Toward a Performative Theory of Assembly. Harvard: Harvard University Press.

• Fischer-Lichte, Erika (2004): Ästhetik des Performativen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

• Foroutan, Naika (2019): Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie. Bielefeld: transcript.

• Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bände. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

• Hebdige, Dick (1979): Subculture: The Meaning of Style. London: Routledge.

• Keim, Wolfgang (2018): Dritter Ort. Bibliotheken im Wandel. In: Büchereiperspektiven, 40(2).

• Müller, Hans-Ulrich (2018): Storytelling und Demokratie. Narrative als soziale Praxis. Wiesbaden: Springer VS.

• Oldenburg, Ray (1999): The Great Good Place. New York: Marlowe & Company.

• Ong, Walter J. (1982): Orality and Literacy. The Technologizing of the Word. London: Methuen.

• Putnam, Robert D. (2000): Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community. New York: Simon & Schuster.

• Quade, Sarah (2024): Engagement und Teilhabe in postmigrantischen Gesellschaften. Berlin: De Gruyter.

• Reinwand-Weiss, Eva (2021): Kulturelle Bildung und Differenzerfahrung. München: kopaed.

• Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp.

• Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.

• Schulze, Gerhard (1992): Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt a. M.: Campus.

• Seel, Martin (2003): Ästhetik des Erscheinens. München: Hanser.

• Turino, Thomas (2008): Music as Social Life: The Politics of Participation. Chicago: University of Chicago Press.

• van Deth, Jan W. (2014): Politische Partizipation. In: Kaina, Viktoria / Römmele, Andrea (Hg.): Politikwissenschaft als Beruf. Baden-Baden: Nomos.

• Welsch, Wolfgang (1996): Grenzgänge der Ästhetik. Stuttgart: Reclam.

• Zumthor, Paul (1990): La lettre et la voix. De la »littérature« médiévale. Paris: Seuil.

• ZiviZ im Stifterverband (2017): Zivilgesellschaft in Zahlen. Engagementlandschaft in Deutschland. Berlin.


Parisa Hussein-Nejad

Foto: privat

Parisa Hussein-Nejad arbeitet im Dezernat für Bildung und Kultur der Stadt Hannover, wo sie die Projektleitung für das Haus der Demokratie verantwortet – ein dezernatsübergreifendes Vorhaben, das Bibliotheken, Volkshochschulen, Erinnerungskultur, das Kulturbüro, Stadtteilkultur und Bildungsarbeit miteinander verbindet.

Zuvor gründete Parisa Hussein-Nejad 2010 das Label Culture Codes, tourte niedersachsenweit mit dem Tanztheaterstück How I Met my neighbour- on Stage.  2014 übernahm die Geschäftsführung des Vereins IKJA e.V. ( Interkutureller Kultureller Jugendaustausch) bis 2018 und leitete anschließend 7 Jahre das interdisziplinäre Stadtteilzentrum KroKuS in Hannover. Projekte wie das Get2gether Jugendtheater, Generation Transkulturell, WIR2.0 – Prozess oder das Fluid2.0 – Festival prägten ihren Weg und bilden bis heute den Resonanzboden für ihre Texte.

Der vorliegende Essay öffnet einen weiteren Blick: Er verbindet persönliche Beobachtungen und Erfahrungen aus vielen Jahren kultureller Praxis mit einer Reflexion über Demokratie. Dabei entsteht kein fertiges Modell, sondern ein tastendes Nachdenken, das Sinnlichkeit, Resonanz und Systematik als Leitfäden nutzt – um Demokratie als lebendige, gemeinsame Erfahrung sichtbar zu machen.

Digitalität und Nachhaltigkeit in allen Dimensionen denken

8. April 2025

Wir blicken oft eindimensional auf Nachhaltigkeit, in Deutschland meinen wir meist ökologische Nachhaltigkeit, wenn wir davon sprechen (anders als z.B. in der Schweiz, wo es viel um soziale Nachhaltigkeit geht). Dabei ist es hilfreich, Nachhaltigkeit in ihren drei Dimensionen zu verstehen – ökologisch, sozial und ökonomisch. Gerade beim Blick auf Digitalisierung. Eine digitale Nachhaltigkeit muss ebenso sozial wie ökologisch und ökonomisch gestaltet werden, wie eine nachhaltige Digitalisierung.

Gerne stellen wir uns vor, wie Digitalisierung unsere Probleme löst, etwa bei Fragen der Nachhaltigkeit. Wir ersetzen vor Ort Meetings durch remote Meetings und setzen generative K.I. statt Fotograf*innen ein. Das ist – wenn überhaupt – nur ökologisch nachhaltig.

Nehmen wir das Beispiel generative künstliche Intelligenz. Viele nutzen inzwischen ausführlich generative K.I., vor allem im Text-Modus als Companion, um eigenes Wissen zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Den meisten ist dabei wohl bewusst, dass der Energieverbrauch von K.I.-Anwendungen wie ChatGPT hoch ist, ebenso wie der Wasserverbrauch. Dem Energieverbrauch kann dabei schnell begegnet werden, indem die K.I. lokal läuft und damit der Energieverbrauch selbst bestimmt und damit hoffentlich in der Kulturorganisation sowie dem Zuhause mit 100% erneuerbarer Energie erbracht wird. Es bleibt natürlich noch der Energieverbrauch für das Training des LLMs (large language models), ganz CO₂-frei ist K.I. also nicht zu haben, aber immerhin.

Das wäre der Blick auf die ökologische Dimension, wie sieht es bei der sozialen Dimension aus? Selbst wenn wir die Fragen nach Urheberrecht und Entlohnung von Künstler*innen beim Training von LLMs erstmal ausklammern, bleiben Fragen sozialer Gerechtigkeit und der Bezahlung, wenn z.B. generative K.I. zunehmend Fotograf*innen und andere Künstler*innen ersetzt. So wird es also zunehmend wichtig, diese Fragen gemeinsam zu verhandeln und mit zu betrachten, welche negativen Effekte wir erzeugen, selbst wenn wie in diesem Beispiel auch positive Klimaeffekte erzeugt werden, weil wir keine energie- und mobilitätsaufwändige Fotoproduktion haben.

Ein anderes Beispiel sind remote-Teamtreffen vs. Präsenz-Treffen. Sehr schnell sehen wir hier die großen CO₂-Einsparpotentiale im remote-Meeting. Das trifft auch zu, jedoch bei weitem nicht in dem Maße, wie wir uns das vorstellen. Als  Institut für Zukunftskultur haben wir ein Beispiel durchgerechnet, nehmen 6 Personen an, die sich in städtischer Umgebung treffen oder eben auf zoom. Im Oktober, also an einem Ort heizen oder 6x zuhause, natürlich gehen die Personen auf Toilette, zuhause oder im Büro, trinken Kaffee, zuhause oder im Büro usw. Am Ende kommen wir auf einen Gesamtverbrauch bei einem remote-Treffen von 3,63 kg CO₂E gegenüber 8,42 kg CO₂E für ein vor Ort Treffen. Für ein remote-Treffen braucht ein Baum 2,78 Monate zur Kompensation, für das vor Ort Treffen 6,47 Monate. Das ist durchaus ein Unterschied, aber vermutlich deutlich geringer als die eigene Einschätzung bisher zum Thema, so bisherige Rückmeldungen zu dieser kleinen Beispielrechnung. Wir unterschätzen strukturell den Faktor Mensch, also das wir auch in remote-Situationen diverse Bedürfnisse decken müssen, in ökologischen Digitalisierungsfragen, wäre hier meine Ausgangsthese.
Zudem haben wir so nur bei der ökologischen Nachhaltigkeit gewonnen, während soziale Nachhaltigkeit im Beispiel zurück steht. Ganz klar ist, wir müssen uns in ökologischer Nachhaltigkeit massiv verbessern und können nicht die eine Dimension gegen die andere ausspielen. Natürlich müssen wir unserem ökologischen Fußabdruck massiv reduzieren, müssen unseren CO₂-Verbrauch massiv kürzen, weniger Frischwasser verbrauchen, uns für Biodiversität einsetzen und noch vieles mehr. Dafür brauchen wir aber erstmal einen realistischen Blick, wo wir tatsächlich relevante Sprünge machen und wo wir nur vermeintlich zu geringerem Verbrauch beitragen, während wir zentrale Praktiken im Kulturbetrieb aufgeben und damit an der Qualität von Kunst und Kultur schrauben.
Klimabilanzen sind dafür sicherlich ein hilfreiches Mittel, aber vor allem brauchen wir sinnvolle Gegenüberstellungen und Vergleichswerte, um bessere Entscheidungen treffen zu können. Dafür sollten wir viel mehr good practices sammeln und austauschen, um nicht vielfach die gleichen Erfahrungen immer wieder neu zu machen. Überblicksportale wie dieser Blog, aber z.B. auch tatenbank.org können uns dabei helfen, diesen Austausch herzustellen.

Während wir CO₂ und CO₂-Äquivalente (CO₂E) sehr genau bemessen können, fehlt es uns an guten und allgemeingültigen Instrumenten, die dies für soziale Nachhaltigkeit zu tun. Das macht es schwierig, gute Entscheidungen zu treffen, die zwischen den beiden Dimensionen adäquat abwägen können. Erste Projekte wie Leaving Handprints entstehen gerade, die sich dem Thema in der Kultur widmen, hier vor allem auf Festivals. Wir brauchen noch viel mehr davon, vor allem in allen Kulturspalten, um zukünftig nicht nur aktiver gestalten zu können, sondern auch auf erwartbare Abwehrkämpfe in zunehmend rechtskonservativer bis rechtsextremer Regierungen reagieren zu können.

Noch komplexer wird die Bewertung von sozialer Nachhaltigkeit digitaler Angebote und der Digitalisierung kultureller Angebote. Weitestgehend bekannt sind die Biases verschiedenster K.I.-Angebote, beispielsweise bei der Repräsentation marginalisierter Gruppen in z.B. generativer text-to-picture K.I.

