Landesgruppe Thüringen

Aktuell

Mehr als nur vergünstigte Tickets. Kulturfördervereine als zivilgesellschaftliche Scharniere zwischen Institution und Besuchern

In der gemeinsam von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und der Regionalgruppe Thüringen der Kulturpolitischen Gesellschaft ausgerichteten Reihe »Thüringer Debatte zur Kulturpolitik« war am 16. September 2019 Frau Ulrike Petzold, Geschäftsführender Vorstand des Dachverbands der Kulturfördervereine, zu Gast in Erfurt. Sie sprach im Rahmen des Jahresthemas »Akteure in der Kulturpolitik« zum Thema »Kulturfördervereine als partnerschaftliche Akteure in der Politik«.

Ulrike Petzold erläuterte zunächst die Gründungsgeschichte des 2018 gegründeten »Dachverbands der Kulturfördervereine« (DAKU) und dessen Aufbau. In Deutschland gibt es nach Erhebung des DAKU knapp 10.000 Kulturfördervereine, von denen sich besonders viele in großen und mittelgroßen Städten befinden. Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl gibt es die meisten in Baden-Württemberg. Aber sind es in der Regel kleinere Vereine. Die in der Mehrzahl knapp 100 Mitglieder verfügen zudem über eine in der Mehrzahl begrenzte Kapitalausstattung: 62 % der Vereine können bis 10.000 Euro im Jahr ausgeben. In den Kulturfördervereinen, die in der Regel keine Träger von Institutionen sind, wird die operative Arbeit zu 86 % von freiwillig engagierten, d.h. ehrenamtlichen Bürgerinnen und Bürgern verrichtet.

Michael Grisko (links) im Gespräch mit Ulrike Petzold (rechts); Foto: Sylvie Knoblich 

Die Stärkung des Engagements der Bürgerinnen und Bürger wird realisiert durch Öffentlichkeitsarbeit und Weiterbildungsangebote. Die Lobbyarbeit gegenüber der Politik und Verwaltung zielt auf eine bessere Wahrnehmung, eine stärkere Integration, nicht zuletzt auf die Entwicklung einer Stimme der Kulturfördervereine im kulturpolitischen Prozess. Zur Stärkung der Position gegenüber der Politik dienen statistisch belastbare Daten und Fakten. Darüber hinaus stellte Ulrike Petzold auch Formate zum Wissensaustausch und zur Weiterbildung vor. In ihrer Präsentation unterschied sie zwischen einem qualitativen und einem quantitativen Engagement der Vereine. Während das quantitative Engagement vor allem auf den Ankauf von Kunstwerken, die Unterstützung von Theater-, Konzert-, Ballett- und Opernproduktionen oder den vergünstigten Eintritt in Museen ziele, beziehe sich das qualitative Engagement auf die zivilgesellschaftliche Betätigung der Mitglieder in den Vereinen. Dabei geht es vor allem um die Weitergabe von Erfahrungen und Kompetenzen, um eine Funktion als Impuls- und Ideengeber und um die Vermittlung bei der institutionellen Publikumsgewinnung und Bindung.

Der Kulturförderverein wird im qualifizierten Engagement zu einer weiteren Stimme im kulturpolitischen Prozess. Er kann einerseits in die Institution hinein wirken, indem neue Sichtweisen, Ideen, Impulse in die Institution gegeben werden, andererseits aber auch als zivilgesellschaftliche Scharnierstelle in die Politik und in das weitere Publikum. Diese Scharnierstelle betonte der Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, Tobias J. Knoblich, in der anschließenden Diskussion und hob deren enormes Potenzial hervor. Michael Grisko von Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen wies auf die notwendige Fähigkeit der beteiligten Institutionen hin, diese neuen Impulse auch aufzunehmen. Diese müssten offen sein und die Ideen in aktiv in den Gestaltungsprozess der Institution integrieren, damit diese Prozesspartnerschaft von Institution und Kulturförderverein dauerhaft erfolgreich ist. Damit wird eine neue Form der Agilität in der Institution gefördert und herausgefordert.

In der weiteren Diskussion wurden vor allem Ängste laut, die sich auf Fragen der Verantwortungsübernahme durch Ehrenamtliche in Institutionen und eine weitere Kannibalisierung im Streit um Fördermittel ergaben. Beide Punkte konnte Ulrike Petzold ausräumen, indem sie darauf verwies, dass es dem DAKU vor allem um eine Stärkung der Stimme der Kultur in der Politik und in der Gesellschaft gehe; eben nicht um eine kompensatorische Verantwortungsübernahme von Ehrenamtlichen in Institutionen, sondern um ein zusätzliches Angebot, um eine zusätzliche Mitteleinwerbung und Stärkung der Kultur auch gegenüber der Politik. Es geht also konkret um die Bündelung von Kompetenzen, von Wahrnehmung im politischen Entscheidungsprozess, aber auch um die Einwirkung auf Institutionen durch zivilgesellschaftliches Engagement.

Portrait

Die Landesgruppe Thüringen gehört mit knapp 20 Mitgliedern gleichfalls zu den kleinen Regionalverbänden der Kulturpolitischen Gesellschaft. Ein geographisches Zentrum war lange Zeit Weimar, wo Steffen Höhne von der dortigen Hochschule für Musik die Aktivitäten koordinierte. Daneben hat sich in Erfurt ein weiteres Standbein der Regionalarbeit gebildet, zumal die Landeshauptstadt Dienstsitz des Präsidenten Tobias J. Knoblich ist. Seit Mitte 2013 wirkt dort die »Thüringer Debatte zur Kulturpolitik«, die jeweils ausgesuchte Themen wie » Innovative Rechtsformen für die Kultur«, »Migration«, » Kulturpolitik und Lobbyarbeit« oder »Stiftungen« aufgreift, aber auch aktuelle Entwicklungen der Landeskulturpolitik erörtert.

Organisatorisch betreut und inhaltlich vorbereitet von Sylvie Knoblich, der Sprecherin der KuPoGe-Landesgruppe, ist der Veranstaltungsort Alte Synagoge in Erfurt zu einem zentralen kulturpolitischen Diskursort geworden, der immer öfter auch Nicht-KuPoGe-Mitglieder anspricht. Die Attraktivität des Angebots liegt auch darin begründet, dass mit der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen ein Sponsor gefunden wurde, der die kulturpolitische Veranstaltungsreihe regelmäßig unterstützt. Gegenwärtig laufen die Planungen für 2019, die wiederum ein breites Themenspektrum abdecken sollen, ohne den Bezug zur Landes- und kommunalen Kulturpolitik aus den Augen zu verlieren.

Kontakt

Sylvie Knoblich • Erfurterdebatte@gmx.de