Gerade wird durch erste Studien immer klarer, wie verschiedenste K.I. Companions die Ideologie der Tech-Konzerne auch in den Ergebnissen fortgeführt wird. Auch hier sollte die Schlussfolgerung nicht sein, die generelle Nutzung zu vermeiden, sondern zu Mitgestaltenden zu werden statt einfacher Nutzer*innen. Dazu brauchen wir noch viel mehr Kunst- und Kulturprojekte im und mit dem digitalen Raum und K.I., um die komplexen Zusammenhänge zu verstehen und uns so zu potenziellen Mitgestalter*innen zu ermächtigen.

“The ethical approach to addressing environmental challenges in ‘marginalized’ communities requires the collaborative and inclusive application of AI technologies.”

Nachhaltige Digitalisierung und digitale Nachhaltigkeit sollten in diesem Sinne open source, open government und selbstgestaltet sowie ressourcenschonend und klimagerecht sein. Gerade hier kommt auch die ökonomische Dimension der Nachhaltigkeit stark zum Tragen, in der Art wie wir Software-Entwicklung fördern, in der Art wie wir Ausschreibungen gestalten, in der Art wie wir technische Infrastruktur aufbauen und welche Abhängigkeiten wir damit schaffen vs. welche Abhängigkeiten wir damit abschaffen. Dies ist nur ein kleines Beispiel der ökonomischen Dimension, diese sollte ebenso wie die soziale in unsere Überlegungen konsequent einbezogen werden.

Von diesen Idealen sind wir in der Breite meilenweit entfernt, aber jedes dieser Ziele ist möglich, wir müssen sie vor allem selbst leben und permanent auch einfordern, damit die Doppel-Transformation in Nachhaltigkeit und Digitalität sozial-ökologisch gelingen kann.


Foto: Christian Jungeblodt

Daniel Seitz ist Nachhaltigkeitsmanager, berät Organisationen aus Kultur, Bildung und Medien und setzt sich für Klimagerechtigkeit ein. Er leitet das Institut für Zukunftskultur und unterstützt dort Organisationen in ihren Nachhaltigkeitsbemühungen und setzt strategisches Nachhaltigkeitsmanagement mit ihnen um. Zudem bietet er mit dem Institut für Zukunftskultur regelmäßige Zertifikatskurse zur Nachhaltigkeitsmanager:in Kultur, Bildung und Medien an. Mit klimagerechtigkeit.net setzt er Projekte der politischen Bildung um.

Veranstaltungshinweis: Aktuell laufen Lunch-Sessions zur Einführung von Nachhaltigkeit, AI und Digitalisierung, organisiert vom Institut für Zukunftskultur. Infos und die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es hier.

Lernen von TikTok

18. November 2024

Was Kulturhäuser auf Social Media gewinnen können

Was tun, wenn man das Gute retten will, und plötzlich ein Böser zur Hilfe eilt? In dieser seltsamen Lage befindet sich im Moment die Buchbranche. Seit vielen Jahren wird geklagt über die negativen Folgen der Digitalisierung – die Jugend kaufe keine Bücher mehr, lese kaum noch, könne sich nicht länger als fünf Sekunden konzentrieren. Und dann gibt es plötzlich eine sehr populäre digitale Plattform, auf der das Lesen von gedruckten Büchern euphorisch gefeiert wird. Menschen unter dreißig filmen sich mit zerlesenen Ausgaben von ihren Lieblingsromanen, berichten von ihren Lektüreerlebnissen, posieren vor liebevoll sortierten Bücherregalen. Unter dem Hashtag #booktok hat sich auf dieser Plattform die größte Lese-Community gebildet, die es jemals gab. Dass es sich bei dieser Plattform um TikTok handelt, erscheint wie eine böse Pointe – ausgerechnet eine chinesische App, von intransparenten Interessen angetrieben und eigentlich eher bekannt für leichten Content, hat eine Renaissance des Lesens sichtbar gemacht und teilweise ausgelöst.

Konnte man zu Anfang #booktok noch als Code für leichte Teenager-Romane betrachten, verbindet der Hashtag inzwischen viele Arten von Literatur miteinander. Das Franz-Kafka-Jahr 2024 wurde nicht zuletzt auf TikTok gefeiert. Die User*innen fanden bei Kafka Sätze, Bilder und Motive, zu denen sie sich dann selbst in Beziehung setzten. Ob aus Werk oder Leben war dabei zweitrangig, eine Briefstelle konnte genauso so zum Stoff werden wie ein Foto, eine Romanpassage oder eine allgemeine Vorstellung der Figur.

Längst hat sich diese von TikTok geprägte Kultur auf andere Plattformen ausgeweitet. Auf Instagram wurde der Kölner Antiquar Klaus Willbrand seit Ostern dieses Jahres zum Influencer, er ist 83 Jahre alt. In sympathisch spröden Clips gibt er Einblicke in die Literaturgeschichte, und erzählt von seinem Leben als Antiquar – derzeit mit 140 00 Followern. Verlage und Buchläden haben auf die Entwicklung reagiert. In vielen Filialen gibt es ganze Regale und Tische zum Stichwort #booktok.

In der restlichen Kulturwelt werden solche Phänomene meist skeptisch registriert. Kaum ein Museum oder Theater kann eine nennenswerte Reichweite oder eine lebendige Community vorweisen. Einen Klaus Willbrand der Kunstwelt gibt es nicht, egal ob auf TikTok oder anderswo. In der Regel werden die Plattformen genutzt, um Ausstellungen und Premieren anzukündigen, die Texte und Fotos erinnern noch immer an Pressemitteilungen. Von einem großen deutschen Opernhaus erfährt man, dass es 500 Menschen fest angestellt hat – eine halbe Stelle ist für Social Media vorgesehen.

Dahinter stecken nicht nur die berühmten »knappen finanziellen Ressourcen«. Auch wenn mittlerweile etwa Instagram eine wichtige Plattform für den Kunstbetrieb geworden ist, gehört es in großen Teilen der Kulturwelt immer noch zum guten Ton, sich abfällig über digitale Kommunikation zu äußern. Etablierte Kulturakteure sind normalerweise weit älter als dreißig, sie verbringen ihre Zeit nicht auf TikTok, haben sogar in vielen Fällen noch keinen persönlichen Kontakt mit dieser oder anderen Social-Media-Plattformen gehabt.

Während etablierte Kurator*innen, Dramaturg*innen und Direktor*innen dieses Mindset stoisch aufrechterhalten, erschließt sich eine neue Generation künstlerische Inhalte über TikTok, Instagram und YouTube und geht deswegen vielleicht seltener ins Museum oder ins Theater. Der Schaden, den die digitale Ignoranz vieler Häuser verursacht, hat auch eine politische Dimension: Kulturinstitutionen werden zur Zielscheibe von heftigen identitätspolitisch getriebenen Online-Debatten oder gar Shitstorms, und zeigen sich hilflos, seit dem 7. Oktober 2023 hat sich die Lage noch zugespitzt. In der Politik nehmen etablierte Parteien die digitalen Medien nicht ernst genug, derweil erzielt die AfD dort große Reichweiten.

Im Jahr 1962 stellte Jürgen Habermas in einer großen Untersuchung den »Strukturwandel der Öffentlichkeit« dar: Er beschrieb die Entstehung der heute schon teilweise historisch gewordenen »bürgerlichen Öffentlichkeit«, ihrer Massenmedien und der damit verbundenen Verkehrsformen [1]. Heute erleben wir erneut einen Strukturwandel: die Digitalisierung. Sie greift viel umfassender in unser Leben ein, als es den meisten bewusst ist; ihre besonderen neuen Bedingungen zu verkennen, kann für Kulturakteur*innen und öffentliche Institutionen gefährlich werden. Nicht Verächter des digitalen Gesprächs, sondern kompetent Teilnehmender zu sein, erscheint als Ziel für die Kulturinstitutionen unabdingbar.

Eine mangelnde Vertrautheit mit digitalen Medien ist dabei gar nicht das Problem. Auch im Kulturmilieu trifft man sich in WhatsApp- oder Signal-Gruppen und postet seine Gedanken und Eindrücke auf Instagram oder Facebook. Was die meisten daran hindert, ihre Inhalte mit Online-Communitys zu verbinden, ist eher eine Reihe von negativen Annahmen über das Digitale. In Ihnen verfestigt sich das Bild einer trivial gesagt »bösen« Welt, mit der man nur den allernötigsten Kontakt pflegen sollte. Drei besonders stark verbreitete Annahmen sollen hier angesprochen werden.

Erstens: Das Digitale ist eine Erweiterung des Bestehenden.

Die Idee, die Digitalisierung sei zur früheren Medienwelt quasi hinzugekommen, ist noch immer sehr verbreitet – gerade in der Kultur, wo die Institutionen so alt und traditionsreich sind. Doch spätestens mit den großen Social-Media-Plattformen, die sich um 2010 etabliert haben, hat sich aber der Umgang mit Medien und die Selbstverortung des Einzelnen im digitalen Raum grundlegend geändert. Als User*in ist der heutige Nutzende nicht mehr länger Konsument eines vorgefertigten Angebots, sondern immer auch Co-Produzent. Jede Reaktion verändert den Status und den Verknüpfungsgrad eines Postings – vom bloßen Anklicken über den Like bis zum Kommentar oder Repost.

Mediennutzer*innen sind keine passiven Rezipienten, sondern sie verändern mit ihren Interaktionen immer auch den Inhalt selbst – wie jemand der einen Raum voller Menschen betritt, und dort allein durch seine Anwesenheit Unterschiede produziert. Die Veränderung ist so grundlegend, dass sie das gesamte Weltverhältnis der Nutzenden betrifft und damit, weil wir alle Nutzende sind, die Gesellschaft als Ganzes. Hinzu kommt, dass die metrische Logik des Digitalen schon in der anlogen Welt existierte, und sich jetzt noch fundamentaler verbreitet hat. Metrische Logik heißt: Wir erfassen die Welt über Zahlen und Zahlenverhältnisse, nicht nur an Wahlabenden, auf dem Fußballplatz und beim Einkaufen. Weil uns an vielen Stellen, auch im Digitalen, die qualitative Maßstäbe zunehmend unklar sind, orientieren wir uns stattdessen an Reichweiten und anderen quantitativen Zuschreibungen. Ein Account mit vielen Followern kommt uns interessanter vor als einer mit wenigen. Und ohne dass wir es immer bemerken, verknüpfen wir qualitative Urteile damit. Das Digitale als Erweiterung zu betrachten, verkennt also die tiefgreifende Veränderung unserer Welt. Sie macht vor nichts Halt. Markus Müller spricht in seinem Nachruf auf den legendären Kurator und Museumsdirektor Kasper König vom »Ende der Zeitenwende von der analogen zur digitalen Welterfahrung«[2].

Zweitens: Das Digitale befördert Filterblasen und damit Abschottung.

Die Filterblasen-These gehört zu den liebsten Allgemeinplätzen intelligenter Menschen über die Social-Media-Plattformen. Sie beruht auf dem Gedanken, dass man früher plurale Medien hatte, in denen unterschiedliche Standpunkte diskutiert wurden, während sich heute Menschen in Filterblasen treffen, in denen alle die gleiche Meinung haben. In Wahrheit ist die digitale Kommunikation in vieler Hinsicht komplexer als der Austausch in der alten Medienwelt. Das Community-Building produziert feste und fluide Gemeinschaften, die man als Filterblasen bezeichnen kann, wenn man möchte – diese sind aber bei weitem nicht so homogen, wie man vielleicht annimmt. Das hängt mit der komplexen Struktur der Gesellschaft selbst zusammen. Wenn ein linksliberaler Angler in seiner Anglergruppe auf Facebook aus den Kommentarspalten erfährt, dass einige der Mitglieder Donald Trump gut finden, wird er entsetzt sein, und der Frieden in der Angler-Bubble ist gestört. Solche Zusammenstöße und Friktionen produzieren die Plattformen laufend, da jede Community Zugänge, Übergänge und offene Flanken hat, durch die sie mit anderen Kontexten in Berührung kommt. Der Soziologe Christian Stegbauer führt denn auch die Entstehung von Shitstorms auf das »Zusammenprallen von unterschiedlichen Kulturen«[3] im Internet zurück. Man könnte sogar sagen, dass der Reiz digitaler Kommunikation gerade darin besteht, dass sowohl Gleichgesinnte als auch Andersgesinnte in großer Menge zur Verfügung stehen, und man ständig pendelt zwischen Ingroup und Outgroup.

Drittens: Das Digitale frisst das Analoge.

Diese Annahme tritt häufig in dem Vorwurf zutage, jüngere Leute schauten ja »nur noch« auf ihr Handy. Das Aufs-Handy-Schauen bildet in dieser Aussage eine Leerstelle, als sei das Handy ein schwarzes Loch, in dem es keine Inhalte mehr geben könnte. Dabei findet dort alles statt: Medienkonsum, Kontakt mit Freunden, intimer Austausch, Speichern von Erinnerungen. Oft wird das Verhältnis von Digital und Analog in der Struktur des »Entweder-Oder« beschrieben: Entweder der junge Mensch schaut aufs Handy, oder er geht ins Museum. Dabei zeigt der Hashtag #booktok eindrucksvoll, wie unter der digitalen Prämisse auch analoge Erlebnisse wieder einen neuen Stellenwert bekommen. Der Saunabesuch, das Stöbern im Buchladen oder das Bergwandern werden von User*innen liebevoll inszeniert – nicht als Ersatz des Erlebnisses, sondern als Kommunikation darüber. Während man wandert, wird die Kommunikation darüber immer schon mitgedacht – das heißt aber nicht, dass das Wandern weniger intensiv empfunden wird, es ist nur viel stärker als früher Teil der Eigenrepräsentation und des Austauschs mit anderen. Dieser Akt wiederum wird häufig als reiner Akt der Selbstüberhöhung interpretiert – »alle machen nur noch Selfies« – während es in Wirklichkeit gerade darum geht, sich mitzuteilen, bei anderen Resonanz zu finden, und dann auch selbst Resonanz zu geben. Wer Social Media aufmerksam betrachtet, kann viel darüber lernen, wie Gruppenbildung und Gruppenstörungen bei Menschen funktionieren – und immer schon funktioniert haben.

Neben diesen drei Annahmen gibt es Einwände gegen Social-Media-Plattformen, die man kaum entkräften kann. Wenn viele Millionen Menschen ihre Daten einem chinesischen Konzern anvertrauen oder die Plattform X von Elon Musk benutzt wird, um die rechtspopulistische Agenda voranzubringen, sind Skepsis und Kritik, vielleicht auch Rückzug angebracht. Das sollte aber nicht zu bequemer Ignoranz der neuen technologischen und kulturellen Formen führen, die hier enstehen, und die nicht wieder verschwinden werden. Digitale Communitys wird es auch noch geben, wenn X und TikTok längst Geschichte sind. Das Beispiel #booktok könnte durchaus belebend auf andere Kultursparten wirken: Wer Kunst und Kultur produziert, dem sollte die Leidenschaft und die Hingabe der entsprechenden Communitys etwas wert sein – mehr jedenfalls als eine halbe Stelle.


[1] Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit, Frankfurt am Main 1962

[2] Markus Müller: Kasper König (1943 – 2024), in: Texte zur Kunst, https://www.textezurkunst.de/en/articles/markus_mueller_nachruf-kasper-koenig/

[3] Christian Stegbauer: Shitstorms. Der Zusammenprall digitaler Kulturen. Wiesbaden 2018, S. 23


Foto: Joshua Hoven

Foto: Joshua Hoven

Ralf Schlüter ist Kulturjournalist und Berater. Von 2006 bis 2020 war er Stellvertretender Chefredakteur des Kunstmagazins »Art«. Er produzierte den Podcast »Zeitgeister« und betreute das Handbuch der documenta fifteen in Kassel. Zusammen mit Karin Bjerregaard Schlüter gründete er 2022 die Agentur Kulturbotschaft. Von beiden ist aktuell das Buch »Krisenkommunikation für den Kulturbetrieb« erschienen.

Alternativen tanzen und üben (mit Computern)

23. Oktober 2024

Nicht nur die Klimaerwärmung, das Artensterben und die Veränderung der Meeresströmungen, sondern auch die ungleicher werdende Vermögensverteilung und die Rückkehr des Autoritarismus sind Symptome grundlegender Probleme. Diese entstehen durch Prinzipien und Ideologien wie die Notwendigkeit des privaten Eigentums (einschließlich des geistigen Eigentums) oder den Irrglauben, der freie Markt würde alles von selbst regeln.

Digitalität ist eine Zumutung
Für eine wünschenswerte Transformation ist die Rolle der Digitalität in den Blick zu nehmen, denn sie ist Teil des Problems. Digitalität wird von Regeln und Ereignissen bestimmt, die von uns gewöhnlichen Menschen nur bedingt transformiert werden können. Nachhaltigkeit setzt eine ständige Regenerierung von unten nach oben voraus. Um Treiber einer Kultur der Nachhaltigkeit zu werden, müsste Digitalität für alle Bevölkerungsschichten zugänglich und vor allem veränderbar gemacht werden. Wir begegnen Digitalität meist in Form einer Ware: käuflich und unveränderlich. Die Entsorgung und Zerstörung von Eigentum gehören zum Warencharakter. Jede Ware ist Eigentum, deshalb ist es auch oft erlaubt, die eigens gekaufte Ware zu zerstören oder einfach wegzuwerfen. Neuerdings gibt es in Europa ein Recht auf Reparatur, das vom europäischen Parlament verabschiedet wurde. Elektronische Geräte sollen wieder reparierbar werden. Das gibt ein wenig Hoffnung, doch es existieren weitere Baustellen, etwa im Softwarebereich. Ein Windows-Update führte am 19. Juli 2024 zu weitreichenden IT-Störungen bei Rechnern in Deutschland vor allem auf Flughäfen, in der öffentlichen Verwaltung und in Krankenhäusern. Solche IT-Katastrophen zeigen immer wieder, dass Dezentralisierung und Selbst-organisation einige Verbesserung bieten könnten.

Digitalität als Kulturtechnik?
Wie können wir eine nachhaltige Beziehung zur Digitalität aufbauen? Zuallererst sollten wir die Vorstellung aufgeben, dass Digitalität eine feste, abgeschlossene Form und eindeutige Bestimmung hat. Digitalität ist in, auf, über, unter, zwischen uns allen. Wenn Digitalität nicht einfach Digitalisierung meint, sondern nach Hilke Marit Berger »die Kulturtechnik, sich im Digitalen zu bewegen«, dann hätte dies zur Folge, dass wir dieses positive Verständnis ernst nehmen und überlegen müssen, wie Digitalität in das Bildungsprogramm in den Schulen aufgenommen werden könnte. Dies ruft bekannte Baustellen auf. Während Lesen, Schreiben, Rechnen und Zeichnen an Schulen gelehrt wird, müssten Formen des Digitalisierens (Fotografieren, Filmen) und Programmierens / Simulierens vermehrt und grundlegender in den Unterricht der Schulen aufgenommen werden. Kulturtechniken sind Tätigkeiten, die sehr nahe beim Technischen liegen und entsprechende Schnittstellen aufweisen. Sie zeichnen sich im Gegensatz zur Medientechnik dadurch aus, dass sie größtenteils und maßgeblich von Menschen mit Menschen kulturell erlernt werden. Ihre Ausgestaltung bleibt veränderlich und damit potenziell nachhaltig. Eingebaut in Medientechnologien wird eine spontane Anpassung schwieriger. Es ist die Ironie der unterlegenen Position des kulturellen Sektors, dass die Kulturtechnik Programmieren zunehmend in algorithmisch-automatischen Dienstleistungen großer Unternehmen transformiert wird. Denken wir dabei an ChatGPT oder OpenAI, wodurch Programmieren als kreatives Vermögen immer mehr in Medientechnik aufgeht. Dagegen muss vorgegangen werden.

Es gibt hier noch Hoffnung. Denn weil Digitalität in, auf, über, unter, zwischen uns allen ist, sind Zugänge zu ihr grundsätzlich nicht versperrt. Digitalität tendiert dazu, dezentrale Wirkungen zu entfalten, nur wird das immer wieder verhindert. Denken wir daran, wie wir heute mit audiovisuellen Daten (Filme, Musik, Computerspiele) umgehen müssen. Wir müssen dafür bezahlen. Sie wurden nach der Zeit der sogenannten Piraterie wieder zu Waren gemacht. Während man Daten und Ideen einfach kopieren konnte, wurde im Namen des geistigen Eigentums mit Hilfe von Kryptografie und juristischen Tricks Kopierschutzmechanismen eingebaut. Überall dort, wo Daten, Algorithmen, Soft- und Hardware jedoch offen und eben keine Waren sind, kein privates Eigentum darstellen und gleichzeitig durch entsprechende Lizenzen vor Raub geschützt sind – denken wir an die Creative Commons oder an freie Software – überall dort können wir ansetzen, um etwas zu verändern. Digitalität muss also frei sein, vor allem frei von Eigentum. Keine Silos!. Das haben viele bereits verstanden. Um aber ein gesamtgesellschaftliches Verständnis dafür zu gewinnen, müssen andere Mittel zum Einsatz kommen. Es sind treibende Visionen, Utopien und Modelle gefragt. Im kulturellen Sektor stellt sich selbstverständlich hier die Frage, wie ihr Betrieb aufrechterhalten werden kann, wenn es kein Eigentum mehr gäbe.

Tanzen als Kulturtechnik
Tanzen ist bemerkenswert, weil es nicht nur eine offen-adaptive Aktivität ist, sondern vor allem auch die Möglichkeit bietet, dass Prozesse zusammenspielen, auch solche, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Nicht nur Menschen tanzen, sondern auch Tiere. Selbst Blätter oder Staub können in Luft und Raum tanzen. Ein Tanz beruht auf Interaktionen mit anderen, aber auch mit sich selbst. Bewegungen müssen geübt und koordiniert werden, vor allem, wenn ein Tanz kultiviert werden soll. Das hat etwas Technisches, denken wir an filmische Bewegungsstudien, Choreografien, grafische Darstellungen oder körperlicher Bewegungen. Letztlich kann Tanzen als Kulturtechnik verstanden werden. Tanzen ist wie Musizieren ursprünglich keine Ware, außer in Form ihres passiven, bezahlten Genusses im Kulturbetrieb (Ballett, moderner Tanz, Tanztheater etc.), in digitalen Streamingdiensten, sozialen Medien (etwa TikTok), off- und online. Sicherlich lässt sich Tanzen als Aktivität auch kommodifizieren, etwa durch Tanzkurse, damit lassen sich aber keine großen Gewinne erzielen. Tanzen will eigentlich wie Information frei und kein Eigentum sein. Was passiert beim Tanzen? Während des Tanzens wird die Kopplung von Körper und Umwelt geübt. Ein erster Schritt zur Nachhaltigkeit ist das Umweltbewusstsein. Es geht also um räumliche Arbeit und die Auslotung der Grenzen zwischen Mensch, Raum und Umwelt. Gleichzeitig geht es beim Tanzen um eine betont zeitabhängige Form von Arbeit. Ereignisse müssen vorausgesehen werden, sonst gelingt der Tanz nicht. Tanzen stellt folglich das Einüben raumzeitlicher Transformationsprozesse und Vorstellungsweisen dar.

Digitalität tanzen!
Tanzen bietet eine hoffnungsvolle Perspektive auf Arbeit. Viele tanzen gerne, aber arbeiten ungern. Tanzen ist wie Arbeit, aber doch anders. Wieso? Die industrielle Transformation begann mit der Automatisierung etwa der Bewegungen am Webstuhl oder anderen körperlich-manuellen Produktionsarten. Mittlerweile können die meisten Körperbewegungen längst durch Maschinen ersetzt werden. Das heißt: Tanzen im Sinne von menschlich getätigter Arbeit wäre obsolet und wir könnten die Maschinen tanzen lassen, doch so einfach ist es nicht. Wie dem auch sei: Tanzen ist die hoffnungsvolle Rückseite der Arbeit! Tanzen ist alltagsnah und hat damit das Potenzial, eine Art Grundbewegung der für die Nachhaltigkeit nötigen ständigen Regenerierung von unten-nach-oben zu werden. Und nicht nur das: Wenn das Einüben raumzeitlicher Transformationsprozessen tanzend erfolgen kann, wie zum Beispiel Demonstrationen und Raves zeigen, dann könnte damit auch das größte Problem gesellschaftlicher Transformation angegangen werden, nämlich der Wechsel vom Kleinen ins Große. Im Kleinen sind Nachhaltigkeit, Solidarität, bedürfnisorientiertes Zusammenleben, gemeinschaftlich-genossenschaftliches Teilen, Organisieren und Produzieren von Ressourcen und einiges mehr schon möglich. Das Tanzen kann hier oft gut gelingen. Wir schaffen aber den Sprung aus diesem eher zwischenmenschlichen und miniökologischen Bereich in den gesamtgesellschaftlichen und planetarischen Bereich im Moment nicht, beziehungsweise können ihn uns nur in der aktuellen Form (kapitalistisch, extraktivistisch, kolonial, umweltzerstörend) vorstellen. Und genau hierin liegt der Grund, warum Digitalität getanzt werden muss!

Mithilfe digitaler Medien könnte dieser Sprung (vom Kleinen ins Große) bewerkstelligt werden. Dabei fallen mir zwei Ebenen ein: Erstens, und das kennen wir relativ gut, können digitale Medien uns miteinander besser vernetzen und zweitens, und das ist nun etwas schwieriger, könnten wir mit Hilfe digitaler Infrastrukturen auf der Vernetzung aufbauend miteinander interagieren, spielen, simulieren, umprogrammieren, diskutieren. Hoffnung geben hier die sogenannten agentenbasierten Computermodelle mit denen bereits verkehrstechnische Probleme oder das Rätsel der Vogelschwärme gelöst und das Entstehen von Massenpaniken bei Großveranstaltungen simuliert werden können. Grundprinzip der agentenbasierten Computermodelle ist das Einprogrammieren einfacher Verhaltensregeln in sogenannte Agenten, die je nach Modell Menschen, Tiere, Moleküle oder Artefakte darstellen können. Die Agenten interagieren mit ihrer Umgebung und anderen Agenten, sie tanzen. Dieser Von-Unten-Nach-Oben-Ansatz klingt sehr simpel, aber damit lassen sich teilweise sehr komplexe Dynamiken entfalten, und vielleicht gelingt es uns kollektiv, das Problem der Nachhaltigkeit tanzend zu bekämpfen! Denn agentenbasierte Modelle lassen sich auch tanzen.

Die einfachen Regeln kann man nicht nur in der Computerwelt, sondern auch in der realen Welt etwa als Tanz durchführen. Damit lässt sich erlernen, wie kleine Änderungen (der Tanzregeln) große Änderungen (für die gesamte Choreografie) bewirken. Diese Art der Computersimulation könnte auch für Fragen wie, was wäre, wenn wir eine Gesellschaft ohne Geld hätten, ohne freien Markt, ohne privates Eigentum, ohne Lohnarbeit herangezogen werden, und wir könnten sie damit spielend beantworten, einüben, tanzen. Und so wäre es zumindest theoretisch möglich, durch stärkere Vernetzung die gesamtgesellschaftliche Beteiligung an einem kostenfreien, populären massenhaft gespielten, vernetzen Rollenspiel, das die große Transformation thematisiert, zu realisieren. Ein Spiel, womit alternative Welten (ohne Eigentum, ohne Geld/ Kapital etc.)[1] durch alle ständig verbessert und erweitert werden. Die Kulturtechnik Programmieren gehörte in dieser theoretischen Welt zur Allgemeinbildung. Mit der Verbreitung des Spiels würden alternative Welten greifbarer, weil spiel- und erlebbar, und so wüssten wir auch alle noch viel besser, wieso wir alles verändern müssen. Wir könnten endlich damit anfangen, Digitalität zu tanzen![2]


[1]     Eine Einführung in die Theorie, wie Kapitalismus aufgehoben werden könnte, bietet: Simon Sutterlütti, Stefan Meretz: Kapitalismus aufheben. Eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken, VSA Verlag, 2018.

[2]     Vgl. Shintaro Miyazaki, Digitalität tanzen! Über Commoning und Computing, transcript, 2022.,  https://www.transcript-open.de/isbn/6626 


Shintaro Miyazaki ist seit 2020 Juniorprofessor für digitale Medien und Computation am Fachbereich Medienwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Er kam im damaligen West-Berlin zur Welt, ist aber in der Dreiländerregion Basel-Freiburg-Mulhouse aufgewachsen (Studium in Basel, Promotion in Berlin). Nach einer langjährigen Feldforschung im praxisorientierten Umfeld einer Kunsthochschule widmet er sich seit einigen Jahren wieder eher theoretischen Gedankenexperimenten und einer konstruktiven Kritik aktueller Technologien.

Futures Literacy – Zukünftekompetenz als politische Praxis

30. September 2024

Wie würde eine Welt aussehen, in der wir bestmöglich ausgestattet sind, gerechte, solidarische und fürsorgliche Zukünfte zu gestalten? In der wir nicht nur mutige Ideen und Visionen haben, sondern auch die Werkzeuge und Methoden, um diese Wirklichkeit werden zu lassen?

Wenn ich darüber spreche, dass wir bei SUPERRR digitalpolitische Themen gesamtgesellschaftlich kontextualisieren, mit dem Ziel, gerechtere und vielfältigere Zukunftsvisionen zu gestalten, tun viele Menschen das als feministische Träumereien und Wunschdenken ab.

Warum eigentlich? Warum sind wir so viel lieber bereit dazu, viel zitierten Gemeinplätzen Glauben zu schenken und aktuelle Zustände zu unverrückbaren Tatsachen zu erklären? Und das, obwohl wir doch tagtäglich sehen und erleben, dass unsere altbekannten Denkweisen und Ansätzen nicht greifen – sie weder wirkliche Lösungen für die viel beschworenen Polykrisen bereithalten noch auf Zukünfte hinwirken, die Sicherheit, Gerechtigkeit und Sorge für und um alle Menschen, unsere Umwelt, unser Ökosystem priorisieren.

Die Erzählungen, die wir als Gesellschaft haben, bestimmen, wie wir auf die Welt blicken, was und wie wir denken und uns vorstellen (können). Umgekehrt bestimmt unsere Denk- und Vorstellungskraft diese Erzählungen – und manifestiert damit auch unsere Realitäten. Statt mutige Visionen zu entwerfen, sehen wir gerade vor allem Erzählungen, die den Status-quo als vermeintlich unausweichliche Kontinuität festschreiben.

Debatten um Digitalisierung und technologische Entwicklungen bedienen häufig einseitige Narrative von Innovation, Effizienzsteigerung und Wirtschaftswachstum. Oft sind es aber genau ebendiese Narrative, die die negativen Auswirkungen von Technologie befeuern und am stärksten marginalisierte Gruppen betreffen – seien es Verletzungen der Privatsphäre oder Datenverzerrungen beim maschinellen Lernen, die Ungleichheiten in der realen Welt reproduzieren.

Digitalisierung muss gesamtgesellschaftlich betrachtet werden, um die oft unsichtbaren Machtstrukturen, unausgesprochenen (Vor)Annahmen und systemischen Zusammenhänge sichtbar zu machen. Das bedeutet auch, Innovationsnarrative in Frage zu stellen. Welche Interessen verfolgen sie, welche impliziten Werte und Weltbilder, Perspektiven und Positioniertheiten haben sie im Blick – und welche werden außen vor gelassen? Auf welche Zukünfte zahlen sie ein? Und: Ist eine technische Lösung wirklich die richtige Lösung? Denn allzu oft stecken Diskurse um Digitalisierung in »Techniksolutionismus« und kleinteiligen Regulierungsversuchen fest, die im Schadensbegrenzungsmodus verharren und das große Ganze nicht im Blick haben. Aber Schadensbegrenzung verspricht weder Heilung noch packt sie Probleme an ihrer Wurzel.

Wie könnte es anders gehen? Wie können wir alternative Visionen und Erzählungen entwickeln, die auf gerechtere Zukünfte hinarbeiten – Zukünfte im Plural, die der Unterschiedlichkeit an Perspektiven, Visionen und Hoffnungen wirklich Rechnung tragen? Wie können wir Allianzen schmieden, die uns erlauben, das Wissen und die Vorstellungskraft unterschiedlicher Disziplinen, Arbeitsfelder und Menschen zusammenzubringen? Und welche Räume braucht es, damit diese Zukünfte bereits im Hier und Jetzt verkörpert – sie spürbar und erfahrbar werden?

Ein Zitat der wunderbaren Wissenschaftlerin und Autorin bell hooks bietet einen Ausgangspunkt: »What we cannot imagine cannot come into being« (»Was wir uns nicht vorstellen können, kann auch nicht Wirklichkeit werden«). Wie also können wir unsere Vorstellungskraft stärken?

»Futures Literacy« ist die Kompetenz, unterschiedliche Zukünfte zu imaginieren, zu antizipieren und zu planen. Sie ermöglicht es uns, unsere Erzählungen über das, was war, ist und sein könnte, kritisch zu befragen und alternative und wünschenswerte Zustände zu imaginieren, die sich in konkrete Maßnahmen und Handlungsmöglichkeiten übersetzen lassen.

Wie eine zivilgesellschaftliche Allianz aussehen könnte, die gemeinschaftlich und strategisch auf wünschenswerte Zukünfte hinarbeitet, haben wir in unserem Pilotprogramm Futures Literacy for Civil Society erprobt. Gemeinsam mit zwölf zivilgesellschaftlichen Organisationen haben wir »Zukünftekompetenz« aufgebaut, Methoden getestet und alternative Zukunftsräume entworfen. Ein wichtiger Schritt war hierbei, sichtbar zu machen, dass dominante Erzählungen nicht einfach so da sind, sondern Interessen verfolgen, bestimmte Werte und Normen, Personengruppen und Positioniertheiten im Blick haben und andere außen vorlassen. Denn das bedeutet auch: Sie sind veränderbar und gestaltbar! Ein machtkritischer wertebasierter Ansatz und das Zusammenbringen unterschiedlicher Perspektiven ermöglicht es, Risiken zu antizipieren, Entscheidungen zu diversifizieren und somit alternative Szenarien zu entwickeln.

Gerade Kunst- und Kulturräume haben ein unglaubliches Potenzial, diese Form der Zusammenarbeit, des gemeinsamen Imaginierens, aber auch des körperlich Spür- und Erfahrbarmachens zu ermöglichen – sind sie doch per se immer schon Orte des Experimentierens, der ungewohnten Denkpfade und Schöpfungskraft. Denn Zukünftearbeit ist nicht nur Methodenarbeit, sie ist auch somatische Praxis und Verkörperung, die als performativer Akt Wirklichkeit erzeugt – im Hier und Jetzt.

Damit diese Räume Realität werden und wir von der Vorstellung in die Umsetzung kommen, braucht es strukturellen Wandel. Wenn Inklusion und Diversität mehr sein sollen als Buzzwords, braucht es andere Rahmenbedingungen, die diese Art der Arbeit, insbesondere von marginalisierten Communities, explizit fördert. Das bedeutet konkret: ein Umdenken von Förderlogiken in Richtung Verlässlichkeit, Nachhaltigkeit und ernsthafte Beteiligungsprozesse. Mehr Geld, langfristige Planbarkeit für Mitarbeiter*innen, weniger Arbeitsbelastung, Sicherheit und Anerkennung, damit diese Räume der Wissensvermittlung und der gelebten politische Praxis Wirklichkeit werden können. Denn es ist zutiefst politisch, wer über Zukünfte nachdenkt, sie imaginiert, ersehnt, plant und erschafft. Und: Wer überhaupt die Zeit, Ressourcen, Lebensbedingungen hat, Zukünftearbeit zu leisten.

»Where we stand determines what we’re able to see« (»Wo wir stehen [Anm. der Verf.: im Sinne unserer eigenen Positioniertheit, Werte, Normen] bestimmt, welche Blickwinkel/Standpunkt wir einnehmen können«), so die Schriftstellerin Octavia Butler. Im Moment hat vor allem ein kleiner, sehr privilegierter Teil unserer Gesellschaft überhaupt die Möglichkeiten, Zukünfte zu gestalten. Das hat zwangsläufig Auswirkungen auf die Zukunftvisionen und -szenarien, die uns umgeben. Wenn wir wirklich an gerechteren Zukünften bauen wollen, brauchen wir vielfältige Perspektiven, Ideen und Visionen – und die Repräsentation und Sichtbarkeit von marginalisierten Communities, Menschen mit (un)sichtbaren Behinderungen, migrantischen, queeren, nicht-weißen Personen, Menschen mit Fluchterfahrung, Menschen, die prekär leben, aus nicht akademisierten Kontexten kommen.

Zukünftekompetenz fördert eine informierte und gestalterische Haltung – so auch zu digitalen Technologien. Sie ermöglicht es nicht nur, Themen und Fragestellungen zukunftsorientiert und multiperspektivisch zu denken, sondern ist auch eine Grundvoraussetzung, damit sich Menschen kritisch und selbstbestimmt in digitale Räume einbringen. Die Erfahrung, dass Gegenwarte und Zukünfte nicht gesetzt, sondern gestaltbar sind, stärkt die Handlungsmacht, die eigene Wirksamkeit in der Welt und macht damit die Beteiligung und Freude an kritischen Debatten und demokratischen Diskursen erfahrbar. Wie sehen neue und hoffnungsvolle Erzählungen und Ansätze für die Zukunft unserer Gesellschaft aus? Welche gerechteren Szenarien und Visionen können wir imaginieren, wenn wir uns nur trauen? Zeit es herauszufinden!


Nandita Vasanta ist Projektleiterin und verantwortlich für die  Zukünftearbeit bei SUPERRR Lab. Als ausgebildete Komparatistin  interessiert sie sich besonders für Schnittstellenthemen, die die  Expertise und Kollaboration vieler brauchen. In der Vergangenheit hat  sie unterschiedliche wissenschaftliche und kulturelle Programme  konzipiert und umgesetzt, mit dem Ziel, neue Formen der Beteiligung und  der Demokratisierung von Wissen zu ermöglichen. Als zertifizierte Coach  und Mediatorin glättet sie die Fallstricke menschlicher Kommunikation  und unterstützt Menschen dabei, ihre eigene Form der Wirksamkeit zu finden.

Menschenzentrierte KI: Wer zählt als Mensch?

21. Mai 2024

Spätestens durch den Hype um text- und bildgenerierende KI-Chatbots wie ChatGPT sind Risiken und Gefahren durch sogenannte Machine-Learning-Systeme (landläufig als Künstliche Intelligenz (KI) bezeichnet) in gesellschaftlichen Debatten angekommen. Zwei grundlegend unterscheidende Positionen zeichnen sich dabei in den Diskussionen ab: Auf der einen Seite stehen jene, die für die Menschheit existenzielle, aber bisher hypothetische KI-Risiken als größte Gefahr wahrnehmen (AI safety/alignment). Während auf der anderen Seite sich jene positionieren, die den bereits bestehenden Gefahren wie Bias und Diskriminierung (AI ethics) oberste Priorität einräumen und die Fokussierung auf hypothetische Gefahren als Gleichgültigkeit gegenüber den nachteiligen Auswirkungen von KI auf oftmals bereits marginalisierte Personengruppen kritisieren.

Gefahren durch KI-Systeme sind bekannt

Die bereits bekannten und akuten Gefahren durch KI-Systeme sind derweil gut dokumentiert – auch wenn es weiterhin schwierig bleibt, sie zu umgehen. So lassen sich die diskriminierenden, rassistischen und stereotypen Darstellungen durch bildgenerierende KI, neben den vielen Beispielen aus dem Alltag, durch einen sogenannten Bias Explorer visualisieren. Die weitreichenden Auswirkungen von algorithmenbasierter Diskriminierung durch Systeme des automatisierten Entscheidens auf Betroffene sind ebenfalls durch vielfältige Fälle belegt. Ebenso hat sich bestätigt, dass Automatisierung vielfach zur Überwachung und Kontrolle von Personen in Abhängigkeitsverhältnissen eingesetzt wird – beispielsweise am Arbeitsplatz oder bei der Vergabe von Sozialleistungen.   

Einsicht ist auch hier der erste Schritt zur Besserung. Denn es werden bereits vielfältige Ansätze diskutiert, wie sich diese Risiken durch KI reduzieren bzw. ganz vermeiden lassen. Das Schlagwort unter dem nationale sowie europäische Gesetzgeber*innen, Industrie, Wissenschaft und Zivilgesellschaft eine risikoärmere KI diskutieren lautet: Gemeinwohlorientierte KI. Das erklärte Ziel ist, dass KI allen zugutekommen soll, sie niemanden benachteiligen und möglichst Vielen Nutzen bringen. Kurzum, wie die Europäische Union verlauten lässt: KI soll menschenzentriert entwickelt und eingesetzt werden.

Einzelne KI-Systeme sicherer machen

Lösungsansätze für eine gemeinwohlorientierte und menschenzentrierte KI konzentrieren sich insbesondere darauf, Prozesse bzw. regulatorische Rahmenbedingungen zu schaffen, um einzelne KI-Systeme sicherer zu machen. Die Automatisierungen sollen fairer, integrativer, genauer, repräsentativer, nachvollziehbarer etc. sein – und dass vor allem mit Blick auf diejenigen Personen, die direkt mit einem KI-System interagieren bzw. von dessen Entscheidungen betroffen sind. Was eine solche Perspektive auf gemeinwohlorientierte KI nicht berücksichtigt, sind die vielfältigen Auswirkungen von KI, die sich nicht im direkten Umgang mit den KI-Systemen offenbaren. Denn hier zeigen sich über individuelle KI-Systeme hinaus fundamentale Auswirkungen auf Fragen der sozialen Gerechtigkeit.

Generative KI ist nicht nachhaltig

Im Fokus stehen hier insbesondere sehr große KI-Systeme, sogenannte Large Language Models (LLMs) als Grundlage von generativer KI. Ihre Auswirkungen gehen weit über die Folgen individueller Systeme hinaus. Denn sie haben beispielsweise einen teils massiven Ressourcenverbrauch – von der Energie und den Emissionen, die anfallen, wenn LLMs in Rechenzentren entwickelt und trainiert werden, zum Wasserverbrauch für die Kühlung eben jener Rechenzentren, zu den Mineralien und seltenen Erden, die für die Massen an Hardware gebraucht werden, um LLMs zu entwickeln und generative KI zu betreiben, und die unter oft prekärsten Arbeitsbedingungen und mit massiven Schäden für die Umwelt abgebaut werden.

Gleichzeitig handelt es sich bei den Outputs generativer KI in der Regel nicht um Zauberei, sondern um eine Technologie, die nicht ohne menschliche Arbeit vonstattengeht. Arbeiter*innen werden gebraucht, um Daten zu annotieren, mit denen KI-Modelle trainiert werden, oder um in einem Prozess namens Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF) die Outputs generativer KI auf ihre Qualität zu bewerten. Diese oft unterbezahlte  Arbeit ist notwendig, damit die Outputs generativer KI keine obszönen und verstörenden Inhalte ausgeben – die jedoch die Arbeiter*innen zu sehen bekommen und die ähnlich wie die Moderator*innen großer Online-Plattformen als Folge unter den psychischen Belastungen massiv leiden. Während also die Ressourcen für die Hardware in den Rechenzentren und die manuelle Arbeitskraft für die Funktionstüchtigkeit von generativer KI im globalen Süden abgeschöpft werden, streichen Unternehmen aus dem globalen Norden die Profite von KI ein. Das ist nicht nur monetär gemeint. Obgleich die Künstlerin, Journalistin und Aktivistin Joana Varon eindrücklich in ihren tech cartographies darstellt, wie groß das Ungleichgewicht zwischen US-amerikanische Profiten auf der einen Seite und der Zulieferung von Ressourcen aus dem globalen Süden auf der anderen Seite sind.

Chancen und Risiken von KI sind ungleich verteilt

Aber die Profite des globalen Nordens gehen über Unternehmensumsätze hinaus. Denn aktuell sind es insbesondere US-amerikanische Unternehmen, die generative KI auf Grundlage anglo-amerikanischer bzw. westlicher Daten für einen Markt im globalen Norden entwickeln. Als Tool, das zunehmend für die gesellschaftliche Wissensproduktion eingesetzt wird, z. B. im Journalismus oder in der Wissenschaft, reproduziert generative KI entsprechend anglo-amerikanische sowie westliche Wissensbestände aus dem Mainstream. Diese kulturelle Dominanz spiegelt sich in den schlechten Outputs von generativer KI für kleinere Sprachen oder in den unrealistischen bildlichen Darstellungen außerhalb der amerikanischen Mainstream-Kultur. Die Zwecke, die generative KI erfüllen soll, sind entsprechend auf westliche Arbeits- und Effizienzvorstellungen ausgerichtet und sie reproduzieren westliche Wissensbestände, während die Zulieferung aus dem globalen Süden auf Rohstoffe und Ressourcen beschränkt wird und sie Mülldeponien für den gesammelten Elektroschrott bereitstellen.

Gleichzeitig ist der globale Süden stärker von den Klimaveränderungen bedroht, die sich im Zuge der Klimakrise immer deutlicher abzeichnen. Während Rechenzentren und Datenübertragungsnetzwerke bereits 2-4% der globalen CO2-Emissionen verursachen, ist angesichts der zunehmenden Bedeutung von KI und ihrem teils immensen Ressourcenverbrauch mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Nicht umsonst betonen bekannte Silicon-Valley-Akteure, dass die Zukunft von KI von einem Durchbruch im Bereich der sauberen Energie abhänge. Gleichzeitig ist nicht anzunehmen, dass die KI-Entwicklung verlangsamt wird, wenn diese Energiequellen nicht zur Verfügung stehen.

Echte Transformation statt Kontinuität von globaler Ausbeutung

Der Vergleich von Risiken und Chancen generativer KI, wie sie Tech-Funktionäre gerne vorbringen, ist angesichts dieser global so ungleichen Verteilung eben jener Chancen und Risiken zynisch. Wer das Mantra einer gemeinwohlorientierten und menschenzentrierten KI ernst nimmt, sollte eine globale Gerechtigkeitsperspektive in den Blick nehmen. Wer KI also gerechter gestalten will, muss auch Fragen danach stellen, wer die Macht hat, die Art und Weise der KI-Entwicklung zu bestimmen und wer dementsprechend gestalten kann, wer von KI profitiert und wer durch sie entlang ihrer gesamten Wertschöpfungskette benachteiligt wird. Aktuell setzen die dominanten KI-Unternehmen auf eine historische Kontinuität der Ausbeutung und des Extraktivismus durch den globalen Norden, während Umweltschäden, Risiken für die Gesundheit und Ausbeutung von Arbeitskraft im globalen Süden aufrechterhalten wird.

Wer sich durch KI eine Transformation, vielleicht sogar hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft, erhofft hat, der wird bitter enttäuscht. Denn echte Transformation kann nur gelingen, wenn eben jene Ausbeutungsstrukturen der Vergangenheit überwunden werden. Aktuell werden sie jedoch in den technischen Systemen generativer KI weiter manifestiert. Angesichts der Sperrigkeit des Themas braucht es künstlerische Auseinandersetzungen und Reflektionsräume, die diese sehr realen und spürbaren Gerechtigkeitsfolgen von KI erfahrbar machen. Hier gilt es kulturpolitisch die Weichen zu stellen. Denn generative KI wird nicht nur zunehmend als Herausforderung für den Kreativ- und Kulturbereich wahrgenommen, sie wird auch zu einem Instrument, dass sich beispielsweise in der Öffentlichkeitsarbeit von Kultureinrichtungen oder in der künstlerischen Arbeit selbst einsetzen lässt. Die Kulturpolitik hat eine Verantwortung, nicht blind dem Hype um die ausbeuterischen Chatbots kommerzieller US-amerikanischer Unternehmen zu folgen, sondern alternativen KI-Infrastrukturen im Kulturbereich den Weg zu ebnen. Darüber hinaus muss Kulturpolitik den Rahmen schaffen, damit wir in künstlerischer Auseinandersetzung Fragen danach stellen können, welche Zukunft wir uns für und mit KI vorstellen und wie sich solche gesellschaftlichen Zielvorstellungen umsetzen lassen. Letztlich geht es also um die Frage, was wir unter Gemeinwohl und Menschenzentrierung angesichts von KI verstehen und welche Potenziale wir haben, diese zu realisieren. Denn wir sollten es vermeiden, dieselben Fehler zu begehen, die wir bereits angesichts von großen Online-Plattformen begangen haben. Es gilt die Dogmen der Entwicklung und des Einsatzes von neuen Technologien zu hinterfragen und selbst zu gestalten. Der Moment dazu, ist jetzt.

Dr. Anne Mollen forscht am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen bei der Nachhaltigkeit von KI, Automatisierung und öffentliche Meinungsbildung, algorithmenbasierte Diskriminierung sowie digitaler Selbstbestimmung. Als Expertin für KI und Digitalisierung hat Anne Mollen in der Vergangenheit verschiedene politische Gremien beraten. Auch für Algorithm Watch ist sie beratend tätig und hat dort das Sustain-Projekt geleitet.

Wir brauchen Utopien!

24. April 2024

Nicht nur für Kultur und Kulturpolitik sind Utopien gefragt: Jede und jeder sollte sich an Utopien heranwagen, sich trauen und die Verantwortung übernehmen, die Zukunft zu gestalten. Ludwig Wittgenstein hat einst gesagt: »Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.« Ohne Sprache keine Kommunikation, kein Austausch, kein Konkurrieren und Vermischen verschiedener Weltsichten, Interpretationen und Argumente. Aber nicht nur die Sprache ist eine fundamentale Grundlage für das Verständnis der Welt, sondern auch, welche Geschichten wir uns mit ihr erzählen. Damit meine ich einerseits die größeren gesellschaftlichen Narrative, die unser Sein und Handeln einrahmen, aber auch ganz explizit erzählte Geschichten in Form von Büchern, Theaterstücken, Filmen, Songs und Computerspielen.

Wir sind alle Teil einer Geschichte

In dem Maße, in dem viele westliche Gesellschaften immer offener und liberaler werden und das Bedürfnis für Diversität und Vielfalt anerkannt wird, verändert sich auch das Storytelling, das den Zeitgeist widerspiegelt und ihm gleichzeitig seine Form gibt. War es in den 90er Jahren noch problemlos möglich, Männer vom Mars und Frauen von der Venus kommen zu lassen und dies als Beweis für die vermeintlich unüberbrückbaren Differenzen der Geschlechter zu postulieren, sind »wir« heute, schon wesentlich weiter. Es geht nicht mehr darum, die Geschlechter voneinander abzugrenzen. »Wir« verstehen das Geschlecht als Kontinuum, in dessen Spektrum sich viele unterschiedliche Eigenschaften, Wünsche und Identitäten manifestieren. Dies ist das Selbstverständnis der modernen Gesellschaft zu der ich mich zähle – deshalb das »wir« in Anführungszeichen.

Gleichzeitig sehe ich, dass es ganz andere Gesellschaften gibt, die zwar nicht örtlich, aber dafür perspektivisch von meiner Lebenswelt abweichen. Ein Blick in die Instagram- oder TikTok-Reels zeigt Männer, die sich gerne selbst als »Alphas« bezeichnen und ein Geschlechterverständnis propagieren, das alttestamentarischen Texten entspringen könnte: Der Mann als unangefochtener, mächtiger, selbstwirksamer Herr über Weib und Kind; darunter die Frau als unterwürfige, minderwertige Dienstleisterin von Sex- und Sorgearbeit. Diversität und Queerness: Fehlanzeige. Und während wissenschaftliche Fachgesellschaften eine neue Leitlinie für den Umgang mit transgender Kindern und Jugendlichen erarbeiten, verbietet der Bayerische Ministerpräsident seinen Beamt*innen das Gendern.

Die Gegenwart ist unübersichtlich: deal with it!

Manchmal tun mir die Schüler*innen leid, die in Zukunft die Geschichte des 21. Jahrhunderts lernen müssen. Ich sehe schon wütende Elternbriefe, in denen gefragt wird, wie die Kinder denn bitte all diese widersprüchlichen Fakten lernen sollen. Waren die Menschen zu Beginn des KI-Zeitalters jetzt liberal oder konservativ, religiös oder atheistisch, demokratisch oder autoritär, wie sollen die Kinder diese Fragen in der Schulaufgabe des Jahres 2124 bloß richtig beantworten? Tja, liebe Eltern aus der Zukunft, da kann ich auch nicht weiterhelfen. Offenbar sind wir alles gleichzeitig. Das mag frustrierend sein. Es zeigt aber auch die unbändige Variabilität der menschlichen Vorstellungskraft, und wie stark Narrative – also sinnstiftende Erzählungen für eine Gruppe oder Kultur – unsere Interpretation der Welt und unsere eigene Position darin beeinflussen. Gerade in der heutigen Zeit, in der sich ein immer größerer Teil des Alltags digital abspielt, stellen wir fest, wie stark uns über das Internet und die Sozialen Medien geteilte Inhalte zu einer Community zusammenschweißen. So fühle ich mich einer Schwarzen amerikanischen Feministin oder einer nichtbinären Autor*in näher als meinem biodeutschen Nachbarn, der auf der Heckscheibe seines SUVs frauenfeindliche Aufkleber spazieren fährt.

Meine Community prägt mich

Der Austausch mit meiner Community, die geteilten Informationen, die Diskussionen und persönlichen Erfahrungsberichte prägen mich und meine Sicht auf die Welt. Wenn ich dann im realen Leben neue Menschen kennenlerne, ist es immer spannend zu sehen, ob und wie stark sich unsere Online-Communities überschneiden, welchen Accounts wir gegenseitig folgen oder welche Influencer*innen, für einige prägend sind und von anderen überhaupt nicht wahrgenommen werden. Lange Zeit war so ein clash of Filterbubble der Anfang von Streit, weil man die Unwissenheit des Gegenübers als Provokation und die unterschiedliche Sprache als Affront auffasste. Mittlerweile wissen wir, wie sehr uns die digitale Umwelt prägt und dass unterschiedliche digitale Lebenswelten verschiedene Verhaltensweisen erzeugen, die nicht notwendigerweise feindselig, sondern einfach anders sind. Und es ist ein absoluter Mehrwert, mit offenen Augen und Ohren solche Gespräche zu führen, nicht um den eigenen Standpunkt als Pflock in den Boden zu rammen um seinen Turf abzustecken, sondern um zu erkunden, welche Sichtweisen parallel zur eigenen existieren.

Je mehr wir in der Lage sind die Gleichzeitigkeit und manchmal auch Widersprüchlichkeit verschiedener Kulturen und Narrative auszuhalten, desto eher sind wir auch bereit, neue Ideen für zukünftige Gesellschaften und Lebensweisen anzunehmen. Denn die Geschichten, die wir uns heute erzählen, prägen unsere Vorstellung von der Zukunft.

Wir erzählen uns eine düstere Zukunft

Erinnern Sie sich doch bitte mal an das letzte Zukunftsszenario, das Sie gesehen, gelesen oder gehört haben. Und damit meine ich ausnahmsweise nicht den letzten IPCC Report oder die Nachrichten über Artensterben, Mikroplastik, oder dräuende Pandemien, sondern fiktive Geschichten. Erinnern Sie sich bitte an Buchcover, Serien oder Blockbuster und vielleicht fällt Ihnen auf – wir haben die Welt schon unzählige Male untergehen sehen: Meteoriteneinschlag, Vulkanausbruch, Atomkrieg, Monsterwelle, Ewiges Eis, Alien Invasion, Pandemie, you name it … ! Und jetzt vergegenwärtigen Sie sich bitte all die erfolgreichen Filme, Bücher und Geschichten, in denen die Welt gerettet wurde. Und ich meine jetzt keine einsamen Held*innen, die gegen Supervillains kämpfen oder einen Ring in einen Vulkan werfen mussten, sondern eine komplette Rettung, eine komplette Heilung, so wie das Armageddon oder der Deep Impact oder die Zombie Apokalypse, die die komplette Zerstörung unserer Zivilisation bedeutet haben. Und, fällt Ihnen was ein?

Vielleicht geht es Ihnen wie mir und Sie merken: da ist nicht viel. Da sind nicht viele Geschichten, die Hoffnung machen, wenig Visionen, wenig Utopien, kaum Konzepte für eine bessere Welt. Egal wo wir hinschauen: Wenn wir uns fragen, wie die Zukunft wird, lautet die Antwort meist: Düster. Und seien wir ehrlich: Wenn wir uns die oben genannten Nachrichten und wissenschaftlichen Fakten vor Augen führen, dann scheinen diese den Weg in den Untergang zu bestätigen.

Der Untergang ist nicht unvermeidlich

Und dennoch: Es muss nicht notwendigerweise so kommen! Unser Schicksal als Menschheit ist nicht besiegelt. Niemand sagt, dass wir morgen genauso weitermachen müssen wie heute. Kein physikalisches Gesetz bedingt unseren Untergang. Im Gegenteil. Gerade in pluralistischen und demokratischen Gesellschaften können wir neue Gesetze, neue wirtschaftliche Systeme, neue Schutzmechanismen und neue Strategien entwickeln, um eine nachhaltige Zukunft zu gestalten. Das geht aber nur, wenn wir eine Vorstellung davon haben, wie eine bessere Zukunft aussehen könnte. Und das geht nur, wenn wir nicht nur unsere eigene Geschichte immer wiederkäuen, sondern den unzähligen anderen Stimmen, die heute schon ihre Geschichte, ihre Version der Realität und Zukunft erzählen, zuhören! Wir müssen uns trauen, mit neuen positiven Geschichten von der Zukunft einen Möglichkeitsraum in den Köpfen der Menschen zu schaffen, der zuvor nur von pessimistischen Aussichten und Untergangsszenarien besetzt war.

Sich aktiv für positive Zukünfte entscheiden

Wir können nur das tun, was wir vorher gedacht haben, was wir uns gegenseitig erzählt haben, wofür wir eine Sprache gefunden haben. Und deshalb ist es so wichtig, sich aktiv mit neuen positiven Perspektiven zu beschäftigen, damit wir nicht nur düstere Stereotype und destruktive Erzählungen kennen, sondern hoffnungsvolle Alternativen in Betracht ziehen. Denn wer immer nur schwarzgesehen hat, kann sich keine Farben ausdenken. Und wir müssen die Zukunft erst denken, bevor wir sie erschaffen können. Das Schöne ist: Es gibt sie bereits. Die Utopien, oder wie Kim Stanley Robinson sagt, die Anti-Dystopien. Denn echte Utopien sind verdammt schwer zu finden und stehen – zu Recht – immer im Verdacht, verkappte Diktaturen zu sein. Aber Anti-Dystopien, also Geschichten, in denen zwar nicht alles perfekt zugeht und nicht alle Probleme der Welt gelöst sind, aber Vorschläge gemacht werden, wie wir aus der fehlerhaften Realität eine bessere, nachhaltigere Welt machen könnten, sind vielleicht der Schlüssel zu einer besseren Zukunft.
Sie finden diese Geschichten unter verschiedenen Labeln: Als Afrofuturismus, als Hopepunk, als Climate Fiction oder Solarpunk. Überlassen Sie es nicht dem Zufall, aus Versehen über diese Geschichten zu stolpern. Entscheiden Sie sich absichtlich für sie, um einen neuen Blick auf die Zukunft zu bekommen, um neue Ideen zu entwickeln und Hoffnungen zuzulassen.

Aber ich muss Sie warnen. Die Beschäftigung mit positiven Zukunftsszenarien könnte ungeahnte Nebenwirkungen haben. Nicht nur könnte es sein, dass Sie Freude daran empfinden, sich absichtlich mit positiven anstatt negativen Zukünften zu beschäftigen. Es könnte auch sein, dass Sie Ihre eigene Rolle überdenken und plötzlich Möglichkeiten sehen, über privates, politisches oder gesellschaftliches Engagement die bessere Zukunft mitzugestalten. Denn für eine gute Zukunft gilt das gleiche wie für gute Politik, gutes Essen und gute Literatur: Sie ist Handarbeit.


Theresa Hannig studierte Politikwissenschaft und arbeitete als Softwareentwicklerin, bevor sie sich hauptberuflich dem Schreiben zuwandte. In ihren Texten beschäftigt sie sich mit der Zukunft unserer Gesellschaft in Hinblick auf Kapitalismus, KI und Klimawandel. Hannigs Romane wurden mehrfach ausgezeichnet, zuletzt erhielt sie auf der Leipziger Buchmesse für ihren Roman Pantopia den Phantastik Literaturpreis Seraph für das Beste Buch 2023. Für ihr Engagement, schreibende Frauen in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, wurde sie 2023 mit dem Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung ausgezeichnet.

Banden bilden

9. April 2024

Aushandlungsprozesse an Theatern können die Digitalisierung und nachhaltige Praktiken in ein zukunftsfähiges Zusammenspiel bringen: Als Motor gesellschaftlicher Prozesse kristallisiert sich derzeit in kulturpolitischen Zusammenkünften vielerorts ein »Utopien schmieden« heraus, so umschrieb es kürzlich der Leiter Digitaler Prozesse am Stadttheater Gießen Patrick Schimanski in seinem BLOG-Beitrag »Theater der Zukunft – eine Utopie« für das Projekt »Auf dem Weg in die Next Society?!« der Kulturpolitischen Gesellschaft. Der Autor bezog sich konkret auf zwei Veranstaltungen, die er selbst zusammen mit Maik Romberg, dem Leiter der Stabstelle Digitalisierung der Münchner Kammerspiele konzipiert und durchgeführt hat. In seinem Text entwickelte er inspiriert davon eigene Visionen zu einem »Theater der Zukunft«. Anfang Februar öffneten sich an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden an beiden Theaterhäusern Räume für Aushandlungsprozesse, deren Blick in die Zukunft gerichtet war. Die erfrischend vielseitigen Beiträge zur drängenden und praxisorientierten Notwendigkeit eines gesamtgesellschaftlichen Kulturwandels brachten wertvolle Impulse in die kulturpolitische Debatte und wurden damit zur Plattform, um Banden im Sinne von Vernetzungen zu bilden.

An die Nachgeborenen

Auf der Bühne der Münchner Kammerspiele wurden die Worte Reinhard Pfriems beim »2. Forum für Theater, digitale Transformation und Nachhaltigkeit« zu einem mahnenden Movens für die Ausrichtung der gesellschaftlichen Relevanz beider Symposien. Der Initiator und Mitbegründer des Institutes für ökologische Wirtschaftsforschung lieferte mit einer kritischen Bestandsaufnahme des aktuellen Aushandlungsfeldes, geprägt von den Nachhaltigkeitsbestrebungen, dem digitalen Zeitalter und der aktuellen gesellschaftlichen Lage, eine in ihrem Tiefgang wertvolle Grundlage für die lösungsorientierten Ansätze der Tagung. Inspiriert vom Theatermacher Bertolt Brecht setzte Pfriems Eröffnungsbeitrag »An die Nachgeborenen. Nachhaltigkeit, Digitalisierung und die Frage nach einer kulturellen Kehre« bei einem ernüchterten Rückblick auf die Historie der bis heute unzureichenden Bemühungen weltweit für einen nachhaltigen Kulturwandel an und verband diese mit kritischen Bedenken. Bei allen Chancen, die sich für ihn aus der Digitalisierung ergeben, mahnte er, ihre Schattenseiten, die er beispielsweise in »postdemokratischen Entwicklungen« erkennt, nicht zu verdrängen. Eine Kehre als umfassenden Kulturwandel wünschte er sich als »Ausstieg aus der fortschreitenden Zerstörung und der Schöpfung einer besseren Welt«. Angesichts der – nicht nur in den Alltagsnachrichten – vielseitig präsenten Dystopie und den sich überschlagenden gesellschaftlichen Herausforderungen konstatierte der erfahrene Ökonom eine »überbordende Erschöpfung« und rief zugleich in all seiner Skepsis zu einem »Trotzdem!« auf.

Vom Wert kulturpolitischer Aushandlungsprozesse

Für kulturpolitische Aushandlungsprozesse ist es wertvoll und wichtig, den Ernst der Lage und die Komplexität der Herausforderungen zu benennen. Zugleich gilt es, dies mit gegenseitiger Kenntnis von zukunftsweisenden Lösungsansätzen zusammenzuführen, Banden zu bilden, um gemeinsam Veränderungen kraftvoll voranzutreiben. Das können konkrete Werkzeuge der Digitalisierung sein, die als »Transformationshebel« den Wandel innerhalb der Kulturinstitution befördern, wie es Maik Romberg mit Blick auf sein Haus vorstellte. Die Nachhaltigkeitsbeauftragte der Schaubühne Berlin Lisa Marie Hobusch vermittelte über das kraftvolle Bild eines »Dinosauriers«, wie die beiden Leitmotive Nachhaltigkeit und Digitalisierung unbewegliche Kulturorte zu »jagen« vermögen. Die jeweils zuständigen Kolleginnen kamen in einen gemeinsamen Aushandlungsprozess, der agiles Handeln und mehr Dynamik in die Transformation des eigenen Betriebs brachte. Mit »Weg aus den Silos?« unterstrich Patrick Schimanski die notwendige Kooperation zwischen den Querschnittsthemen, um im Kulturbetrieb in nachhaltigen Organisationsstrukturen arbeiten zu können. Zudem hob er hervor, wie sehr die Digitalisierung nachhaltige Prozesse zu beschleunigen und damit auch den CO2-Fußabdruck zu verringern vermag. Der bewegende Vortrag »Gute Pläne sind nachhaltig« des Technischen Direktors des Stadttheaters Gießen Pablo Dornberger-Buchholz führte vor, wie die mittweilen sehr mühsamen Veränderungen in der eigenen Arbeitspraxis mitten im Kulturort zu einem begeisterten Plädoyer führen können, das im inspirierten eigenen Tun den Kulturwandel hin zu mehr Nachhaltigkeit vorantreibt.

Verknüpft mit dem Symposium fand in den Kammerspielen die Verleihung der Zertifikate an die mittlerweile fünfte Generation der »Transformationsmanager*innen Nachhaltige Kultur« statt, verliehen vom Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit. Dramaturgisch betrachtet führt dies zu neuen kulturpolitischen Banden und aktiver Vernetzung für weitere Aufmerksamkeit und Sensibilisierung, um die Verknüpfung von Digitalität und Nachhaltigkeit noch mehr zu fokussieren.

Konkret gestaltende Lösungsansätze

Der Soziologe Davide Brocchi regt in seinem Buch »By Disaster or by Design?«[1] an, sich von den apokalyptischen Szenarien abzuwenden und ihnen durch ein pro-aktives Gestalten etwas entgegenzusetzen. Wie unterschiedlich dies aussehen kann, wurde bei den facettenreichen Perspektiven und Stilen beider Symposien erfahrbar: Die Autorin Theresa Hannig entwirft in ihrem Roman »Pantopia«[2] die Utopie einer mit digitalen Potenzialen ausgestatteten und konsequent an Menschenrechten orientierten Weltrepublik. Als kommunale Kulturverwaltung versteht das Kulturforum Witten inmitten eines lebendigen städtischen Netzwerks Digitalität als Kunstform und eröffnet Möglichkeitsräume für Experimente. Damit entwickelt es nicht nur ein Pilotprojekt für Kultur und Kulturpolitik, sondern auch für die Stadtentwicklung. Über ein Kooperieren verschiedener Häuser, wie Kampnagel und Deichtorhallen in Hamburg und dem Hebbel am Ufer in Berlin wurde die Open Source Disposoftware »artwork« auf den Weg gebracht, die das Kulturmanagement an großen und kleinen Kulturorten effizienter, ressourcenschonender und kollaborativer aufstellt und weiterentwickelt. Hier entsteht – über ressourcenschonende Werkzeuge des Zusammenarbeitens hinaus – ein zukunftsweisender Gemeinschaftssinn. Als Kreislaufwirtschaft treibt das kurz vor der Umsetzung stehende Konzept des Szenografen-Bund mit einer nachhaltigen Online-Materialbibliothek und einer vernetzten Fundusplattform eine Art Revolution hin zu einem nachhaltigen Entwerfen und Produzieren am Theater voran. Das Performancekollektiv »ArtesMobiles« stellt Forschung und Entwicklung, Datenschutz und auch Partizipation ins Zentrum und öffnet damit insbesondere auch den nachwachsenden Generationen über ihre kulturelle Praxis Ermöglichungsräume für ein gutes Leben. Auch hier heißt es Banden bilden: So können kreative Aushandlungsprozesse im kritischen Hinterfragen und forschenden Vernetzen zu gelebten Utopien werden.

Dieser Beitrag wurde zuerst in den Kulturpolitischen Mitteilungen 184, I / 2024, veröffentlicht, S. 65-68.


[1] Davide Brocchi: „By Disaster or by Design? Transformative Kultur: Von der multiplen Krise zur Systemischen Nachhaltigkeit, Wiesbaden: Springer 2023.

[2] Theresa Hannig: Pantopia. Frankfurt am M.: Fischer 2022.

Foto: Ralf Silberkuhl

Dr. Uta Atzpodien (*1968) ist Dramaturgin, Kuratorin und Autorin und engagiert sich mit transdisziplinären (künstlerischen) Impulsen für einen gesellschaftlich nachhaltigen Wandel und eine kreative Stadtentwicklung. Promoviert hat sie mit »Szenisches Verhandeln. Brasilianisches Theater der Gegenwart« (transcript 2005). Seit 2006 lebt sie in Wuppertal, hat hier)) freies netz werk )) KULTUR mit gegründet und ist u.a. Mitglied des und.Instituts für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit. Sie ist Leiterin des Projektes »Auf dem Weg in die Next Society? Kulturen der Digitalität für einen nachhaltigen Wandel« der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V.